Tierwelt

Im Arnsberger Wald werden seltene Sikahirsche gejagt

Foto: WP

Arnsberg. Sikahirsche kommen aus Asien, doch seit einem guten Jahrhundert leben sie auch im Arnsberger Wald. Es ist der größte Bestand in Deutschland. Doch die seltenen Tiere werden gejagt. Das stößt auf Kritik.

An einer Biegung wird das wegbegleitende Grün dünner und gibt den Blick frei auf eine saftige Waldwiese. Und dann stehen sie da: zwei Stück Sikawild. Friedlich äsend im hüfthohen Gras. Unsere Anwesenheit scheint sie nicht zu stören. Sikawild hat sich perfekt an den Lebensraum angepasst. Trotzdem soll es der Tierart, die an Rehe erinnert, an den Kragen gehen. Im Arnsberger Wald steht Sika auf der Abschlussliste.

500 Tiere enden jährlich als Braten

Vor wenigen Jahren noch war sogar von Ausrottung die Rede. „Eliminierung des Bestandes” schlug ein 2-Varianten-Gutachten vor, das die Obere Forstbehörde 2005 in Auftrag gegeben hatte. Obwohl das eigentliche Ziel, nämlich die Zertifizierung als naturnahes Forstamt, erreicht ist, verfolgt man offensichtlich die konsequente Reduktion der Bestände. Etwa 500 Tiere jährlich enden in den letzten drei Jahren als Wildbret. „Mehr, als für die Population gut ist”, sagt Ernst Eick, Buchautor und Fachmann, wenn es um Sikawild geht.

1936 aus dem Gehege entkommen

Eick berichtet, dass die mittelgroße Form des Sikawildes im Bereich Arnsberg ursprünglich aus Ostasien stammt. Es war im Jahr 1893, als Baron von Donner einige Tiere ins Sauerland brachte, um eine Population als Parkwild in seinem 800 Hektar großen Wildpark zu halten.

Während der Sikahirsch als Rohstofflieferant für chinesische Apotheken in Asien fast ausgerottet wurde, geschah in Arnsberg das Gegenteil. Als dann während des großen Schneebruchs im Jahre 1936 der Zaun beschädigt wurde, entkamen einige Sikas in die freie Wildbahn. Auf Wunsch der benachbarten Grundeigentümer wurden sie dort auch belassen. Es sollte sich außerhalb des Parks eine Population etablieren.

Größter Bestand im Arnsberger Wald

„Heute haben wir im Arnsberger Wald, also zwischen Möhne und Ruhr, einen reinrassigen Bestand, und den größten in Deutschland”, sagt Ernst Eick, der sich seit Jahren gegen die massive Bejagung dieser längst heimisch gewordenen Wildart einsetzt. „Immer wieder ging es um die Ausrottung der Sikabestände, weil die Art nicht faunagerecht sei”, fasst Eick zusammen. Der Fachmann berichtet von großangelegten staatlichen Jagden, um „aberwitzige Abschusspläne” einzuhalten.

Neues Wildtiermanagement

„Drückjagden gehören zu üblichen Jagdstrategien”, hält Jan Preller, Sprecher des Lehr- und Versuchsamtes Arnsberger Wald entgegen. Auf Anfrage unserer Zeitung betont er, dass eine Reduktion auf Null keineswegs Ziel der Behörde sei. Im Gegenteil: Man sei sich durchaus der Verantwortung für diese besonders reine Population bewusst.

„Nicht nur aus diesem Grund entwickeln wir derzeit ein ganz neues Wildtiermanagement, das eine Kooperation mit der privaten Jägerschaft vorsieht.” Es müsse darum gehen, die Interessen der Jagdausübenden und die Interessen der Forstwirtschaft unter einen Hut zu bekommen.

Damit hebt Preller ab auf den Verbiss junger Pflanzen durch das heimische Reh-, Rot- aber auch durch Sikawild. Größere wirtschaftliche Schäden entstehen durch das Abfressen der Rinde (Schälschaden). „Besonders nach Kyrill setzen wir auf die natürliche Verjüngung des Waldes”, sagt Jan Preller, der auf eine „ministeriell abgesegnete Zielgröße” von 500 Stück Sikawild im Arnsberger Wald hinweist.

Sika-Experte Ernst Eick

Dazu Sika-Experte Ernst Eick: „Diese Zielgröße unterstellt eine gleichmäßige Verteilung des Bestandes auf den Arnsberger Wald. Die Standorttreue der Sikas führt aber bei verstärkter Bejagung in den Kernzonen zu einem Sogeffekt: Die Tiere bewegen sich zu den Kernrevieren. Die Randreviere werden sikawildfrei, verlieren auch an Wert für die Grundeigentümer. Ein Gesamtbestand von 500 Stück ist somit nur eine theoretische Größe.”

Dass die Reduzierung des Bestandes längst begonnen hat, beweisen die Abschusspläne: Während sich die genehmigten Abschüsse in den Jagdjahren vor dem Gutachten um 400 Stück pro Jahr bewegten, stiegen sie nach dem Gutachten (also ab 2006) auf etwa 600 an. Im abgelaufenen Jahr wurden gar 673 Sika zum Abschuss freigegeben. „Das wird der Bestand auf Dauer nicht aushalten. Die Sozialstruktur wird auseinanderbrechen”, befürchtet Ernst Eick.

Er genießt beim eingangs erwähnten Reviergang den Anblick der beiden Sikas auf der Lichtung. Die Tiere heben den Kopf, dann äsen sie weiter. „Das macht die Sikas für Waldbesucher und Wildparks so interessant”, sagt Ernst Eick. Er weiß nur zu gut, dass der Arnsberger Wald auch wegen seines Sika-Bestandes von Touristen besucht wird. Und während wir noch die weißen Tupfen auf dem braunen Fell bewundern, trollen sich die beiden Tiere. Fast gemächlich verschwinden sie im Unterholz, das seit fast 120 Jahren Heimat für diese Art geworden ist.

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