EM-Prognose

Warum die BVB-Stars mit Polen den EM-Titel holen können

Warmlaufen für die EM: Polens Nationalspieler Robert Lewandowski, Lukasz Piszczek und Jakub Blaszczykowski (v.l.) von Borussia Dortmund.

Foto: imago

Warmlaufen für die EM: Polens Nationalspieler Robert Lewandowski, Lukasz Piszczek und Jakub Blaszczykowski (v.l.) von Borussia Dortmund. Foto: imago

Essen.  Spanien, Deutschland, Holland, England und Frankreich gehören zu den Mannschaften, die als heiße Anwärter auf den EM-Gewinn gehandelt werden. Doch aus dem Schatten der vermeintlich großen Fußball-Nationen könnte bei der Euro 2012 auch Polen ins Rampenlicht rücken. Warum der EM-Gastgeber Europameister werden kann – eine Titel-Prognose.

Wer den Buchmachern Glauben schenkt, kann gutes Geld verdienen, wenn er seine Euros vor Beginn der Euro 2012 auf einen Titelgewinn der Polen setzt. Die Mannschaft des EM-Gastgebers belegt im Querschnittsranking der bekanntesten deutschen Wettanbieter Platz elf – noch hinter Kroatien und Co-Gastgeber Ukraine. Stellt sich die Frage: Warum hat eigentlich kaum jemand die Polen ganz oben auf dem Zettel?

Das polnische Sommermärchen beginnt mit dem Heimvorteil. Die Mannschaft von Trainer Franciszek Smuda bestreitet am 8. Juni das EM-Eröffnungsspiel in Warschau. Dort, wo sich das neu errichtete Nationalstadion mit seinen Stahlträgern über die Hauptstadt erhebt. Auf dem Rasen, zwischen 58.000 Zuschauern, die das polnische Team zum Turnierstart nach vorne peitschen. Gegen Griechenland, den Ex-Europameister, dessen Defensive zwar hohe Pleiten verhindern kann, aber einem zielgerichteten, schlagfertigen gegnerischen Offensivspiel, wie es die Polen aufziehen können, kaum gewachsen sein dürfte.

Polonia Dortmund

Womit man schon beim polnischen Personal wäre. Einem 23-köpfigen Kader mit einem Altersschnitt von 25,13 Jahren – und darunter drei BVB-Profis, die als Deutscher Meister ins Turnier gehen: Lukasz Piszczek, dem Rechtsverteidiger, der offenbar vom spanischen Meister Real Madrid umworben wird. Jakub Blaszczykowski, dem Kapitän der polnischen Nationalmannschaft, der die rechte Außenbahn besetzt. Und Stürmer Robert Lewandowski, Polens Fußballer des Jahres, dem dreifachen Torschützen im DFB-Pokalfinale gegen Bayern München (5:2), der in der abgelaufenen Meisterschaftssaison 22 Mal und damit so häufig wie kein anderer polnischer Bundesliga-Spieler vor ihm traf.

Zum Vergleich: EM-Titelanwärter Deutschland hat in der vermeintlichen Startelf sechs Vize-Bayern, der EM-Gastgeber dagegen hat Polonia Dortmund, drei Siegertypen, die in bestechender Form sind.

Polen nicht nur wegen BVB-Profis EM-Titelanwärter 

Doch es sind nicht nur die Borussen, die das Nachbarland zum Titelanwärter machen. Im Tor steht Wojciech Szczesny vom englischen Champions-League-Teilnehmer FC Arsenal. Auf der linken Abwehrseite spielt Sebastian Boenisch von Werder Bremen, der mit seinem Klub zwar eine schwache Bundesliga-Rückrunde bestritten hat, dessen Qualitäten aber unbestritten sind. Im Mittelfeld gesellt sich zu Dortmunds Blaszczykowski noch Eugen Polanski vom FSV Mainz 05, der beim 4:0-Sieg im letzten EM-Test gegen Andorra auch zur Anfangsformation gehörte. Gespielt wurde dabei übrigens in Warschau – als Vorgeschmack.

