Schule

Zukunft der Schule bleibt ungewiss

In die Schullandschaft ist Bewegung gekommen.

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In die Schullandschaft ist Bewegung gekommen. Foto: dapd

Hagen/Breckerfeld/Herdecke. Sinkenden Schülerzahlen, gestiegene Erwartungen der Eltern an die Qualität von Bildungseinrichtungen und deren Betreuungsangebot, Hauptschulen im Abseits - für Kommunen ist die Schulentwicklungsplanung ein schwieriges Geschäft geworden.

Einen besonders radikalen Schnitt bereitet angesichts rasant sinkender Grundschülerzahlen derzeit die Stadt Hagen vor. Ein externer Gutachter hat gerade Vorschläge für einen Schulentwicklungsplan vorgelegt, die unter anderem vorsehen, dass möglichst schon zum Schuljahr 2012/13 sämtliche Haupt- und Realschulen – insgesamt 13 Schulen – zu sechs Sekundarschulen verschmelzen. Sollte der Rat einen entsprechend drastischen Schritt beschließen, würden in der 192 000-Einwohner-Großstadt für sämtliche Mädchen und Jungen nach der Grundschulzeit lediglich noch Gymnasien, Gesamt- und Sekundarschulen zur Auswahl stehen. Damit soll verhindert werden, dass die Eltern bei der Anmeldung ihrer Kinder auf weiterführende Schulen nicht weiter aus den Haupt- zu den Realschulen flüchten und dort das Bildungsniveau verwässern.

In den nächsten Wochen und Monaten soll auch in Zusammenarbeit mit der Bezirksregierung der Feinschliff dieses Konzeptes erfolgen. Während sich aus den Reihen der betroffenen Hauptschulen keinerlei Protest regt, sehen die Realschulen diesen Kurswechsel weitgehend kritisch. Vor allem die Unsicherheit über das pädagogische Profil der künftigen Sekundarschulen, für das erst im Oktober der gesetzliche Rahmen vom Land beschlossen wird, sorgt für große Skepsis bei Lehrern und Eltern.

Aus der St. Jacobus-Realschule in Breckerfeld soll nach Wunsch der westfälischen Kirche demnächst die erste evangelische Sekundarschule in Nordrhein-Westfalen werden. „Wir stehen bereit, diese Chance zu nutzen“, sagte Wolfram von Moritz, Schuldezernent der Evangelischen Kirche von Westfalen, auf einer Informationsveranstaltung in Breckerfeld. Eine attraktive Sekundarschule sei die einzige Chance der Stadt, auch in den nächsten Jahren ein weiterführendes Schulangebot zu erhalten.

Die Landtagsabgeordnete Sigrid Beer, Bildungsexpertin von Bündnis 90/Die Grünen, wies mit Blick auf die benachbarte Grund- und Hauptschule in Breckerfeld auf die Möglichkeit hin, dass bei einer Kooperation der Schulen hier sogar ein gemeinsames Lernen von der ersten bis zur zehnten Klasse möglich wäre. Ein Aspekt, den Professor Dr. Hans-Martin Lübking, Leiter des Pädagogischen Instituts der westfälischen Landeskirche, für wesentlich hält. Sein Ausgangspunkt: Kinder entwickeln sich individuell und lernen verschieden – deshalb: „Nicht die Schüler müssen sich an bestehende Schulformen anpassen, sondern die Schule muss sich auf die Verschiedenheit aller Schüler einstellen.“ Je früher die Kinder auf unterschiedliche Schularten aufgeteilt würden, desto größer die Ungerechtigkeit, auch in Form sozialer Auslese.

Die Sekundarschule, die ähnlich einer Gesamtschule - allerdings ohne eigene Oberstufe - strukturiert ist und weiterhin auf den Klassenverband setzt, wird nach einer jahrelangen Schuldebatte nun von der NRW-Landesregierung im Konsens mit der CDU als ein Weg angeboten, den Kommunen den demografischen Wandel im Schulwesen zu erleichtern. Dass man dem Problem „sinkende Schülerzahlen“ auch noch anders begegnen kann, zeigt die Stadt Herdecke. Hier wird auch die Einrichtung eine Modellschule mit Konzepten, die mit der Regelschule nur noch wenig zu tun haben, diskutiert. Ein Arbeitskreis aus Verwaltung, Politik und Eltern hat sich bereits in Berlin die Evangelische Schule Mitte angeschaut. Eine Schule, in der es nicht Klassenzimmer, sondern Lernbüros gibt. In der die Kinder im „eigenen Tempo lernen können“, wie der 12-jährige Paul aus Berlin bei einem Info-Abend in Herdecke berichtete. Selbstbestimmt, kreativ und vor allem gemeinsam mit anderen Kindern erarbeiten sich die Schüler dieser 2007 gegründeten Schule den vorgegebenen Stoff. Bis zum Abitur, das so wie an anderen Schulen mit den zentralen Prüfungen abgelegt wird. Der Unterschied: „In dieser Schule werden die Kinder nicht mit Wissen abgefüllt, sondern für eine Sache begeistert“, sagt Reinhard Kahl, Journalist und Experte für moderne Schulformen. Kahl plädiert dafür, den Kindern mehr Freiheit zu geben, mehr Verantwortung und in der Konsequenz mehr Freude in der Schule. Ein Credo, das Margret Rasfeld, Leiterin der Evangelischen Schule in Berlin lebt: „Man lernt nur etwas, wenn man sich für etwas begeistert.“

Schulträume wie konkrete Planungen müssen von der Bezirksregierung genehmigt werden. Burkhard Koller, Regierungsschuldirektor in Arnsberg, machte den Herdeckern Mut: „Wir werden alle Pläne konstruktiv begleiten.“

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