Nachruf

SPD-Urgestein Egon Bahr im Alter von 93 Jahren gestorben

Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

Foto: dpa (Archiv)

Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Foto: dpa (Archiv)

Berlin.  Egon Bahr ist tot. Der SPD-Politiker und langjährige enge Vertraute von Kanzler Brandt starb im Alter von 93 Jahren. Ein Nachruf.

Vielleicht ist es diese Szene, die von Egon Bahr am nachdrücklichsten in Erinnerung bleiben wird: Als Willy Brandt am 7. Mai 1974, dem Tag seines Rücktritts als Bundeskanzler, vor die SPD-Fraktion tritt, sitzt Egon Bahr niedergeschlagen auf seinem Platz. Das Bild des hartgesottenen Polit-Profis, der die Hände vors Gesicht schlägt und in Tränen ausbricht, zeigt wie kein anderes die enge Beziehung zwischen dem Kanzler Brandt und seinem engsten Vertrauten in der schwierigen Zeit der Ostpolitik. Willy Brandts Witwe Brigitte Seebacher-Brandt hat einmal erzählt, Brandt habe kurz vor seinem Tod am 8. Oktober 1992 auf ihre Frage, wer in seiner politischen Karriere nicht nur politischer Mitstreiter, sondern ein Freund geworden sei, nur knapp geantwortet: „Egon.“

Wegbereiter der deutschen Ostpolitik

Egon Bahr war der Wegbereiter der deutschen Ostpolitik während der Kanzlerschaft Brandts von 1969 bis 1974. Unter dem von Bahr geprägten Leitspruch „Wandel durch Annäherung“ suchte Brandt einen neuen Umgang mit den Machthabern in der Sowjetunion und der DDR – es war das umstrittenste Projekt des Kanzlers Brandt, die öffentliche Diskussion um die hoch umstrittene Politik polarisierte die deutsche Öffentlichkeit. Brandt - und mit ihm Bahr – wurde für seinen Kurs scharf kritisiert, ja angefeindet.

In diesen Jahren gab es kaum ein Treffen, kaum eine wichtige Verhandlungsrunde des Ost-West-Dialogs, an der Bahr nicht beteiligt gewesen wäre. Bahr hatte sich schon früh in den 60er-Jahren gegen die bis dahin geltende Haltung der Politik der Stärke des Westens gegenüber dem damaligen Ostblock unter Führung des Kremls gewandt. Bahr war überzeugt, wirkliche Veränderungen im auf Abgrenzung ausgerichteten Ost-West-Verhältnis könnten nur langfristig durch viele kleine Schritte und in einem Klima der Entspannung erfolgen -- vor allem aber nur unter Einbeziehung und mit Billigung der Führungsmacht Sowjetunion.

Bahr, der nach der von der SPD gewonnenen Bundestagswahl 1969 als Staatssekretär im Bundeskanzleramt tätig war, war zugleich Bevollmächtigter der Bundesregierung. In dieser Funktion verhandelte er als Unterhändler mit dem Kreml und mit dem SED-Regime in Ost-Berlin maßgeblich die Ostverträge mit Moskau, Polen und das Transitabkommen mit der DDR. Bahr gilt als „Architekt der Ostverträge“. Eines seiner Bücher, die er später veröffentlichte, trägt den programmatischen Titel „Ostwärts und nichts vergessen“.

Karriere begann als Senatssprecher

Begonnen hatte die politische Karriere Bahrs, als 1960 der damalige Berliner Regierende Bürgermeister Brandt ihn zu seinem Senatssprecher machte. Mit dem Eintritt der SPD in die Bundesregierung 1966 als Partner von CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger folgte Bahr seinem Mentor als Sonderbotschafter und Leiter des Planungsstabs ins Auswärtigen Amt. Nach Brandts Wahl zum Bundeskanzler 1969 berief er Bahr zunächst zum Staatssekretär im Kanzleramt, 1972 dann zum Minister für besondere Aufgaben.

Nicht so eng war Bahrs Verhältnis zu Helmut Schmidt, der Brandt nach dessen Rücktritts wegen der Guillaume-Spionageaffäre als Kanzler nachfolgte. Zwar holte Schmidt den Vertrauten des Parteichefs erneut ins Kabinett, als Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit stand dieser jedoch nicht mehr im Zentrum des Geschehens. 1976 schied er aus dem Kabinett aus. Dies hielt Bahr allerdings nie davon ab, sich auch kritisch immer wieder zu Wort zu melden, auch in seiner Zeit von 1976 bis 1981 als Bundesgeschäftsführer der SPD. Anfang der 80er-Jahre zählte er zu den Gegnern des von Schmidt vehement befürworteten Nato-Doppelbeschlusses. Bis zuletzt meldete sich Bahr zu politischen Themen zu Wort, etwa in der Ukraine-Krise.

Und auch die SPD setzte weiter auf das Verhandlungsgeschick und die Verschwiegenheit des alten Polit-Fuchses Bahr. Auf Wunsch von Parteichef Sigmar Gabriel führte Bahr über Jahre hinweg Geheimgespräche mit der Linkspartei – um Möglichkeiten und Chancen einer Zusammenarbeit auszuloten. Bahr sei ein großer Vordenker mit einzigartiger politischer Tatkraft gewesen, sagte Gabriel nun nach der Nachricht von Bahrs Tod: „Er vertraute wesentlich auf die Macht der Freiheit und die Kraft des Gesprächs.“ (Mit Material von dpa)

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