Interview

„Rüttenscheid bleibt ein Stadtquartier für alle“

Dienstag an der Rü - viele Sonnenhungrige zieht es in die Straßencafés an der Einkaufsmeile.

Foto: WAZ FotoPool

Dienstag an der Rü - viele Sonnenhungrige zieht es in die Straßencafés an der Einkaufsmeile. Foto: WAZ FotoPool

Essen-Rüttenscheid.   Wo steht Rüttenscheid? Rolf Krane, Vorsitzender der umtriebigen Interessengemeinschaft, über Wohnen und Mieten, Gastronomie und Geschäfte, Parknöte und politische Verwicklungen mit der Bezirksvertretung II, die ihm sogar schon das Wort verboten hat.

Wäre Essen eine Schulklasse, Rüttenscheid wäre wohl der Musterschüler: Wohnungen, Ladenlokale und Gastronomie sind beliebt, Investoren stehen Schlange, wenn es um bebaubare Grundstücke geht, und als Ausgehquartier steht Rüttenscheid neben dem Dortmunder Kreuzviertel im Ruhrgebiet einzigartig da. Aber ist wirklich alles Gold, was glänzt? Wir wollen Zwischenbilanz ziehen mit Rolf Krane, der als Vorsitzender der Interessengemeinschaft Rüttenscheid (IGR) seit Jahren ein Motor des Stadtteils ist. Frank Stenglein und Jennifer Schumacher sprachen mit ihm.

Herr Krane, Rüttenscheid geht’s gut, oder?

Rolf Krane: Die Frage ist, welche Maßstäbe man ansetzt. Wenn man sieht, wie wenige Leerstände es gibt und wie schnell Wohnungen neu vermietet werden, kann man jedenfalls sagen, dass es den Leuten hier gefällt. Ich werde immer häufiger in Städte eingeladen, in denen ich über die Entwicklung Rüttenscheids referiere, vor kurzem etwa in Witten. Weit über die Grenzen Essens hinaus wird durchaus wahrgenommen, wie gut sich der Stadtteil entwickelt. Ich glaube, dass Rüttenscheid sehr gut da steht, ja.

Woran liegt das?

Krane: Den Charakter Rüttenscheids machen Vitalität und das große Angebot an Freizeit, Kultur, Gastronomie und Einzelhandel aus. Das schätzen neben den Kunden eben auch die Rüttenscheider. Und das wurde ja nicht am grünen Tisch geplant, sondern ist organisch gewachsen. Als es den Bauern in den um 1920 schlecht ging, haben viele ihre Höfe zu Ausflugslokalen umgewandelt. Wir hatten einen Prater, eine richtige Vergnügungsmeile. Auch die Messe wird 100 Jahre alt. Rüttenscheid war also eigentlich immer so.

„Szeneviertel“ zu sein, birgt auch Probleme: Wohnungsmangel, teure Mieten - droht Rüttenscheid eine Verengung als Stadtteil der großstädtischen Besserverdiener?

Krane: Die Mieten sind im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent gestiegen, liegen damit klar unter der Inflation. Dass der Wohnraum knapp ist, liegt einfach daran, dass es begehrt ist, in Rüttenscheid zu wohnen. Das kann ja nicht schlecht sein. Die Sozialstruktur wird sich durch Neubauprojekte wie „Living One“ nicht wesentlich verändern. Das viel zitierte Problem der so genannten Gentrifizierung, also der Verdrängung ärmerer Leute, lässt sich auf Essen nicht übertragen. Wir sind schließlich nicht Berlin oder München sondern das Ruhrgebiet. Und da können wir froh sein, dass wir ein paar attraktive Standorte haben, die sich halten.

Ist wirklich für alle Platz - vom armen Studenten bis zum wohlhabenden Freiberufler?

Krane: Rüttenscheid bleibt ein Quartier für alle. Wenn ich eine markante Eigenschaft nennen müsste, dann ist es die Vielfalt. Das gilt auch für die Menschen, die dort leben.

Täuscht der Eindruck oder tritt auf der Rüttenscheider Straße in Sachen Gastronomie langsam eine Sättigung ein?

Krane: Eine gewisse Sättigung gibt es, aber die Anzahl der Standorte wächst eigentlich nicht mehr. Lediglich gehen die einen raus und andere Gastronomen rein, aus „Reppekus“ wurde etwa das „Zizou“. Es gibt sogar eine Reihe von Läden, die geschlossen haben, wie etwa die Fabricca Italiana. Der Markt bereinigt das - so tragisch das in Einzelfällen ist - meistens von selbst. Bei all dem muss man aber anerkennen, dass alle Gastronomen enormen Einsatz leisten - die investieren ihr gesamtes Vermögen, um es den Kunden recht zu machen. Eine Stadt wie Essen braucht eine solche Amüsiermeile - dabei muss man immer aufpassen, dass das Niveau nicht abfällt. Diese Gefahr sehe ich in Rüttenscheid aber weder im Einzelhandel noch in der Gastronomie.

Ein Problem des Einzelhandels ist, sich gegen Filialisten zu behaupten. Klappt das in Rüttenscheid?

Krane: Natürlich hat es jeder Einzelhändler sehr schwer. Wir haben einen guten Bestand an ausgewählten, inhabergeführten Geschäften. Es fragen aber auch viele Filialisten in Rüttenscheid an. Doch die suchen meistens große Flächen, die wir ohnehin nicht anbieten können.

