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Wissensoffensive in Hagen: Geschäftsmodell auf dem Prüfstand

Der Comupter direkt am Auge:  Google Glass war gestern ein Demonstrationsthema auf der Digital-Tagung im Hagener Rathaus. Bildungs- und IT-Anbieter stellten sich im Foyer vor.

Foto: WP Michael Kleinrensing

Der Comupter direkt am Auge: Google Glass war gestern ein Demonstrationsthema auf der Digital-Tagung im Hagener Rathaus. Bildungs- und IT-Anbieter stellten sich im Foyer vor. Foto: WP Michael Kleinrensing

Hagen.   Bei der Digitalisierung geht es um neue Ideen, nicht um neue Maschinen. 120 Entscheider aus der mittelständischen Wirtschaft haben sich in Hagen getroffen zur Veranstaltung "Wissensoffensive 2015."

Die einen schwärmen von Potenzialen, die anderen sorgen sich um die Datensicherheit. Was also sollen Unternehmen tun, wenn die Industrie 4.0 aus den Info-Veranstaltungen in die Wirklichkeit dringt? Vor allem: sich nicht verrückt machen lassen.

Deshalb konnten die 120 Entscheider aus der mittelständischen Wirtschaft, die am Montag im Hagener Rathaus zur „Wissensoffensive 2015“ unter dem Titel „Go digital! Management in Wirtschaft 4.0“ zusammengekommen waren, froh sein über eine gesunde Skepsis, wie sie Erich Behrendt vom Kompetenznetzwerk wisnet vermittelte: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck.“

Viele Firmen in Südwestfalen hätten in den vergangenen Jahren viel Geld ausgegeben für IT in der Produktion. Nicht immer sehr effektiv. „Deshalb betrachtet man das Internet der Dinge reserviert. Die Unternehmen sind ja auch gut aufgestellt.“ Spannend werde es aber, wenn die Digitalisierung das eigene Geschäft gefährde: „Brauche ich noch Zahntechniker, wenn der Zahnarzt einen 3D-Drucker nutzt?“ Dann müsse man neue Geschäftsmodelle entwickeln. Darum gehe es bei der Digitalisierung, weniger um neue Maschinen.

Eine ähnliche Frage warf Brigitte Zypries, die frühere Bundesjustizministerin und heutige Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, auf: „Was bedeutet der 3-D-Drucker für die Logistikbranche? Es wird weniger Produktbewegungen geben.“ Auf großen Containerschiffen würden heute Ersatzteile schon selbst hergestellt, statt dass ein Hubschrauber bestellt werde.

Müsli und Turnschuh

Doch eigentlich wollte Zypries nur über Chancen sprechen, weil die den Mittelstand zu sehr mit der Risikoseite beschäftigt sieht. Deshalb erzählte sie von ihrem Besuch bei Mymüsli in Passau. Dort kommt die individuelle Bestellung an, die der Kunde am PC aufgibt. Daraus entsteht ein Pappkarton mit QR-Code, der an 80 Zutatenboxen vorbeiläuft und entsprechend gefüllt wird. Dann Deckel drauf, Adressaufkleber und ab. Ein Müsli aus 5,2 Billionen möglichen.

Oder der große Sportartikelhersteller, der den individuellen Schuh im Laden baut. „Das ist die Losgröße 1“, so Zypries, „und die Chance für die deutsche Industrie, die nicht mehr in Niedriglohnländer auslagern müsse.“ Die Bundesregierung erwartet Produktivitäts und Effektivitätssprünge von 3,3 Prozent pro Jahr, sieht bis 2025 ein Wertschöpfungspotenzial von 87 Milliarden Euro.

Allerdings hätten die USA einen Vorsprung, auch wegen der jüngeren Bevölkerung, gab Mirja-Hannele Ahokas von der Vertretung der EU-Kommission in Bonn zu bedenken. Deshalb müsse ein digitaler Binnenmarkt entstehen, deshalb müsse auch für Handwerker die Digitalisierung selbstverständlich sein, deshalb müssten verbraucherfreundliche Märkte entstehen. Zypries ergänzte: „Wir brauchen eine Datenschutzverordnung auf europäischer Ebene.“

Viel sei unklar,, betonte Andreas Metzger von der Europäischen Big Data Value Association: „Wem gehören die Daten eines Fahrzeugs? Dem Besitzer, dem Hersteller oder dem Kartendienst?“ Der Gesetzgeber greife erst ein, wenn klar sei, was genau neu entstehe, wandte Zypries ein. Internet-Pionier Hannes Bauer weiß das schon: „Daten sind das Geld der Zukunft.“ Nur seien Wert, Eigentum und Rechte noch nicht definiert: „Wer liest aus, was Sensoren messen und nutzt das?“ Das Problem: „Haustür, Fenster und Briefkasten sind abschließbar, das Internet nicht.“

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