Ehrenamt

Wie das „Kumm rin“ in Ostwig ein ganzes Dorf verändert hat

Die Wirte des „Kumm rin“ hinter der Theke.

Foto: Privat

Die Wirte des „Kumm rin“ hinter der Theke. Foto: Privat

Ostwig.   In normalen Kneipen sind Wirt und Stammgast manchmal wie ein altes Ehepaar. Im „Kumm rin“ ist das anders. Dort gibt’s nämlich eine Wundertüte.

Wie bestellt öffnet sich um 18.20 Uhr die Tür der Ostwiger Ehrenamtskneipe „Kumm rin“. Herein tritt eine Riege gut gelaunter junger Damen mit einem kleinen Bauchladen. Ein Junggesellinnenabschied kurz vorm Jahreswechsel. „Hier ist wirklich immer was los“, hatte Klaus Schmücker, der Vorsitzende des Heimat- und Fördervereins ein paar Minuten vorher noch beim Pressetermin behauptet. An diesem kalten Dezember-Abend ist die Frauentruppe der beste Beweis.

Fünf Jahre gibt es die ehrenamtlich geführte Kneipe im Schatten der Ostwiger St.-Joseph-Kirche inzwischen. Skeptische Dorfbewohner hatten dem Modell-Projekt damals vier Wochen gegeben - maximal ein halbes Jahr. Einige von ihnen stehen inzwischen selbst mit Freude hinterm Tresen.

Das „Kumm rin“ ist keine normale Kneipe. Dass sie ehrenamtlich geführt wird, ist das eine. Viel bemerkenswerter ist aber, dass sie Ostwig verändert hat. „Der Zusammenhalt im Dorf ist stärker geworden“, hat Wirtesprecher Dirk Brauns festgestellt. Es herrsche im Ort so ein Gefühl wie „Wir sind Kneipe“. Dazu trage entscheidend bei, dass die Erlöse aus dem Kneipenbetrieb zurück ins Dorf fließen. Rund 85 000 Euro waren das in den vergangenen fünf Jahren.

Probelauf mit positiven Folgen

Dabei hatten die Initiatoren in den Anfängen selbst ihre Zweifel, ob das alles gut gehen würde. Gerade mal zwölf ehrenamtliche Wirte hatte Schmücker bis wenige Wochen vor dem offiziellen Start auftreiben können. „Wir haben gedacht, dass wir als Gründer hier am Ende allein hinterm Tresen stehen werden“, erinnert sich Peter Gödde, Zweiter Vorsitzender des Heimat- und Fördervereins. Doch dann kam der Probelauf - das Soft-Opening, wie es in der Gastronomie-Branche so schön heißt. Vier Wochen vor dem eigentlichen Beginn öffnete das „Kumm rin“ - ohne Tische, ohne Stühle, ohne Fußleisten, aber mit Theke. Vor allem aber mit jeder Menge Gästen. „Die haben uns die Bude eingerannt“, sagt Gödde. „Man muss sich das vorstellen, wie einen ausgetrockneten Schwamm“, meint Dirk Brauns und lacht. Zehn Jahre lang habe es zuvor keine klassische Kneipe im Ort gegeben. Und während sich beim Probelauf ein ums andere Fass leerte, füllte sich die Wirteliste im Anschluss ganz ordentlich. Rund 30 Namen standen am Ende darauf. Heute sind es sogar fast 50. Damit ist jeder der Wirte bei 200 Öffnungstagen im Jahr rund zehn Mal mit Kneipendienst an der Reihe.

Die Zweifel blieben auch nach dem guten Start

Doch auch nach dem erfolgreichen offiziellen Start am Zweiten Weihnachtstag des Jahres 2011 blieben leichte Zweifel - zumindest beim Heimatvereins-Vorsitzenden Klaus Schmücker. „Ich hatte immer die Sorge, dass die Euphorie der Gäste nach zwei Jahren abebbt“, sagt er. Das tat sie nicht. Im Gegenteil. Mit Blick auf den Umsatz war 2014 das sogar das erfolgreichste Jahr.

