Interview

„Das ist ein erster Schritt zur Abschaffung der Jagd“

Das neue Jagdgesetz aufs Korn genommen: Der Leiter des Hegerings Erndtebrück, Michael Hagedorn (rechts), im Gespräch mit Redakteur Eberhard Demtröder.

Foto: Lars-Peter Dickel

Das neue Jagdgesetz aufs Korn genommen: Der Leiter des Hegerings Erndtebrück, Michael Hagedorn (rechts), im Gespräch mit Redakteur Eberhard Demtröder. Foto: Lars-Peter Dickel

Erndtebrück.   Michael Hagedorn, Leiter des Hegerings Erndtebrück, spricht im Interview über das neue NRW-Jagdgesetz. Und die Folgen für Wittgensteins Wälder.

Jägern auch in Wittgenstein fällt es immer schwerer, ihre Aufgabe in der Hege des Waldes wahrzunehmen. Warum, das erklärt im Interview Michael Hagedorn vom Hegering Erndtebrück.

Die beeindruckende Volksinitiative der Jägerschaft gegen das NRW-Landesjagdgesetz hat im Landtag nicht das erwünschte Umdenken erbracht. Was bedeutet das jetzt für die heimischen Jäger?

Michael Hagedorn: Das Füttern des Wildes ist praktisch verboten. Nicht Jäger und Natur geben vor, sondern der Gesetzgeber: Schalenwild darf nur vom 1. Januar bis 31. März gefüttert werden. Wenn wir im November oder Dezember Schnee und Eis haben, muss das Wild hungern. Wenn wir aber füttern, sollte das bis zur Buschwindröschen-Blüte – bei uns meist Mitte April – geschehen. Kommentar eines Wildbiologen: fachlich richtig, aber politisch zur Zeit nicht gewollt.

Insbesondere das Schwarzwild gilt als Verursacher immenser Schäden. Können Sie als Jäger da noch entgegenwirken?

Hier in unserem Raum handelt es sich meistens um Wiesenschäden im Frühjahr und im Herbst. Im Wald sind die Sauen nützlich, wenn sie den Wald auf der Suche nach Käfern und Engerlingen umgraben, in den Wiesen ist es ein Schaden – und der geht in die Tausende. Aber auch in Wittgenstein wird immer öfter Mais angebaut, und dann geht’s zur Sache. Das bedeutet in der Konsequenz: Mais – mehr Schaden – größere Reproduktion – mehr Sauen.

Wir haben hier in Wittgenstein etliche fleißige Jäger, die sich so manche Nacht um die Ohren hauen, um die Schäden klein zu halten. Das neue Jagdgesetz hilft hier nicht, weil es die Jagdzeit auf das Schwarzwild verkürzt. Wir sollten im Herbst revierübergreifende Jagden machen – denn man weiß ja vorher nicht, wo das Schwarzwild an diesem Tag seinen Einstand hat. Wenn die Sauen im Sommer im Wald Ruhe haben, im Feld bejagt werden und im Herbst großflächige Jagden stattfinden, behalten wir den Bestand im Griff.

Wald vor Wild – macht das Sinn?

Wald und Wild macht Sinn, das gehört zusammen und ist nicht ideologisch zerrissen. Oder wollen wir nicht mehr die Rehe in der Abendsonne sehen? Das Konzert der Hirsche im Herbst?

Ist das nun geltende Gesetz überhaupt praxisgerecht?

Das Gesetz ist ein erster Schritt zur Abschaffung der Jagd, wie sie hier seit mindestens 100 Jahren betrieben wird. Es sind nicht umsonst 120 000 Unterschriften gesammelt worden. Und mit 15 000 Jägern war das wohl die größte politische Demons­tration, die der Düsseldorfer Landtag bisher erlebt hat.

Wie sieht es denn mit den Schonzeiten aus? Was wünschen sich Wittgensteins Jäger?

Dass die Schonzeiten Sinn machen. Für Waschbären, Füchse werden die Jagdzeiten verkürzt – und Rehe und Rehböcke sollen fast das ganze Jahr bejagt werden. Die Fallenjagd etwa für Waschbären ist so erschwert, dass sie fast schon verboten ist. Meine Befürchtung ist: Die Tollwut könnte wiederkommen. Im Grunde müsste der Bestand von Waschbär und Fuchs kurz gehalten werden.

Nach der Fuchsjagd mit über 30 erlegten Tieren hat es Kritik aus der Bevölkerung gegeben. Ist das wirklich Naturschutz, die Füchse zu töten, während die Fähen, also die weiblichen Tier Junge tragen?

Der Fuchs hat eine Tragzeit von neun Wochen, die Ranz als seine sexuell aktive Zeit ist im Januar – also ist Anfang Februar in der Regel noch kaum eine Föte zu erkennen. Die Tierart ist Überträger des Fuchsbandwurms, der Räude und der Staupe. Durch übertriebene Schonung breiten sich diese Seuchen aus – die Folgen für Hasen, Bodenbrüter, aber auch unser Hausgeflügel sind nicht zu unterschätzen.

Zwischendurch eine persönliche Frage: Wie kommt man eigentlich als Bestatter zur Jagd als Hobby?

Meine Familie kommt aus Witten an der Ruhr – und schon der Großvater hat damals in Schwar­zenau gejagt. Die Jagd war es auch, die unsere Familie schließlich nach Wittgenstein gebracht hat – Bestattungsunternehmen inklusive. Mein jagdlicher Lehrprinz war damals übrigens Richard Stremmel aus dem Paulsgrund.

Sie sind Mitglied im Wachtelhunde-Verein. Für alle Nicht-Jäger: Wodurch zeichnet sich gerade dieser Jagdhund aus?

Es ist ein Stöberhund, eigentlich der Waldgebrauchshund schlechthin. Auf diese Rasse habe ich mich übrigens als Hunderichter mittlerweile spezialisiert. Mein eigener Wachtelhund ist inzwischen leider bei einem Unfall gestorben – dafür habe ich von einem Bekannten einen Bracken-Mischling geerbt. Und auch „Nora“ ist mir sehr treu.

Sie haben heute Trophäenschau und die Jahreshauptversammlung Ihres Hegeringes. Was ist dort die Botschaft?

Wildbret vor! Liebe geht durch den Magen. Und Wildfleisch ist gesund – von Tieren, die frei gelebt haben. Mein Appell außerdem an die gesamte Jägerschaft: Wir sollten in der Öffentlichkeit etwas bescheidener auftreten, denn: Wald und Wild sind für alle da, also auch und gerade für Erholungssuchende.

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