Wortduell

Brandt und Erhard duellierten sich vor 50 Jahren in Hagen

Foto: WP

Hagen/Eckesey.   Heute vor 50 Jahren sprach Willy Brandt unter anderem auf dem Wielandplatz in Eckesey. Der damals amtierende Kanzler Erhard an der Ricarda-Huch-Schule. Auf den Spuren eines Wortduells.

Mögen die Eckeseyer mit den Füßen aufstampfen und motzen. Aber die Wette, dass Willy Brandt – würde er heute versuchen, Kanzler zu werden – nicht auf dem Wielandplatz sprechen würde, ist so sicher wie die 15 Euro, die der Fahrer eines Fiats latzen darf, der gerade in die Radarfalle an der Schillerstraße gerauscht ist. Die dort übrigens gefühlt schon so lange steht wie der Willy-Brandt-Besuch an gleicher Stelle her ist. Gestern und heute vor 50 Jahren lieferten sich zwei große Persönlichkeiten in Hagen ein Wortduell. Der amtierende Kanzler Ludwig Erhard und sein Herausforderer und späterer Amtsinhaber Willy Brandt.

Stark unterschiedliche Presse

Wie das Wetter vor 50 Jahren war, lässt die alte Fotografie nur bedingt erahnen. Willy Brandt benötigte keinen Regenschirm, er trat im schwarzen Anzug vor die Mikrofone, um zu den Menschen auf dem Wielandplatz zu sprechen.

Dort – und wir können uns einzig und allein auf die Hagener Pressezeugnisse von vor 50 Jahren stützen – wie auch am Abend vor Hunderten Zuhörern im Ricarda-Huch-Gymnasium, hat Brandt entweder eine phänomenal-grandios-emotional-zukunftsweisende Ansprache gehalten oder rhetorisch, menschlich und inhaltlich den allergrößten Mist abgeliefert. Unsere schreibenden Kollegen der beiden großen Hagener Blätter übten sich am Folgetag kräftig in Parteilichkeit. Die einen machten aus Brandt einen Mann, der dem Amt nicht gewachsen ist. Für die anderen hätte Brandt wohl auch über verdorbenes Obst sprechen können – er hätte trotzdem den „allerbesten“ Eindruck gemacht. Für die einen war Erhards Rede an gleicher Stelle am Vorabend ein Hochgenuss. Die anderen beschrieben ihn als Ewiggestrigen, der Brandt niemals das Wasser reichen konnte.

Wie das Wetter gestern auf dem Wielandplatz war, das wissen wir aber ganz genau: ungemütlich. Der Platz: leer und nass. Wie viele andere Plätze in Hagen, ist er nicht mehr der Treffpunkt eines Stadtteils, der sich seit Brandts Besuch stark verändert hat. „Brandt hatte es sicher recht leicht hier damals“, sagt SPD-Mann Sven Söhnchen. Eckesey ist sein Wahlkreis. Und seine Heimat. Ein Ort, in dem vor 50 Jahren viele Arbeiterfamilien lebten, in dem man SPD so standardmäßig wählte wie man eine Konfession hatte.

Als Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, im offenen Mercedes – fast wie John F. Kennedy, den er verehrte – nach Eckesey kam, da musste der spätere Friedensnobelpreisträger niemanden wirklich überzeugen. Er musste ein Heimspiel spielen.

Karl-Georg Krafft war damals als 13-Jähriger in der Siedlung unterwegs, als Brandt, der erst am Wilhelms-Platz und in Haspe gesprochen hatte, anrollte. „Ich erinnere mich nur, dass hier eine Menge los gewesen ist, aber nicht mehr daran, was Brandt erzählt hat.“ Das Foto, das Krafft, Söhnchen und der Vorhaller Genosse Martin Stange in die Kamera halten, schoss der bereits verstorbene Fotograf Arthur Krumme.

Brandt verlor die Wahl

Dessen Frau Lore ist heute 86 Jahre alt. Die einstige Hagener Ratsfrau und ewige Sozialdemokratin erinnert sich noch gut, wie Brandt, begleitet von der damaligen Führungsriege der Hagener Sozialdemokratie, allen voran dem früheren Ministerpräsidenten und Oberbürgermeister Fritz Steinhoff, in Hagen für den „Schichtwechsel“ (Zitat Brandt) von Kanzler Ludwig Erhard warb. Bekanntlich hat Brandt die Wahl verloren und wurde erst 1969, nach dem Rücktritt Georg Kiesingers, Bundeskanzler.

Wandel durch Annäherung – das war das Leitprinzip der Außenpolitik des späteren Kanzlers Brandt. „Es hätte schon erstaunliche Aktualität, wenn er heute noch mal auf dem Wielandplatz sprechen würde“, sagt Sven Söhnchen. Es ist ein Fingerzeig auf seinen Stadtteil, in dem viele Nationalitäten neben deutschen Bürgern leben. Annähern werden sich hier nun auch zwei SPD-Ortsvereine. Vorhalle und Eckesey. Im Rahmen von Umstrukturierungen im Unterbezirk gehen beide Ortsvereine zusammen. Das Gründungsdatum ist heute. 50 Jahre nach Brandts Besuch in Eckesey.

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