Nachruf

Wegbereiter der Einheit

Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren nach einem Herzinfarkt gestorben. Der SPD-Politiker galt als der Architekt der neuen deutschen Ostpolitik unter Willy Brandt.

Foto: dpa

Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren nach einem Herzinfarkt gestorben. Der SPD-Politiker galt als der Architekt der neuen deutschen Ostpolitik unter Willy Brandt. Foto: dpa

Berlin.   Egon Bahr ist tot. Der SPD-Politiker war der engste Vertraute von Willy Brandt. Er prägte die Formel „Wandel durch Annäherung“ im Verhältnis zur DDR.

Die größte Auszeichnung seines Lebens, so hat es Egon Bahr einmal erzählt, sei ein einziges Wort von Willy Brandt gewesen. „Wer waren Deine Freunde?“, war Brandt auf dem Sterbebett von seinem Sohn Lars gefragt worden. Brandt sagte nur: „Egon“. Das sei „der höchste Orden, den ich je bekommen habe“, meinte Bahr später. Er war der engste Vertraute Brandts, der Stratege hinter dem charismatischen Kanzler – in ihrer ungewöhnlichen politischen Lebensgemeinschaft war der eine ohne den anderen nicht denkbar.

Zusammen konzipierten sie die westdeutsche Ostpolitik der 60er- und 70er-Jahre, die den Weg zur deutschen Einheit bereitete. Am Mittwoch ist Bahr mit 93 Jahren in Berlin gestorben, an den Folgen eines Herzinfarkts, seine zweite Frau Adelheid war bei ihm.

Er war ein Friedenspolitiker

In den ersten Nachrufen wurde er als großer Sozialdemokrat und Friedenspolitiker gewürdigt. Politisch aktiv war Bahr bis zuletzt: Mehrmals in der Woche fuhr er noch in sein Büro in der SPD-Zentrale in Berlin, diskutierte mit führenden Genossen, hielt Vorträge oder referierte im Parteivorstand über Entspannungspolitik. Erst im Juli war Bahr in Moskau, warb mit Michael Gorbatschow für einen neuen Anlauf in den deutsch-russischen Beziehungen.

Aber seine große Zeit lag Jahrzehnte zurück. Geboren wurde Bahr im thüringischen Treffurt. Nach Abitur und einer Ausbildung zum Industriekaufmann wurde er 1942 Soldat, zwei Jahre später folgte die Zwangsversetzung in die Rüstungsproduktion – er hatte seine jüdische Großmutter verheimlicht.

Karriere als Journalist

Nach dem Krieg machte Bahr schnell Karriere als Journalist, zehn Jahre lang war er Chefkommentator des Senders Rias. Früh sympathisierte er mit der SPD, lernte den damaligen Berliner Landeschef Willy Brandt kennen, gegen dessen Rat er 1956 in die SPD eintrat. Vier Jahre später berief ihn Brandt, inzwischen regierender Bürgermeister Berlins, zum Chef seines Presseamtes. Das war der Beginn einer lebenslangen engen Zusammenarbeit. Brandt entwarf die Visionen, Bahr konzipierte, formulierte und testete für seinen Chef politische Reaktionen.

Zur Wegmarke wurde eine Rede an der Evangelischen Akademie Tutzing 1963, in der Bahr für das künftige Verhältnis zur DDR die Formel „Wandel durch Annäherung“ prägte. Das Konzept setzte Bahr um, als Brandt 1966 Außenminister wurde und ihn zum Planungschef machte. Mit dem Wechsel ins Kanzleramt 1969 wurde Bahr Unterhändler für die Verhandlungen mit Moskau, Ost-Berlin und Warschau. 1972 belohnte ihn Brandt für die Ost-Verträge mit dem Titel eines Bundesministers für besondere Aufgaben.

„Tricky Egon“ auf geheimer Mission

Seine teils geheimen Missionen waren immer wieder Gegenstand von Spekulationen: „Tricky Egon“ pflegte einen verdeckten, offiziösen Kanal nach Moskau, den er später an Kanzler Helmut Kohl übergab. Bahr verstand Politik als eine Mischung aus Kunst und Psychologie, meisterhaft filterte er bei seinem Gegenüber gemeinsame Interessen heraus. Das Vertrauensverhältnis zu Brandt wuchs langsam, bei aller Freundschaft blieb Distanz: „Man konnte Brandt nur nahekommen, wenn man ihm nicht zu sehr nahekommt“, erinnerte er sich. Der Rücktritt des Kanzlers 1974 wegen der Guillaume-Affäre erschütterte den Vertrauten, bis zuletzt beschäftigte ihn der jähe Sturz, den er für ungerechtfertigt hielt.

Er wurde SPD-Bundesgeschäftsführer

Der SPD-Politiker blieb nach Brandts Rücktritt noch zwei Jahre als Entwicklungsminister, wurde dann SPD-Bundesgeschäftsführer und später Direktor des Instituts für Friedensforschung der Uni Hamburg. Bis zuletzt beschäftigte ihn die Außenpolitik. Sorgenvoll verfolgte er den Vertrauensverlust der Politik und beklagte fehlende Leidenschaft für Europa. „Wir Menschen vergessen gerne, dass der Frieden keine Selbstverständlichkeit ist“, mahnte Bahr. „Es kann schnell alles verloren gehen.“

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