Suttrop.

Ein „ver-rücktes“ Jubiläum

Seit 1905 ein Gebäude, das man in Warstein kennt: Das Verwaltungsgebäude der LWL-Klinik.

Foto: LWL-Archiv

Seit 1905 ein Gebäude, das man in Warstein kennt: Das Verwaltungsgebäude der LWL-Klinik. Foto: LWL-Archiv

Suttrop. Es ist ein Jubiläum, das nicht groß gefeiert wird. Dabei ist die Zahl durchaus beachtlich: Am kommenden Montag ist es 111 Jahre her, dass die heutige LWL-Klinik in Suttrop ihre ersten Patienten aufnahm. Der 15. August 1905 markiert somit den Grundstein für die Geschichte einer Klinik und ihrer Menschen, die eng mit der Stadtgeschichte Warsteins verknüpft ist. Anders als zum 100. Geburtstag 2005 wird dieses Datum in diesem Jahr nicht groß begangen, ist es ja auch kein „richtiges“ Jubiläum.

Wir haben diesen „närrischen“ Geburtstag dennoch zum Anlass genommen, zu schauen, welche Fakten und Geschichten die Klinik ausmachen, was sie mit Warstein verbindet und was sich in den vergangenen elf Jahren verändert hat. Daraus entstanden sind elf Thesen über die Psychiatrie im Allgemeinen und die LWL-Klinik im Besonderen.

Einige lassen sich bestätigen, wieder andere deutlich widerlegen – alle aber zeigen eines ganz deutlich: Auch 111 Jahre sind ein guter Grund, zu feiern.

1. Die LWL-Klinik ist eine eigene Welt für sich

Die Zeiten, als „die Anstalt“ ein abgeschlossenes Universum hinter dicken Mauern war, sind lange vorbei. Nicht nur die Warsteiner Bürger kennen das Klinikgelände von zahlreichen Symposien, Ausstellungseröffnungen, Konzerten oder dem großen Stifungsfest der Bürgerstiftung. Zu Fortbildungen oder dem weit über die Region hinaus bekannten „Warsteiner Tag der Pflege“ kommen immer wieder Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet nach Suttrop. Die Gedenkfeier für die Euthanasie-Opfer an der Treise-Kapelle macht seit einigen Jahren Geschichte vor Ort lebendig. Der weitläufige Park und das Psychiatrie-Museum sind beliebte Ziele von Jahrgangstreffen oder Betriebsausflügen. Kurz gesagt: Die LWL-Klinik lebt und gehört zu Warstein dazu.

2. „Ver-rückt sein“ gehört in der Psychiatrie dazu

Wenn eine Klinik auf Warsteiner Stadtgebiet liegt, dann spielt natürlich auch der Humor und das jecke Treiben dort eine Rolle: Noch bis in die 1990er-Jahre gab es Karnevalsveranstaltungen der Mitarbeiter, die durchaus legendären Status erreichten. Noch heute gibt es jedes Jahr Karnevalssitzungen für die Patienten bzw. Heimbewohner. „Gottseidank gehört das in der Psychiatrie mit dazu“, meint Dr. Josef Leßmann.

3.In den 11 Jahren seit dem 100. Jubiläum ist an der LWL-Klinik nicht viel passiert.

„Wir sind seit 2005 nicht stehen geblieben“, sagt Dr. Josef Leßmann voller Selbstbewusstsein, „wir haben uns erneut den Herausforderungen der Zeit angepasst.“ Nach Außen hin deutlich wird das am ehesten durch die drei Neubauten: 2011 machte das Pflegezentrum (die ersten beiden Teile waren am 02.02.2004 eröffnet worden) den Anfang: Für 3 Millionen Euro wurde an das bestehende Gebäude an der Lindenstraße ein Erweiterungsbau gesetzt. Acht Wohnbereiche mit insgesamt 126 Plätzen stehen an der Lindenstraße seitdem zur Verfügung. Neubau 2: Nach gut zweieinhalbjähriger Bauzeit wurde das neue Sucht-Rehabilitationszentrum im Dezember 2015 in Warstein fertiggestellt. Für mehr als 12 Millionen Euro, die überwiegend aus einem Darlehen des LWL an die Klinik finanziert wurden, sind nun Räumlichkeiten für 84 stationäre Therapieplätze gemäß den Vorgaben der Deutschen Rentenversicherung (DRV) entstanden. Im Frühjahr diesen Jahres fiel der Startschuss für das dritte bauliche Großprojekt: Für mehr als sieben Millionen Euro entsteht ein Bau für die medizinisch-berufliche Rehabilitation psychisch Kranker, um das bestehende Angebot von zwölf auf 45 Plätze aufzustocken. Geplante Bauzeit: 14 Monate.

