Flüchtlinge

Beim Kochen lernen sich Flüchtlinge und Breckerfelder kennen

Kochen gemeinsam (von links): Mehdi, Kaveh, Mana, Roswitha Meister und Sama.

Foto: Michael Kleinrensing

Kochen gemeinsam (von links): Mehdi, Kaveh, Mana, Roswitha Meister und Sama. Foto: Michael Kleinrensing

Breckerfeld.   Beim „Social Cooking“ des Forums Flüchtlinge überwinden Zuwanderer und Breckerfelder Berührungsängste. Die leckersten Rezepte gibt es hier.

Teigtaschen sind eine ausgesprochen komplexe Sache. Kleines Klößchen formen, von oben eine Mulde hineinkneten, langsam zwischen die Finger gleiten lassen, Masse einfüllen, zuklappen, Ränder verdichten, schnell.

Schnell vor allem deshalb, weil die Massen, die es in der vielleicht sieben Quadratmeter großen Küche noch abzuarbeiten gilt, riesig sind. Keiner weiß, wer all diese Köstlichkeiten einmal essen soll. Und trotzdem halten wir uns ran.

Eine außergewöhnliche Familie und ihre Geschichte

Ghanim knetet und lächelt. Der Reporter verzweifelt, was für allgemeine Heiterkeit in der Küche sorgt. Er verzweifelt nicht bei der routinierten Arbeit mit Stift und Block. Sondern bei der mit den Fingern, an deren Ende in viel Fett gebratene Teigtaschen mit einer schon ohne Tasche leckeren Hackfleisch-Tomaten-Kräuter-Knoblauch-Füllung stehen.

Der Reporter ist Küchenhilfe. Auch deshalb, weil kochen verbindet. Mehr zumindest als jedes normale Interview über eine außergewöhnliche Familie und ihre Geschichte.

Flucht mit fünf Geschwistern

„Social Cooking“ heißt die Aktion, die das Forum Flüchtlinge an den Unterkünften in der Hans-Berger-Straße in Zurstraße zum ersten Mal ins Leben gerufen hat. Um Menschen, die aus aller Herren Länder nach Breckerfeld gekommen sind, und diejenigen, die zum Teil seit Generationen auf der Höhe leben, zusammenzubringen.

Zum Beispiel den Reporter und Ghanim (28), den Vorstand einer jesidischen Familie aus dem Irak, der mit seiner Frau Hadia (23) und fünf Geschwistern aus der Gegend von Mossul vor Krieg und Terror geflohen ist.

Die Familie steht im Irak vor dem Nichts

Die Teigtasche ist eine Art Bindeglied, die an diesem Tag mehr Mittel zum Zweck ist.

Dieser Zweck ist es, mehr über den anderen zu erfahren und über das, was ihn bewegt.

Also erzählt Ghanim – von einem ehemaligen Zuhause, das er längst nicht mehr als solches bezeichnen würde. Vielleicht auch, weil es so, wie er es einmal geliebt hat, gar nicht existiert. „Unser Haus“, sagt Ghanim, „ist zerstört worden.“ Die Familie stand vor dem Nichts.

Abenteuerliche Flucht durch halb Europa

Ghanim, seine Frau und seine Geschwister machten sich auf den Weg. 1000 Euro pro Person kostete die abenteuerliche Flucht zunächst in einem Bus über die türkische Grenze und dann weiter nach Griechenland. „Sechs Tage haben wir dort im Gefängnis gesessen“, sagt Ghanim. Alle – auch Cina, gerade 15 Jahre alt, die jetzt die siebte Klasse der St.-Jacobus-Realschule in Breckerfeld besucht.

Seit rund 14 Monaten leben Ghanim und seine Familie in Deutschland. Zunächst in Bergneustadt, dann in Breckerfeld, wo sie zunächst gar nicht hin wollten, längst aber angekommen sind und sich ausgesprochen wohl fühlen. Was auch an all den ehrenamtlichen liegt, die sich wie Renate Bergmann im Forum Flüchtlinge engagieren und sich um die Familien und ihre Nöte kümmern.

Familie möchte den vielen Helfern etwas zurückgeben

„Ghanim war erst skeptisch, in so einen kleinen Ort wie Zurstraße zu ziehen, wo es ja direkt vor Ort nicht einmal eine Einkaufsmöglichkeit gibt“, erzählt Renate Bergmann. „Aber er, seine Frau und seine Geschwister haben sich zu einer richtigen Vorzeigefamilie entwickelt. Sie haben darauf bestanden, die Lebensmittel, die wir für das Social-Cooking brauchen, selbst zu bezahlen, weil sie finden, dass in Deutschland schon so viel für sie getan wird und sie zumindest einen kleinen Teil zurückgeben wollen.“

Alle lernen Deutsch. Die Familie kann in Kürze in eine richtige Wohnung am Alten Ostring ziehen. Cina geht in eine Regelklassen, Adnan (17) bekommt bald die Möglichkeit, das Hildegardis-Gymnasium zu besuchen, Dakhil (20) hat bereits ein Praktikum im Friseursalon Schourp gemacht und strebt eine Ausbildung an.

Die Zukunft liegt in Breckerfeld

Und auch Ghanim, der sich im Irak mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und bei VW Ritter in einen möglichen Beruf als Kfz-Mechatroniker hineingeschnuppert hat, hat klare Vorstellungen: „Wir wollen hier unsere Zukunft aufbauen. Ich muss möglichst schnell besser Deutsch lernen und dann eine Ausbildung absolvieren.“

Cina schüttet noch einmal eine große Menge Fett in die Pfanne und legt die letzten Teigtaschen hinein. Hadia holt Fladenbrot aus dem Ofen und zieht ein Blech mit gebackenem Hühnchenfleisch und Gemüse heraus. Dazu gibt es noch eine Suppe. Und natürlich all das, was in den Gemeinschaftsküchen und in den anderen Wohnungen an diesem Nachmittag gekocht wurde. Köstlichkeiten von Menschen aus anderen Ländern. Teigtaschen und andere komplexe Dinge. . .

Mehr über Flüchtlinge in Breckerfeld lesen Sie hier.

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