Heute ist sich Schmücker sicher: „Das ‘Kumm rin’ wird es noch lange geben“. Die Kneipe sei den Kinderschuhen entwachsen - es habe sich eine gewisse Professionalität entwickelt. Auch wenn die computergesteuerte Profi-Gastronomie-Kasse, die irgendwann mal angeschafft worden ist, ihr Dasein in einem dunklen Kämmerlein fristet. „Das war viel zu kompliziert“, sagt Dirk Brauns. Wenn man nur ein paar Mal im Jahr damit arbeite, könne man sich in ein solches System nicht einarbeiten. „Am Ende stand so ziemlich alles im Computer, nur nicht das, was wir an dem Abend verkauft hatten“, sagt Brauns und lacht. Deswegen wird im „Kumm rin“ die Bestellung in den Block notiert und die Buchhaltung handschriftlich erledigt. „Aber äußerst gewissenhaft“, betont Schmücker ausdrücklich. Denn ebenso wie jeder andere Wirt habe man keine Lust auf Ärger mit dem Finanzamt.

Ärger hat es in den fünf Jahren übrigens auch mit Gästen nicht gegeben. „Inzwischen hat auch der Letzte verstanden, dass der Wirt keine Lokalrunde gibt, sondern einfach gerne Feierabend machen möchte, wenn er nachts die Glocke läutet“, sagt Max Rath, ehemaliger Geschäftsführer des Heimat- und Fördervereins und ebenfalls Wirt.

Gast und Wirt: Wie ein altes Ehepaar

Marion Hömberg ist eine von 15 Frauen, die sich in der Kneipe ehrenamtlich engagieren. Als ehemalige Profi-Wirtin, weiß sie ganz genau, was das „Kumm rin“ ausmacht. „Der Reiz der Geschichte ist, dass man hier als Gast nie weiß, wer am Abend hinterm Tresen steht“, sagt sie und ergänzt mit einem Lächeln: „Man muss sich das vorstellen wie bei einem alten Ehepaar: In einer normalen Kneipe haben sich Stammgast und Wirt irgendwann alles erzählt.“ Dagegen ist die üppige Wirteliste des „Kumm rin“ wie eine große Wundertüte. Und genau so solle das auch sein, sagt Klaus Schmücker. Die anfängliche Idee, den Dienstplan im Kneipenraum auszuhängen, habe man ganz schnell wieder verworfen.

Bei aller Freude am ehrenamtlichen Einsatz haben die Hobby-Wirte in den fünf Jahren eines aber auch erkannt: „Wirt zu sein, ist richtige Maloche.“ Von einer reinen Dorfkneipe ohne Küche könne heute niemand mehr leben. „Dabei ist ein Leben ohne Kneipe zwar möglich, aber nicht sinnvoll“, sagt Klaus Schmücker frei nach Loriot und nimmt einen kräftigen Schluck Bier.

500 Kilo Erdnüsse in fünf Jahren verzehrt

Mit dem „Kumm rin“ ist auch das Interesse am Heimat- und Förderverein gewachsen. Inzwischen gehören ihm rund 350 Mitglieder an.

„Geschlossene Gesellschaften“ sind im „Kumm rin“ nicht möglich. Zwar lassen sich Tische reservieren, grundsätzlich aber gilt: Wenn das „Kumm rin“ geöffnet ist, dann für alle.

Mit einem Versuch, das „Kumm rin“ nach der Sonntagsmesse für einen Frühschoppen zu öffnen, ist man in Ostwig gescheitert. Es kam lediglich ein Gast. Weil sich aber gezeigt hat, dass Glühweinabende gut funktionieren, gibt es inzwischen einen „Mikro-Weihnachtsmarkt“: Er besteht aus einer Glühweinbude und einem Würstchenstand.

Essen wird im „Kumm rin“ nicht angeboten. Es besteht aber die Möglichkeit, sich Essen bei den umliegenden Gastronomen zu bestellen.

Erdnüsse gibt es beim Bier in der Ehrenamtskneipe gratis dazu. Rund 100 Kilo Nüsse, so schätzt das Wirteteam, haben am Ende eines Jahres auf den Tischen gestanden - macht in fünf Jahren „Kumm rin“ eine halbe Tonne.

Für die Wirte gibt es seit einiger Zeit ein eigenes Lagerfeuerliederbuch (LaFeuLiBu), für das sich jeder einen Titel aussuchen durfte. Gesungen wird bei Wirtetreffen und -fahrten nämlich regelmäßig. Die Stücke reichen von „Hohe Tannen“ bis zu „Smoke on the water“. Das Repertoire zeigt, wie bunt gemischt die Truppe ist.

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