Glosse

Schwedisch? Ich glaube schon

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Hagen.  „Sehr schwedisch“ sagte ich zu der Frau in der Büffetschlange vor mir, und ergänzte dies mit einer Kopfbewegung hin zu ihren Zöpfen.

„Sehr schwedisch“ sagte ich (auf Englisch) zu der Frau, die in der Büffetschlange vor mir auf den Fisch wartete, und ergänzte dies mit einer Kopfbewegung hin zu ihren Zöpfen. „Und“, fragte sie, „ist das gut?“ „Schwedisch? Ich glaube schon“, sagte ich. „Ich war nicht oft da, aber die Landschaft ist eindrucksvoll, die Leute sind überwiegend freundlich, die Lampen bei Ikea wirklich günstig und ich kenne viele Volvofahrer. Und Alkohol ist ja in Norwegen noch teurer.“

Brave Mädchen

Sie lächelte: „Danke. Aber ich habe von den Zöpfen gesprochen.“ Das hatte ich mir schon gedacht. Aber was kann ich schon über Zöpfe sagen? Ich versuchte es trotzdem: „Zöpfe sieht man in alten Filmen. Brave kleine Mädchen bekommen sie von ihren Müttern geflochten. Erwachsene Frauen tragen sie sehr selten.

Aber das ist offenbar in Skandinavien anders. Und das ist für den Mitteleuropäer irritierend. Aber auch reizvoll. Zumindest für Fetischisten. Wie eine 30-Jährige in Schuluniform mit Kniestrümpfen. Wie junge Mädchen, die sich die Haare grau färben. Aber im Norden habe ich Frauen mit ungefärbten grauen Zöpfen gesehen.“

Sie lächelte immer noch: „Ich wollte eigentlich wissen, was Du denn von meinen Zöpfen hältst.“ Schwedinnen gelten ja als direkt. Sie sah auch abgesehen von den Zöpfen ziemlich schwedisch aus (es lebe das Klischee): sehr blond, sehr groß, sehr sportlich.

Ohne Fisch

Das war wenig überraschend, weil das Sporthotel auf Fuerteventura, in dem viele Triathleten trainierten, indem sie erschreckend lange Strecken schwammen, liefen und radelten, schwedische Besitzer hatte. Und die Zopffrau war mehr als 20 Jahre jünger als ich. Also eher kein realistisches Sexualobjekt. Außerdem war ich mit Frau S. in Urlaub.

Aber ich sagte trotzdem, man darf den wenigen Charme, den man noch hat, ja nicht völlig einrosten lassen: „Well“, so fange ich gerne Sätze auf Englisch an, das passt immer und gibt einem Zeit, „Dich finde ich so gut, dass ich auch mit Dir hier stehen könnte, wenn es vorne keinen Fisch gäbe.“ „Aber meine Zöpfe magst Du nicht“, konstatierte sie verärgert, packte sich die letzten vier Stücke Thunfisch auf den Teller und ließ mich stehen.

Frauen sind eben kompliziert. Reagieren noch auf die unterschwelligste Frisurenkritik empfindlich. Der riesige Schwede, dem sie den Fisch brachte, trug einen Pferdeschwanz. Sie passten gut zusammen. Es ist halt doch eine ganz andere Kultur.

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