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Pflegereform: Kassen erhalten eine Flut von Anträgen

Eine Seniorin mit einer Pflegerin: Pflegebedürftige mit Demenz haben seit Januar einen regulären Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung. Sie sind damit deutlich bessergestellt als früher.

Foto: DPA, Charisius

Eine Seniorin mit einer Pflegerin: Pflegebedürftige mit Demenz haben seit Januar einen regulären Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung. Sie sind damit deutlich bessergestellt als früher. Foto: DPA, Charisius

Witten.   Seit Januar gibt es Pflegegrade. Die Pflegekassen erhalten eine Flut von Anträgen. Auf den Besuch des MDK muss man einige Wochen warten.

Ein wichtiges Datum für Pflegebedürftige: Am 1. Januar trat das zweite Pflegestärkungsgesetz in Kraft. Aus drei Pflegestufen wurden fünf Pflegegrade. Das Gesetz hat zu einer Antragsflut bei den Pflegekassen geführt. Allein bei der AOK Nordwest, die für das Gebiet Westfalen-Lippe und damit auch für Witten zuständig ist, gingen bis März fast 38 000 neue Pflegeanträge ein. Deshalb kann es einige Wochen dauern, bis es zu einer persönlichen Begutachtung von Pflegebedürftigen durch den Medizinischen Dienst (MDK) kommt.

Hintergrund: Bezog sich der Begriff der Pflegebedürftigkeit bislang vor allem auf körperliche Beeinträchtigungen, so erhalten mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz auch Menschen mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen sowie demenziell Erkrankte einen gleichberechtigten Zugang zu Leistungen der Pflegeversicherung.

„Es gilt immer der Tag der Antragsstellung“

„Die Antragsflut betrifft nicht nur die AOK, sondern alle Pflegekassen“, sagt Jens Kuschel, Sprecher der AOK Nordwest mit Sitz in Dortmund. Die AOK erhalte derzeit Anrufe von Antragsstellern, die besorgt seien, beim Warten auf eine Entscheidung Geld zu verlieren. Kuschel beruhigt: „Es gilt immer der Tag der Antragsstellung.“

Beispiel: Wurde ein Antrag am 13. März gestellt und der Versicherte erhielt am 24. April einen positiven Bescheid, dann bekomme der Versicherte die Leistung rückwirkend ab dem 13. März, so Kuschel. Auch Andreas Vincke, Leiter des Wittener Altenzentrums am Schwesternpark, weiß, dass Bewohner derzeit länger auf eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst warten als im vergangenen Jahr. „Im letzten Jahr waren es drei bis vier Wochen, jetzt sind es zwischen vier bis sechs Wochen. Mal dauert es etwas kürzer, mal etwas länger.“ Vincke betont, dass dies aufgrund der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade auch ganz normal sei.

„Der MDK hat viel zu tun“

„Ich merke, dass der MDK viel zu tun hat. Die Mitarbeiter sind aber bemüht, alles so schnell wie möglich abzuarbeiten“, sagt der Leiter der Feierabendhäuser. Unzumutbar lange müsse niemand seiner Bewohner auf eine Begutachtung warten.

Die Frage, wie lange Wittener derzeit im Schnitt auf eine Begutachtung durch den MDK warten müssten, konnte die örtliche Begutachtungs- und Beratungsstelle an der Ruhrstraße nicht beantworten. Diese ist für den ganzen Ennepe-Ruhr--Kreis mit Ausnahme von Hattingen zuständig. Leiter Dr. Heiko Schoppe verwies an die Münsteraner MDK-Kollegen, da persönliche Begutachtungen von dort zentral geplant werden.

Medizinischer Dienst sucht Pflegefachkräfte

„Im vergangenen Jahr waren Begutachtungen in fünf Wochen erledigt. Das ist auch jetzt unser Anspruch“, sagt Olaf Plotke, Sprecher des MDK Westfalen-Lippe in Münster. Natürlich könne es zu Verzögerungen kommen, wenn etwa ein vom MDK vorgeschlagener Termin abgesagt würde oder ein Mensch zur Behandlung in eine Klinik müsse.

Der MDK Westfalen-Lippe hat neue Pflegefachkräfte für die Begutachtungen von Antragsstellern eingestellt. „Wir suchen hierfür aber noch weitere Mitarbeiter“, so Sprecher Olaf Plotke. Insgesamt verzeichnet der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe in den ersten drei Monaten 2017 27 Prozent mehr Anträge auf eine Begutachtung als in den Vorjahresmonaten.

Höhere Pflegegeldleistungen

Elisabeth Both, Pflegedienstleitung bei der Wittener Caritas, weist auf die Vorteile der neuen Pflegegrade für Pflegebedürftige hin. „Es profitieren vor allem Menschen, die vorher in der Pflegestufe 0 waren mit einer sogenannten eingeschränkten Alltagskompetenz. Sie sind jetzt im Pflegegrad 2.“ Und erhielten damit deutlich höhere Pflegegeldleistungen. So stelle die Reform seit Januar Menschen besser, „die an einer psychischen Erkrankung oder einer beginnenden Demenz leiden“, erläutert Both.

Pflegebedürftige, die von der Wittener Caritas ambulant betreut werden, warten derzeit zwischen fünf und sechs Wochen auf eine Begutachtung durch den MDK. Elisabeth Both: „Im vergangenen Jahr waren es zwischen drei und vier Wochen.“

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