So entscheidend wie der Heimvorteil und das Personal sind nach dem Turnierstart auch der weitere Verlauf und die Konkurrenz. Polen trifft am 12. Juni – erneut in Warschau – auf Russland und am 16. Juni, diesmal in Breslau, auf Tschechien. Damit hat das Team um Kapitän „Kuba“ zwar beileibe keine leichten Aufgaben zu lösen, aber andererseits zwei Gegner vor der Brust, die ihren sportlichen Zenit überschritten haben dürften.

Die goldene Generation zum Beispiel ist bei den Tschechen längst Geschichte.Petr Cech, Tomas Rosicky und Milan Baros sind die letzten Überbleibsel eines einst stets hoch gehandelten Ensembles der großen Namen, das aber ohne großen Titel blieb.

„Der kleine General“ Advocaat

Die Russen dagegen wussten bei der EM 2008 zwar zu glänzen, treten aber 2012 mit fast identischer Besetzung an − und genau hierin könnte das Problem liegen: Die Spieler sind vier Jahre älter geworden und vermeintlich nicht mehr so spritzig wie noch bei der Endrunde in Österreich und der Schweiz.

Zudem steht mit Dick Advocaat ein Trainer an der Seitenlinie, dessen Ende der Amtszeit als russischer Teamchef schon besiegelt ist, bevor das Turnier beginnt. „Der kleine General“, wie er 1984 nach seiner Berufung zum Assistenztrainer der niederländischen Nationalmannschaft von der holländischen Presse getauft wurde, unterschrieb im Mai einen Vertrag beim PSV Eindhoven, nachdem er sich mit dem russischen Verband zerstritten hatte. Allesamt keine guten Vorzeichen für die „Sbornaja“ – aber ein weiterer Vorteil für die Polen.

Polen kann jeden EM-Konkurrenten schlagen 

Ob als Gruppenerster oder -zweiter träfe das polnische Team im Viertelfinale auf einen Gegner aus Gruppe B, die mit Deutschland, Portugal, Holland und Dänemark recht stark besetzt ist. Einfach mal angenommen, Polen stünde als Sieger der Gruppe A der deutschen Elf gegenüber, die in der Vorrunde hinter Holland Platz zwei belegt. Dann träfen Gedankenspiele über mögliche Paarungen der näheren Zukunft wohl auf die Fakten der jüngsten Vergangenheit Und da der Unterschied zwischen schwarzgelben Siegern und bajuwarischen Verlierern ja schon erläutert und durch fünf Dortmunder Pflichtspiel-Triumphe in den letzten fünf Spielen gegen München untermauert wurde, kann der Gewinner im Nachbarschaftsduell eigentlich nur Polen heißen.

Warum aber Mutmaßungen über weitere Gegner anstellen, wenn eigentlich nur gesagt werden soll: Polen kann mit seinem Kader jeden Turnier-Konkurrenten schlagen.

Motivation und Leidenschaft

Über das Personal lässt sich der Bogen auch zum letzten Faktor spannen, der über den Gewinn des EM-Titels entscheiden kann: die Einstellung. Denn wohl keine andere qualitativ vergleichbar besetzte Mannschaft dürfte eine derart hohe Motivation in den Wettbewerb tragen wie die Elf des Gastgebers. Die Polen werden ihre ganze Leidenschaft ins Spiel werfen, weil es „ihr“ Turnier ist. Und sie werden – obgleich das Finale in der Ukraine ausgetragen wird − ihrem Land und den Fans auch den EM-Titel schenken wollen, wenn sie erst einmal im Stadion von Kiew um die Trophäe spielen.

Denn rund 700 Kilometer entfernt könnten sich die Menschen dann am Abend des 1. Juli zwischen hupenden Autokorsos auf den Straßen in den Armen liegen: In Warschau, wo die Reise zum EM-Titel im Nationalstadion mit 58.000 Fans im Rücken gegen den Ex-Europameister Griechenland begann.

Man sollte die Polen ganz oben auf dem Zettel haben…

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