4.Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Dieser Satz von Liedermacher Wolf Biermann hat es Dr. Josef Leßmann angetan: „Nur wenn wir uns verändern, bleiben wir uns treu; das trifft auf unsere Klinik zu“, ist er überzeugt. Und Grund genug, sich zu ändern, gab es in den vergangenen Jahren genug: „Die medialen und digitalen Möglichkeiten sind nicht nur mehr, sie sind auch schneller geworden. Das hat Auswirkungen sowohl auf die Arbeitswelt unserer Patienten als auch unserer Mitarbeiter.“ Sich weiter zu entwickeln, das sehe man bei der LWL-Klinik beispielsweise daran, dass es an jedem Standort mittlerweile eine besondere Station für ältere Depressive gebe. „Das war eine Herausforderung.“ Aber auch die Weiterentwicklung der diagnosespezifischen Behandlung zählt Leßmann zu den Herausforderungen, die die LWL-Klinik in den vergangenen Jahren angehen musste – um sich treu zu bleiben. „Es gibt jetzt eine zielgerichtetere Ausrichtung auf depressive Krankheitsbilder aber auch spezielle Konzeptbausteine für psychische Erkrankungen in Verbindung mit Arbeitsstörungen.“

5.An der LWL-Klinik ist jetzt alles erreicht.

„Wenn sich Abläufe verändert haben, müssen wir uns anpassen.“ – Schon allein dieser Satz von Dr. Leßmann zeigt, dass es noch viel zu tun gibt an der LWL-Klinik. „Bei allem, was an Veränderungen notwendig ist, geht es darum, weiter den Patienten professionell gerecht zu werden“, so Leßmann, „eine wirklich gute Patientenbetreuung kann nur erfolgen, wenn wir bedarfsorientiert auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren.“ Und genau dazu gelte es, bei den eigenen Mitarbeitern anzufangen. Mit der so genannten „Qualifizierungsbedarfsanalyse“ in Bezug auf die vorhandenen Kompetenzen der Beschäftigten hat die LWL-Klinik den ersten Baustein dafür bereits gelegt: „Hierbei wird an beiden Standorten geschaut, was sich in den jeweiligen Arbeitsbereichen verändert hat und wo möglicherweise (nach)geschult werden muss“, erklärt Leßmann die Idee.

6. Das übliche Auf und Ab des Lebens spiegelt sich in der Psychiatrie wider.

„Die Welt hat sich innerhalb der vergangenen elf Jahre rasant gewandelt, vermutlich grundlegender und schneller als es noch vor 20 Jahren innerhalb dieser Zeitspanne denkbar gewesen wäre“, meint Dr. Josef Leßmann, „das ist natürlich auch in der Psychiatrie passiert.“ Für die Mitarbeiter der LWL-Klinik ergebe sich damit eine besondere Situation: Zum einen müssten sie selbst mit den rapide gestiegenen Herausforderungen der Gesellschaft umgehen können und gleichzeitig auch den daraus resultierenden neuen Problemen der Patienten professionell begegnen.

