Gesamtschule

Marianne Birthler: „Wache, mutige Demokraten sein“

Marianne Birthler (einst Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR) trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Fröndenberg ein. Neben ihr Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe, dahinter die Schülersprecher Kira Kazanc (links), Lea Mareen Folgnandt und Samuel Schmitt.

Foto: WP

Marianne Birthler (einst Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR) trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Fröndenberg ein. Neben ihr Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe, dahinter die Schülersprecher Kira Kazanc (links), Lea Mareen Folgnandt und Samuel Schmitt. Foto: WP

Fröndenberg.  Damit hatten die Schüler wohl nicht gerechnet. Referentin Marianne Birthler zückte ihr Smartphone und schoss Fotos von den Jugendlichen in der Gesamtschul-Aula: „Für meine Enkelin“, erklärte die einstige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Der Enkelin hatte sie nämlich ein Foto von der Schule, in der sie zu Gast war, versprochen. Dann ging es endlich los: Marianne Birthler las aus ihrem Buch „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben: Erinnerungen“ und erzählte aus ihrem Leben.

Kirche oder FDJ

Die 67-Jährige gehört zu den Menschen, die in friedlicher Weise dazu beigetragen haben, die DDR zu stürzen. Ihre eigene Schulzeit, so erzählte sie, verlief im „hochsynchronisierten Schulsystem der DDR“. Sie berichtete von der Entscheidung, vor die der Schuldirektor sie als junges Mädchen stellte – entweder dürfe sie ihrem christlichen Glauben nachgehen und sich in der Jungen Gemeinde engagieren oder sie dürfe Mitglied der FDJ (Freie Deutsche Jugend), dem kommunistischen Jugendverband, sein. Zwei Wochen später teilte sie dem Direktor mit, dass sie aus der FDJ austreten wolle – was diesem gar nicht behagte. „Er kam zu dem Entschluss, dass ich doch nicht aus der FDJ austreten müsse“, so Marianne Birthler. Doch ihre Entscheidung stand fest: Sie trat aus.

Leben in zwei Welten

Ihr Abitur konnte sie ablegen, ohne dass sich ihr Austritt negativ ausgewirkt hätte: „Aber ich wusste vorher nicht, ob das Nicht-Angepasstsein gut geht.“ Das Nicht-Angepasstsein zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Ihrer Tochter wurde gesagt: „Mit dem Abitur wird das bei dir nichts – bei deinen Eltern.“ Ihre Kinder lebten in zwei Welten, so Marianne Birthler: „Das Zuhause, wo man über alles reden durfte, und die Schule, wo man über manche Dinge nicht reden durfte.“

Demokratie nicht selbstverständlich

Zwei Unterrichtsstunden waren für den Besuch von Marianne Birth­ler, den Hans-Günter Friese (Vorsitzender des Fördervereins Schmallenbach-Haus) organisiert hatte, veranschlagt. Und es hätten locker vier werden können, ohne dass Langeweile aufgetreten wäre. Ähnlich fasziniert zeigten sich am Abend zuvor die Besucher im Schmallenbach-Haus, in dem Marianne Birthler ebenfalls aus ihrem Buch vortrug. Hans-Günter Friese hatte im vergangenen Frühjahr, nachdem er Birthlers Buch gelesen hatte, Kontakt zu ihr aufgenommen. Der Erlös der Lesung fließt komplett in die Arbeit des Fördervereins.

Auf den Besuch in der Gesamtschule hatten sich die Schüler gut vorbereitet. Die Fragen wollten kaum ein Ende nehmen, so spannend berichtete Marianne Birthler aus ihrem Leben. Sie griff auch die aktuellen Entwicklungen der Pegida-Bewegung auf: „Ich bin froh, dass Menschen dagegen auf die Straße gegangen sind.“ Demokratie sei keine Selbstverständlichkeit. Marianne Birthler ermunterte die Jugendlichen, „wache, mutige Demokraten zu sein“.

Zum Schluss trug sich Marianne Birthler im Beisein von Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe in das Goldene Buch der Stadt Fröndenberg ein.

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