Bochum.

Für zehnjährigen Jungen kam jede Hilfe zu spät

Bochum.  Ein seit Donnerstagnachmittag gesuchter zehnjähriger Junge aus Wattenscheid ist tot. Polizeibeamte fanden ihn am Freitagmorgen gegen 8.35 Uhr an der Bahnstrecke unweit des Bochumer Hauptbahnhofs, 16 Stunden nach seinem Verschwinden. Trotz notärztlicher Wiederbelebung starb der Junge wenig später im Krankenhaus. Nach Auskunft der Bundespolizei wies er Kopfverletzungen auf. Noch am Freitag wurde er obduziert.

Die Umstände sind bislang ungeklärt, unter denen der an Autismus leidende Junge auf das Bahngelände kam. Er hatte am Donnerstagnachmittag mit seiner Mutter eine Theatervorstellung der Aral-Laienspielschar in einem nahegelegenen Berufskolleg besucht und war kurz nach 16 Uhr verschwunden.

Der Donnerstagnachmittag war besonders düster. Der Wind peitschte über die Stadt und machte das Gelände des Parks, der sich unmittelbar hinter der Schule und der Aral/BP-Verwaltung erstreckt, besonders unwirtlich. Unter normalen Umständen würde sich in dieser Dämmerung niemand zwischen die gefährlich schwankenden alten Bäume des ehemaligen Friedhofs wagen. Doch offenbar wählte der Junge genau diesen Weg.

„Weglauf-Tendenzen sindbei Autisten häufig“

Nach Auskunft der Polizei hatte die Suche unmittelbar nach dem Verschwinden des Jungen begonnen, der die geistige Entwicklung eines Dreijährigen gehabt habe. Bis zu den Morgenstunden waren die Kräfte im Einsatz, ehe der Junge an der Bahnstrecke gefunden wurde. Ob es zu einem Bahnunfall gekommen ist, ob Fremdverschulden oder gar ein Verbrechen vorliegt, war am Freitag noch ungeklärt.

Noch ist auch unklar, wie und warum sich der Junge von seiner Mutter trennte. „Weglauf-Tendenzen sind bei Autisten häufig“, sagt Melanie Bornscheuer, die Leiterin des Fachdienstes Autismus bei der Familien- und Krankenpflege in Bochum.

Von der angeborenen Entwicklungsstörung ist nach aktuellen Studien jeder 400. Mensch betroffen. Die Erkrankten haben zwar oft verblüffende Begabungen (Zeichnen, Rechnen, Musik), zugleich aber erhebliche Einschränkungen in ihrem Sozialverhalten und der Kommunikation. Viele Autisten kapseln sich von ihrer Umgebung ab, leben in ihrer eigenen Welt. Ihr Verhalten sei für das Umfeld, auch für engste Familienangehörige, „unkalkulierbar, schlicht nicht vorhersehbar“.

Den Autismus zu heilen ist nicht möglich. Allerdings ist ein Autist nicht krank, sondern ein Mensch, der die Welt anders wahrnimmt und erlebt. Viele Autisten können durchaus ein zufriedenes Leben führen.

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