Außer im Neubau auf dem Grundstück des früheren Hertie-Hauses. Dort siedeln ja nur Filialisten.

Krane: Ja. Nach Entscheidung des Investors sind das aber mit DM, Edeka, Deichmann und Aldi die Läden, die die Kunden anziehen. Was aus der bestehenden Filiale von Aldi wird, ist noch unklar. Der Drogeriemarkt DM dürfte zu den umsatzstärksten in NRW gehören und bleibt bestehen. Für das alte Aldi-Haus gibt es jede Menge Anfragen.

Konflikt an der Gummertstraße 

An der Gummertstraße schwelt wegen des geplanten neuen Wohnungsbaugebiets ein schwerer Konflikt. Die Leute, die dort jetzt leben, wollen nicht weg. Was tun?

Krane: Die Rolle der Stadt wird oft überschätzt. Letztlich kann der Eigentümer mit seinem Eigentum im Rahmen des baurechtlich Erlaubten machen, was er will. Das erkennt man auch gut an der Gummertstraße. Dort stand im Wesentlichen ein altes Baustofflager, das nun durch energiesparende, seniorengerechte und offenbar auch bezahlbare Wohnungen ersetzt wird. Kritisch wird es natürlich, wenn die jetzigen zehn Einfamilienhäuser weichen müssen, was wirklich schade wäre. Das ist ja ein kleines Paradies, das man in Rüttenscheid so gar nicht erwarten würde. Es gibt aber eben auch übergeordnete Interessen. Letztlich ist es eine Sache zwischen dem Eigentümer - hier Immeo - und seinen Mietern. Für den Stadtteil wäre es gut, wenn dort aus einem Guss gebaut werden werden könnte.

Ein Dauerbrenner ist das Thema Anwohnerparken, das die IGR kritisch sieht. Was sind Ihre Befürchtungen?

Krane: Das Anwohnerparken ist eine Erfindung der Politiker, die sich davon Sympathie und Stimmen erwarten. Der Schaden wäre bei einer solchen Pauschalregelung viel größer als der Nutzen. In den reinen Wohngebieten wäre das Instrument ungeeignet, die Bürger würden weiterhin lange nach einem Parkplatz suchen. Außerdem werden viele Firmen erhebliche Probleme bekommen. Im Museumsviertel etwa, wo es Anwohnerparken seit langem gibt, sind einige Unternehmen weggezogen - nicht zuletzt, weil sie ihren Beschäftigten keine Parkmöglichkeiten mehr bieten konnten. Wer die Beschäftigten der Firmen nicht mehr parken lässt, der schadet der Vielfalt Rüttenscheids - und davon hätten dann auch die Rüttenscheider Bürger überhaupt nichts.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Krane: Ich meine, es funktioniert jetzt im Großen und Ganzen. Viele Rüttenscheider fahren morgens zur Arbeit, ihren Parkplatz nimmt jemand ein, der in Rüttenscheid arbeitet. Abends läuft es umgekehrt. Bevor ein Anwohnerparken eingeführt wird, sollte über Alternativen wie ein Park&Ride-Angebot nachgedacht werden. Bemerkenswert ist, dass die Politik die Situation vor Ort nicht geprüft hat, sondern direkt vorgibt, das Anwohnerparken umzusetzen. Als IGR werden wir in diesem Punkt weiter Aufklärungsarbeit bei Bürgern und Politikern leisten. Letztlich wird sich dieses Problem nie zur Zufriedenheit aller lösen lassen. Eines darf man nicht vergessen: In einem urbanen Gebiet ist es unrealistisch zu glauben, man könne direkt vor der Haustür parken.

Bei der Stadtteilpolitik - jedenfalls der Mehrheit von SPD, Linken und Grünen - dringen Sie nicht recht durch. Wie kam es zu der konfrontativen Grundhaltung zwischen IGR und Bezirksvertretung?

Krane: Früher war das Verhältnis ein kollegiales, da gab es dort ein anderes Klima. Leider verlieren die Bezirkspolitiker die Themen durch die Parteibrille oft aus den Augen und arbeiten deswegen nicht konstruktiv miteinander. Mir wurde irgendwann das Wort verboten, obwohl ich immer zur Mitarbeit angeregt habe. Jetzt stehen wir eben allein da, haben aber auch so viel erreicht - wie etwa mit unserer Umwelt- und Pflanzaktion. Beim Thema Sauberkeit sind wir weitergekommen durch die Änderung der Reinigungsintervalle. Ich glaube nicht, dass der Bürger diese Konfrontationshaltung honoriert.

Offenbar ärgert es manchen in der Bezirksvertretung, dass Sie sich so stark einmischen.

Krane: Es gibt Politiker, die irgendwie immer Wahlkampf machen. Denen geht um Macht, was ich gerade in der Stadtteilpolitik für verfehlt halte. Der Nutzen für den Stadtteil gerät da schnell in den Hintergrund. Ich selbst bin in keiner Partei, die IGR ist überparteilich, und dabei bleibt es auch. Mit der Stadtverwaltung mache ich übrigens ganz überwiegend gute Erfahrungen. Das sind Fachleute, die durchaus das große Ganze gesehen - auch wenn es um einen einzelnen Blumenkübel geht. Da ist nicht Ideologie vorherrschend, sondern Sachverstand.

Mit dem Oberbürgermeister, heißt es, kommen Sie gut klar.

Krane: Reinhard Paß ist wie ich Ingenieur und ein sachorientierter Mensch. Und er ist mit Sicherheit ein Freund Rüttenscheids.

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