Türkei-Referendum

Essens OB Kufen hält Doppelpass für ein Integrations-Hemmnis

Zum Fastenbrechen der Muslime im Fastenmonat Ramadan hatte Oberbürgermeister Thomas Kufen 2016 erstmals muslimische Vereine und Verbände sowie Vertreter der Kirche und der jüdischen Glaubensgemeinschaft eingeladen.

Foto: Thomas Goedde

Zum Fastenbrechen der Muslime im Fastenmonat Ramadan hatte Oberbürgermeister Thomas Kufen 2016 erstmals muslimische Vereine und Verbände sowie Vertreter der Kirche und der jüdischen Glaubensgemeinschaft eingeladen. Foto: Thomas Goedde

Essen.   OB Thomas Kufen zeigt sich überrascht von hoher Zustimmung für Erdogan in der türkeistämmigen Bevölkerung. Wie das Ergebnis sonst gedeutet wird.

Nirgendwo in Deutschland haben so viele Türken ihr Ja zu Erdogans Verfassungsreform bekundet wie im Bereich des Essener Generalkonsulats. Oberbürgermeister Thomas Kufen hält das für bedrückend und macht im Gespräch mit dieser Zeitung eine inkonsequente Integrationspolitik für dieses Ergebnis mitverantwortlich.

Die Chance, sowohl deutscher wie gleichzeitig türkischer Staatsbürger zu sein, befördert nach Ansicht Kufens die Neigung, „mit dem Kopf in Deutschland, mit dem Herzen aber in der Türkei zu leben“. Der Doppelpass sei ein Hemmnis für die Integration und gehöre möglichst abgeschafft.

Wichtig sei allerdings auch, den Gesprächsfaden zu den türkischen Vereinen und Verbänden nicht abreißen zu lassen. der OB erklärte, er wolle verstehen, warum es zu diesem Ergebnis kam, das in der Höhe auch für ihn eine Überraschung gewesen sei.

Burak Copur, Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, verweist auf die Sozialstruktur der hier lebenden Türken. Viele stammten von der Schwarzmeerküste und aus Anatolien; eben dort erzielte Erdogan besonders hohe Zustimmungswerte. Oft handele es sich um Angehörige bildungsferner Schichten, die einem islamisch-konservativen Milieu entstammten. Die Nähe zur alten Heimat sei nach wie vor groß.

Was ist schief gegangen bei der Integration?

Zumindest in diesem Punkt ist Copur sich einig mit Muhammet Balaban. Der langjährige Vorsitzende des Integrationsrates hat selbst nicht abgestimmt, weil er ausschließlich den deutschen Pass besitzt, macht aber keinen Hehl daraus, dass er zu den Anhängern des Ja-Lagers von Präsident Erdogan zählt.

In der gegenwärtigen Krisensituation brauche die Türkei einen starken Präsidenten, ist Balaban überzeugt. Die hohe Zustimmung unter im Ruhrgebiet lebenden Türken wertet Balaban auch als Trotzreaktion auf die Haltung der Europäer. Dass eine türkische Ministerin in Essen nicht habe reden können, hätten hier lebende Türken für grundfalsch gehalten. Als Gradmesser für die Integration will Balaban das klare Votum pro Erdogan nicht werten. „Das hat mit Integration nichts zu tun.“

Copur wirbt hingegen für eine kritische Bestandsaufnahme: Was ist schief gegangen bei der Integration? Wo liegen die Versäumnisse der Türkeistämmigen? Welche Fehler hat die Politik gemacht?

Gleichzeitig sei es angesagt, sich kritisch mit der Ideologie von Erdogans AKP auseinanderzusetzen, meint der Wissenschaftler. Diese propagiere den Führerkult und verherrliche Gewalt. „Das ist gefährlich für den Zusammenhalt, auch in Essen, und birgt die Gefahr in sich, dass Konflikte mit Gewalt ausgetragen werden.“

Copur weist auch daraufhin, dass sich 50 Prozent der hier lebenden Türkeistämmigen gar nicht an der Abstimmung beteiligt haben. Sei es, weil sie sich heraushalten wollten aus der Politik, oder weil sie ihren Lebensmittelpunkt längst in Deutschland sähen. Welche persönlichen Motive den einzelnen auch bewogen haben mögen – der Türkeiexperte warnt davor, die Menschen über einen Kamm zu scheren und antitürkische Ressentiments zu wecken. Dies spiele nur jenen in die Hände, die sich in einer Opferrolle sähen und helfe Erdogan.

Fest steht: Der Wahlkampf hat tiefe Spuren hinterlassen. Die türkeistämmige Bevölkerung sei gespalten, berichtet Yilmaz Gültekin, Ratsherr der Linken, der für das Nein-Lager geworben hat. „Man sieht die anderen als Gegner.“ Vieles hänge nun davon ab, wie es in der Türkei weiter geht. „Das wird sich auch in Deutschland widerspiegeln.“ Es werde Zeit brauchen, bis die Menschen wieder aufeinander zugehen.

Sozialdezernent wirbt für mehr politische Bildung

Diese Einschätzung teilt auch Serdar Ablak von Ruhrdialog, einem der Gülen-Bewegung nahe stehenden Verein. Es bedürfe vieler kleiner Schritte. Der Sieg Erdogans mache es nicht leichter. In Sachen Integration hat Ablak eine klare Meinung: „Man kann nicht geistig in der Türkei leben und sein Leben gleichzeitig hier führen.“

Was gilt es zu tun?

„Wir benötigen in Essen mehr politische Bildung für alle Bürgerinnen und Bürger! Die bei uns lebenden Migranten müssen dabei verstärkt unsere ganz besondere Zielgruppe von politischer Bildung sein. Nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch für erwachsene Frauen und Männer“, meint Essens Sozialdezernent Peter Renzel. Darüber hinaus bedürfe es dringend auch neuer Formen und Initiativen der Demokratieerziehung und der Demokratiebefähigung. „Wir sind alle gemeinsam dafür verantwortlich, unsere Demokratie durch mehr politische Bildung zu schützen.“

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen: „Es gibt in der Integrationspolitik zuviel Wischiwaschi“

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