Justizvollzugskrankenhaus

Schicksale hinter grau-grünem Beton

„Sie nehmen sich so viel vor, werden entlassen - und betrinken sich dann doch wieder“, sagt Dr. Jochen Woltmann (2 von rechts) über gute Vorsätze von Abhängigen. Das Bild zeigt ihn mit seinem Team.

Foto: Silas Schefers

„Sie nehmen sich so viel vor, werden entlassen - und betrinken sich dann doch wieder“, sagt Dr. Jochen Woltmann (2 von rechts) über gute Vorsätze von Abhängigen. Das Bild zeigt ihn mit seinem Team. Foto: Silas Schefers

Fröndenberg.  Reiner Schleypen schleppt sich vom Rollstuhl zum kleinen Tisch im kargen Aufenthaltsraum. Das dünne Haar ist nach hinten gekämmt, die kleinen Augen schauen durch das Fenster nach draußen auf die grau-grüne Betonlandschaft. Vor dem Fenster: Dicke Gitter. Momentan trennen sie ihn von der Außenwelt. Genauso die etlichen Sicherheitsvorkehrungen im Justizvollzugskrankenhaus NRW.

Reiner Schleypen ist 84 Jahre alt. „Bald 85“, sagt er und lacht. 2011, da war er 80, schmuggelte Schleypen „Pep“ über die Grenze, eine Droge mit aufputschender Wirkung. „Fünf Mal ging es gut. Dann wurde ich festgenommen“, erinnert er sich. Ob er es wieder tun würde? „Ich weiß, dass es nicht korrekt war. Aber ich brauchte Geld.“ Er sei in Not gewesen. Es war seine erste Straftat.

Alkohol- und Leberprobleme

Für Dr. Jochen Woltmann und seine Kolleginnen steht Visite auf dem Programm. Woltmann, groß, schlank und grauhaarig, hält den Schlüssel fest in der Hand. Hinter den Türen warten Patienten auf ihn. Manche mit typischen Beschwerden: Herzleiden, Nierenleiden, Diabetes. Andere mit justiztypischen Leiden. Das heißt: Alkoholsucht, Heroinsucht, Leberprobleme, sagt Woltmann, eigentlich Kardiologe. Eines aber haben sie alle gemein: Sie sind verurteilte Straftäter. Auch der Patient hinter der ersten Tür. „Hier darf weibliches Personal nur in Begleitung rein.“ Er verhalte sich gegenüber Frauen zunehmend aggressiv. „Sicher ist sicher“, sagt Woltmann.

Er öffnet die erste schwere Metalltür. Es ist dunkel im Zimmer. Kalter Rauch liegt in der Luft. Auf dem Bett sitzt ein älterer Mann. Weißer Vollbart, freundliches Lächeln. „Danke, Herr Doktor“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Ein kurzes Gespräch über seinen Zustand, dann verlassen Dr. Jochen Woltmann und seine Kolleginnen das Zimmer wieder. „Ich kenne die Geschichten der Patienten nicht immer.“ Dieser Patient aber sei behandlungsschwierig. „Es könnte sich auch um psychosomatische Probleme handeln.“ Die Metalltür schließt sich mit einem dumpfen Schlag.

Reiner Schleypen atmet tief durch, wenn er sich an die Vergangenheit erinnert. Eigentlich ist der gebürtige Mönchengladbacher Architekt. Nach der Wende verliert Schleypen Millionenbeträge, sein Bauunternehmen geht Bankrott. „Und da begannen die finanziellen Probleme“, sagt Schleypen in rheinischem Dialekt.

Gute Vorsätze halten nicht

Der 84-Jährige wirkt unnahbar, ruhig, cool. Reiner Schleypen hat ganz andere Dinge überstanden als das Gefängnis. Sein fünfjähriges Kind wurde vor vielen Jahren überfahren und starb. Als er Tote aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges bergen musste, wurde er selbst verschüttet. 13 Stunden lag er unter den Trümmern. Schleypen nimmt einen großen Schluck Wasser.

Dr. Woltmann setzt seine Visite fort. Der gläubige Christ sei auch aus Nächstenliebe Arzt geworden, erzählt er. Viele junge Menschen liegen auf der Station, „viele von ihnen mit denselben Problemen: Alkohol oder Drogen.“

Eines kennt Woltmann dabei nur zu gut: Die Vorsätze. „Sie nehmen sich so viel vor, werden entlassen und betrinken sich dann doch wieder hemmungslos“, sagt Woltmann und schüttelt mit dem Kopf. Er muss weiter, andere Patienten warten. Alle brauchen sie seine Hilfe.

Reiner Schleypen wirkt müde. Als er verschüttet wird, zieht er sich eine große Verletzung am Auge zu. Bis heute hat er damit Probleme, ebenso mit dem Herzen. Schleypen wurde verurteilt, aber nicht inhaftiert. Darauf besteht er. Er ist haftunfähig. Die Gefängnisse können ihn nicht pflegen. „Irgendjemand hat beschlossen, dass ich hierhin muss, wenn ich Krankenhaus-Behandlungen brauche“, sagt er. Ob er wieder nach Hause komme, sei noch unklar.

Und überhaupt: Man wisse ja nie, was in der Zukunft so kommt. Reiner Schleypen lehnt sich zurück und schaut durch die vergitterten Fenster. Vor ihm liegt der Innenhof.

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