7. Die Menschen der LWL-Klinik kennt man im Warsteiner Stadtgebiet nicht.

So wie das Klinikgelände in Suttrop zum Stadtbild dazu gehört, sind auch die Menschen, die dort leben oder arbeiten, in der Stadt bekannt. Neben den drei Direktoren der Betriebsleitung – Dr. Josef Leßmann im Ärztlichen Bereich, Magnus Eggers für die Pflege und Helmut Bauer für den kaufmännischen Bereich – sind es jedoch auch die weiteren Mitarbeiter, die vielen Bürgern in Warstein ein Begriff sind: Sei es bei Ausstellungseröffnungen in der Tagesklinik oder bei geführten Rundgängen durch das Museum – die LWL-Mitarbeiter sind im Stadtgebiet keine Unbekannten. Und auch die Patienten haben spätestens im Jubiläumsjahr 2005 ein Gesicht bekommen: Rund 50 von ihnen ließen sich damals für die Foto-Ausstellung „Diagnose: Mensch“ ablichten und erzählten ihre ganz persönliche Geschichte.

8. Psychiatrie und Körpermedizin könnten viel enger zusammenarbeiten.

Irgendwie scheint es ja noch immer so zu sein: Es gibt den Arzt, der sich um die körperlichen Probleme kümmert und den, der sich der Seele annimmt. Dass beide voneinander lernen, sich ergänzen und der Patient davon profitiert – das wirkt immer noch wie ein Tabu in der Medizin. „Ich plädiere ganz stark dafür, dass Psychiatrie und Körpermedizin viel enger zusammen arbeiten“, wünscht sich Dr. Josef Leßmann eine Aufweichung der Denkschranken, „wir trennen das hier bereits seit 1991 nicht mehr streng und diese Kooperationen, wie wir sie mit den Krankenhäusern Maria Hilf Warstein, St. Walburga Meschede und dem Klinikum Stadt Soest längst betreiben, sollte meiner Meinung nach noch weiter forciert werden.“

9. Die Problemfelder der Psychiatrie bleiben immer gleich.

Es wird sich Einiges in den kommenden Jahren tun, das auch die Arbeit der Warsteiner LWL-Klinik beeinflusst. Da wäre das sich in der Entwicklung befindene neue Entgeltsystem in der Psychiatrie, dessen Auswirkungen im Detail noch nicht bekannt sind: erwartbar sind sie wohl 2017. „Es wird zudem einen noch stärkeren Trend zur Ambulantisierung geben“, ist sich Dr. Josef Leßmann sicher, „das bedeutet dann kleinere vollstationäre Bereiche.“ Weiterhin werde es absehbar vergleichsweise viele ältere Patienten in der Psychiatrie geben, wenn auch in den vergangenen Jahren die Zahl der jungen Menschen, die einen gesetzlich Betreuer brauchen, deutlich zugenommen habe. Möglicherweise resultiert daraus auch der Wunsch Josef Leßmanns: „Es wäre wünschenswert, wenn es künftig mehr Schnittstellen zwischen der Kinder- und Erwachsenenpsychiatrie gebe.“

10. Das LWL-Klinikgelände birgt Geheimnisse.

Als die Klinik Anfang des 20. Jahrhunderts in dem typischen Pavillon-Stil – einzelne Gebäude über ein weites Gelände verteilt – gebaut wurde, mussten auch die Leitungen für Gas und Wasser verlegt werden. Heute wie damals haben sie alle ihren Ausgangspunkt in dem so genannten Kesselhaus. Damit die zu den einzelnen Gebäuden auf dem Klinikgelände kommen, braucht es Leitungen – und die liegen unter dem Park in einem „begehbaren Kanal“, von Außenstehenden auch gerne mal „Katakomben“ genannt. Über zwei Kilometer Wege führen auf diese Weise gut zweieinhalb Meter unter der Erde kreuz und quer unter dem Klinikgelände her. Übrigens: So ganz geheim sind sie doch nicht. Wer an der richtigen Stelle fragt und sich anmeldet, bekommt eine höchst unterhaltsame Führung.

11. Schnapszahlen sind doch kein Grund zum Feiern.

Nicht ohne Grund kommt der Hinweis auf das 111. Jubiläum von einem, der Spaß an dieser närrischen Zahl hat: Dr. Josef Leßmann ist nicht nur Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik, er ist auch bekennender und bekannter Karnevalist in der Wästerstadt. „Mir macht diese Zahl Spaß“, gibt er zu und ergänzt: „Außerdem sind elf Jahre seit dem großen Jubiläum es wert, benannt zu werden – gerade auch für unsere Mitarbeiter, die schon wieder so viel geleistet haben.“

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