Kreativität in festen Formen

Anröchte.   Dagmar Tollwerth ist ein sensibler Mensch, jemand, der seine Gedanken und Gefühle in feinfühligen Worten mitteilt, dafür vor allem eine ungewöhnliche Form wählt: Die Anröchterin hat sich mit Haikus, japanischen Kurzgedichten, die einer strengen Form folgen, einen Namen gemacht. Wobei ihre Anfänge in der Belletristik liegen – ihren ersten Roman „Ich und Jetzt“ hat sie um die Jahrtausendwende geschrieben. Im Alter von 23 Jahren hatte die 1976 in Erwitte geborene Schriftstellerin diesen begonnen und innerhalb von zwei Jahren vollendet. Erschienen ist er allerdings erst im vergangenen Jahr.

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Dagmar Tollwerth ist ein sensibler Mensch, jemand, der seine Gedanken und Gefühle in feinfühligen Worten mitteilt, dafür vor allem eine ungewöhnliche Form wählt: Die Anröchterin hat sich mit Haikus, japanischen Kurzgedichten, die einer strengen Form folgen, einen Namen gemacht. Wobei ihre Anfänge in der Belletristik liegen – ihren ersten Roman „Ich und Jetzt“ hat sie um die Jahrtausendwende geschrieben. Im Alter von 23 Jahren hatte die 1976 in Erwitte geborene Schriftstellerin diesen begonnen und innerhalb von zwei Jahren vollendet. Erschienen ist er allerdings erst im vergangenen Jahr.

In der Modebranche hat Dagmar Tollwerth ihren Roman angesiedelt, inspiriert von den Skandalen, die Journalisten mit versteckter Kamera im Modezirkus aufgedeckt hatten. „Lea ist eine Anti-Heldin“, beschreibt die Autorin ihre zugleich sympathische und unsympathische Romanfigur. „Der Roman ist sehr provokant“, erklärt sie. Und damit ist er ganz anders als ihr jüngster Roman „Die zerbrochene Rebe“, eine Liebesgeschichte und ein eher ruhiger Roman, der zu Herzen geht.

Ausgleich zum Beruf

„Ich habe immer in meiner Freizeit geschrieben, mal mehr, mal weniger“, erzählt Dagmar Tollwerth. Vielleicht ein Ausgleich zu ihrem zahlendominierten Beruf als Bilanzbuchhalterin. „Ich wusste nicht, dass ich schreiben kann, ich hab einfach geschrieben.“ Freunden und Bekannten zeigte sie, was sie geschaffen hatte, diese animierten sie, sich einen Verlag zu suchen. „Ich bin nie ans Schreiben mit dem Wunsch herangegangen, dass ich Autorin werden wollte. Ich schreibe einfach gerne.“ Wobei das, worüber sie schreibt, stimmungsabhängig sei. Es gebe immer Impulse, die sie bewegen – wie in ihren Anfängen über das schmutzige Modegeschäft.

Ihr erstes Buch, das erschienen ist, ist allerdings einem ganz anderen Genre zuzuordnen. In „Zeigerloser Weg“ finden sich 61 Haikus, die sie jeweils einer bekannten Frau zugeordnet hat. „Es sind sehr interessante Leben, die diese Frauen gelebt haben“, erzählt die Autorin. Viel hatte sie im Vorfeld über diese gelesen, wusste, dass aus diesen Biografien ein Projekt werden sollte. „Ich wollte erst nicht, dass jeweils eine Kurz-Biografie zu den Haikus gestellt wird“, erklärt sie. „Die Texte sollten komplex und rätselhaft bleiben.“ Und den Lesern die Möglichkeit geben, sie selbst zu interpretieren. „Wenn man ein Haiku liest, weiß man nie, was der Lyriker sich dabei gedacht hat. Das ist, als stehe man vor einem Kunstwerk.“

Dieses Buch sei mit Herzblut entstanden, beinhaltet Haikus zu Sophie Scholl, Ingeborg Bachmann. „Das waren sehr intensive Zeiten, als ich mich mit diesen Frauen beschäftigt habe.“ Auch, wenn diese bekannt sind: In Sachen Kurz-Biografien setzte sich der Verlag durch.

„Atmende Bilder“ ist ein weiteres Buch mit Haikus betitelt. Interpretiert hat sie mit diesen die Fotografien der verstorbenen Künstlerin Susana Ferreira, zu der Tollwerth, selbst Halb-Portugiesin, einen familiären Bezug hat. „Das ist eine tolle Projekt-Arbeit gewesen“, erzählt die Autorin. Wobei den Texten auch anzumerken sei, dass sie damals in sehr melancholischer Stimmung gewesen sei. Ganz anders bei „Spuren in Worten“, Haikus und Senryüs zu bekannten und unbekannten Persönlichkeiten mit einem Vorwort von Natasa Dragnic. „Haikus sollen impressionistische Naturgedichte sein, daher habe ich versucht, einen Naturbezug mit reinzunehmen.“ Wie beim Haiku über Katherine Mansfield, bei der sie einen Bezug zu deren Zitat „Krokodile husten nicht“ fand: „Das Krokodil schwimmt lebenshungrig davon ohne zu husten.“

Fotos wurden ihr von den lyrisch porträtierten Personen zur Verfügung gestellt. „Wenn man mitten in der Arbeit steckt, macht es wirklich Spaß.“ Daher sei es fast bedauerlich, wenn das Buch erschienen und das Projekt vorbei ist. „Ich merke, wenn sich ein Haiku in meinem Kopf formt – und dann habe ich es irgendwann“, erzählt Dagmar Tollwerth. Daher hat sie auch ein kleines Notizbuch dabei, wenn sie unterwegs ist oder in der Mittagspause im Büro sitzt.

Ihr neuestes Projekt ist die Teilnahme an einer Anthologien-Sammlung zu verlorenen Orten und Plätzen und wodurch diese in Vergessenheit geraten sind. Dabei widmet sie sich Aristides de Sousa Mendes, dem portugiesischen Schindler, und dessen Haus. „Ich vermute, dass dieses irgendwann eine Museumsstätte wird“, hofft sie. „Ich glaube, das wird ein richtig bewegendes Buch.“ Wie die Anthologien-Sammlung „SternenBlick – ein Gedicht für ein Kinderlachen“, an der die Anröchterin ebenfalls mitgewirkt hat, wird auch dieses Buch von der Organisation Sternenblick herausgegebenen. Einer Organisation, die mit Worten berühren möchte, wobei die Verkaufserlöse gespendet werden.

Liebe und Leidenschaft

Auch ein Haiku-Buch möchte Dagmar Tollwerth wieder schreiben. „Ich bin momentan voll von diesen Sachen.“

Aber fühlt sie sich durch die starre Form nicht in ihrer Kreativität beschränkt? „Ich habe noch mehr Ehrgeiz entwickelt, eine Reduktion zu erreichen. Ich habe auch schon freie Gedichte geschrieben, komme aber immer wieder zu den Haikus zurück.“ Egal, was die Anröchterin als nächstes Projekt ins Auge fasst. Es wird auf jeden Fall mit sehr viel Liebe und Leidenschaft geschrieben.

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