Integration

Amir aus dem Iran ist Attendorner Poskebruder

Während Amir den Birkenstamm hält, schneidet Jörg Sommer ihn auf die passende Länge, um ihn zu einer Bürde zu legen.

Foto: Peter Plugge

Während Amir den Birkenstamm hält, schneidet Jörg Sommer ihn auf die passende Länge, um ihn zu einer Bürde zu legen. Foto: Peter Plugge

Attendorn.   Der 36-jährige Asylbewerber Amir engagiert sich im Osterbrauchtum

Das traditionsreiche und in seiner Vielfalt weithin einmalige Attendorner Osterbrauchtum schlägt nicht nur alljährlich die Poskebrüder in den vier Po(or)ten sowie viele Besucher in seinen Bann, es ist auch ein Integrationsfaktor. Nie ist es einfacher, innerhalb so kurzer Zeit viele Leute kennenzulernen als in de „österlichen Zeit“.

Das hat in diesem Jahr auch Amir Mohammadi Fozouni erfahren, ein 36-jähriger Iraner, der sein Heimatland verlassen musste, weil er den christlichen Glauben angenommen hatte und sich Repressionen ausgesetzt sah, die ihn um sein Leben fürchten ließen.

Von den Poskebrüdern anerkannt

Auch wenn er erst zum dritten Mal beim Holzstellen für das Osterfeuer dabei ist, begrüßen ihn die Poskebrüder des Osterfeuervereins Waterpoote am Treffpunkt an den „weißen Bänken“ wie einen alten Bekannten. „Hallo Amir! Alles klar?“ schallt es dem Asylbewerber von allen Seiten entgegen, Poskevatter Daniel Köster begrüßt ihn mit Handschlag. Poskebrüder duzen sich. Ein wenig verlegen lächelnd, das traditionelle rotgrundige Tuch mit dem Gruß „guet Füer“ um den Hals, steht Amir zwischen den Männern.

Im Wald oberhalb von Hofkühl, wo Birkenholz gestellt wird, ist Amir voll bei der Sache. Er zieht die jungen Birken, die in einer Fichtenschonung gefällt worden sind, auf den Weg, wo Jörg Sommer sie auf Länge schneidet, damit sie zusammengelegt und mit zwei Drähten zu den sogenannten Bürden eingebunden werden können. Amir macht die Arbeit sichtlich Freude, er sagt hinterher mit Blick auf das Osterfest: „Wir arbeiten vier Samstage für Gott, das ist sehr schön“.

Auch nach getaner Arbeit, beim gemütlichen Teil am Feuer auf dem Osterkopp, dem Feuerplatz hoch über der Hansestadt, bei Fleischwurst und einer Flasche Bier, gefällt es Amir sehr gut. Es macht ihm Spaß, Gespräche mit anderen Poskebrüdern zu führen, Leute kennenzulernen und sein Deutsch weiter zu verbessern. Auch wenn ihm der plattdeutsche Gruß der Poskebrüder „guet Füer“ noch nicht so richtig über die Lippen kommt.

Das wird ihm bis zum Anstecken des Osterfeuers Arno Lenninger, Urgestein der Waterpoote und des Attendorner Platt mächtig, schon noch beibringen. Amir freut sich auf die Osterfeiertage (siehe Zweittext unten) mit dem Semmelsegnen, Kreuze schlagen und aufstellen, Fackelschwenken und natürlich dem Höhepunkt, den vier Osterfeuern, die am Ostersonntagabend um 21 Uhr, wenn das Lichterkreuz auf dem Sauerländer Dom aufleuchtet, angesteckt werden.

Berufsausbildung als Ziel

Im vergangenen Jahr wusste er noch nichts von dem besonderen Osterbrauchtum in der Hansestadt, war er nicht in Attendorn, sondern in Hannover. Doch bei einem Vortrag von Peter „Pittjes“ Höffer über die Attendorner Traditionen im Rahmen des „Café International“ für Geflüchtete im SPD-Haus wurde er darauf aufmerksam. Und als die sogenannte Poskezeit begann, nahm in Bärbel Lenninger, die Amir kennen gelernt hatte und die ihn ein wenig betreut, mit, und brachte ihn mit Sohn Max und Vater Arno auf den Osterkopp der Waterpoote, wo er offen aufgenommen wurde.

Amir, der natürlich noch lieber bei seiner Familie im Iran wäre, empfindet es als ein Privileg, in Deutschland sein zu dürfen. „Hier ist alles gut. Es ist ungefährlich, jeder kann in Frieden leben“, sagt er, was viele Schicksalsgenossen nicht immer richtig zu würdigen wüssten.

Und er hofft, dass er Asyl erhält und dauerhaft bleiben kann. Amir blickt stets mit Gottvertrauen in die Zukunft. Ihm ist es wichtig, sich in Deutschland zu integrieren, die Sprache zu erlernen und Kontakte zu knüpfen. Das alles ist ihm in dem guten Jahr, dass er in Attendorn ist, sehr gut gelungen. Im Deutschkurs, aber auch darüber hinaus durch intensives Selbststudium hat er die schwierige Sprache erlernt und ist im Projekt Ausbildung Light bei Mubea untergekommen. Seine große Hoffnung: Eine reguläre Ausbildung.

Doch das steht über Ostern hinten an, jetzt macht Amir zunächst sein „Gesellenstück“ als Attendorner Poskebruder.

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