Integration

Ein Leben in zwei Gefühlswelten

Serhat Isik führt bereits in der dritten Generation den Sultan-Grill am Graf-von-Galen-Ring. Sein Großvater eröffnete 1990 den Laden. Foto:Michael Kleinrensing

Serhat Isik führt bereits in der dritten Generation den Sultan-Grill am Graf-von-Galen-Ring. Sein Großvater eröffnete 1990 den Laden. Foto:Michael Kleinrensing

Hagen-Mitte.   Der Sultan-Grill wird in der dritten Generation von Serhat Isik betrieben. Damit hat er ein Stück seiner Kultur in seine neue Heimat integriert.

Der Döner gehört zu Hagen wie Nachmittagsstau auf dem Innenstadtring. Er ist Volksspeise geworden und hat sich vom in Anatolien erfundenen „Şiş Kebab“ zur gängisten Auf-die-Hand-Mahlzeit der Stadt entwickelt.

Doch der Döner und die Menschen, die ihn verkaufen, erzählen noch eine ganz andere Geschichte. Die von der schwierigen Integrationsreise seiner eingewanderten Verkäufer. In einem der ersten Dönerläden, der in Hagen 1990 eröffnet wurde, kann man eine solche Geschichte hören. Mittagstisch im Sultan-Grill am Graf-von-Galen-Ring.

Traum von Rückkehr in die Heimat

Serhat Isik (30) spricht voller Respekt von seinem Großvater, der sich Mitte der 60er-Jahre auf die Reise machte. Von der Türkei nach Hagen. So wie Großvater Isik taten es Tausende. Sie kamen, um zu arbeiten. Und viele von ihnen trugen den Traum in sich, eines Tages wieder zurückzukehren mit dem erarbeiteten. Ruhestand in der Heimat. „Bei Opa hat es nicht geklappt. Er ist hier gestorben“, sagt Isik und rührt mit dem Löffel im türkischen Tee.

Sprache? Behördliche Zusammenhänge? Kulturelles Verständnis? Die türkische Einwanderer-Generation der 60er- und 70er-Jahre habe keine Ahnung von alldem gehabt. „Die haben im Supermarkt gegackert und mit den Armen ein Huhn nachgemacht, wenn sie Eier kaufen wollten.“ Das wirkt so hilflos.

Arbeit als Schlüssel zur Integration

Aber hilflos waren sein Großvater, sein Vater und seine Onkel nicht. Denn sie erkannten, dass Integration wie ein Schlüsselbund ist, an dem der größte von allen Schlüsseln die Arbeit war. „Sie haben bei Schöneweiß gearbeitet und später weitere gute Stellen angenommen“, sagt Isik. Im Kontakt mit den Kollegen wurden sie nicht zu Einheimischen, aber Teile der deutschen Kultur integrierten sich in ihre eigene Identität. Als erstes die Sprache, der zweite Schlüssel.

Neben der Schichtarbeit eröffneten die Isiks einen Döner-Imbiss. Der Mut zur Selbstständigkeit, so sieht es auch Serhat Isik, war bei der eingewanderten Generation größer als bei den Menschen, die schon immer in Hagen lebten. Es liegt, so arbeiten es auch wissenschaftliche Studien heraus, daran, dass jene Menschen schon einmal in ihrem Leben das größtmögliche Risiko eingegangen sind. Als sie ihre Heimat verließen. Gepaart mit der Einstellung, dass harte Arbeit notwendig ist, um in der neuen Gesellschaft Fuß zu fassen.

„In solchen Betrieben wie unseren arbeitet man 12, 14 Stunden am Tag“, sagt Isik. Trotz der hohen Dichte in der Stadt, würden Döner-Imbisse wirtschaftlich immer noch gut laufen. Allein im Bahnhofsviertel, wo der Sultan-Grill 1990 eröffnete, gibt es zehn solcher Läden.

Döner-Idee den Hagenern erklärt

Als die Isiks die Döner-Idee nach Hagen verpflanzten, mussten sie den Menschen die Speise erklären. Der Deutsche kannte Brot. Und er kannte Fleisch. Aber nicht Fleisch im Brot. „Jetzt sind wir hier verankert“, sagt Serhat Isik. Sein Vater hat den Traum des Großvaters wahr gemacht und ist zurück in die Türkei gegangen.

„Meine Eltern haben viel von ihrer Lebenszeit in unserem Imbiss verbracht. Jetzt holen sie sich diese Zeit zurück.“ Serhat Isik ist hier. In Hagen. Auch in Zukunft. „Das ist meine Heimat hier. Ich bin hier geboren. Auch wenn man gefühlsmäßig in zwei Welten lebt.“

Ausdruck der Vielfalt

Familien wie die Isiks sind ein Beispiel dafür, wie Integration gelingen kann und wie man gleichzeitig ein Stück seiner Kultur in den neuen Lebensraum integrieren kann. Dönerläden sind in gewisser Weise auch ein Ausdruck der Vielfalt. Ein Stück aus einer anderen Welt. „In meiner Kindheit haben kulturelle Unterschiede keine Rolle gespielt. Auch mein Vater und mein Opa berichteten, dass sie an vielen Orten mit einem Lächeln empfangen wurden. Es ist nur mein eigenes Gefühl: Aber man spürt, dass die Menschen sich auch wieder ein Stück voneinander entfernen. Das ist nicht gut. Wir alle leben in Hagen seit Jahrzehnten nebeneinander. Mit Respekt, und darauf kommt es an.“

Ob es Effekte des jüngsten Einwanderer-Stroms sind, die sich auch auf längst integrierte Einwanderer auswirken? Serhat Isik glaubt das nicht. Die Kundschaft in seinem Laden ist bunt gemischt. Mehrheitlich sind es Deutsche. „Wir gehören doch alle zusammen. Wir alle sind Hagen“, sagt er.

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