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Gründerstimmung im Ruhrgebiet - warum die Szene hier brummt

Rührgründer.de ist eines der wichtigsten Portale für Startups und die Gründerszene in NRW. Betreiberin ist Carmen Radeck, die künftig für unser Themen-Special regelmäßig berichten wird.

Rührgründer.de ist eines der wichtigsten Portale für Startups und die Gründerszene in NRW. Betreiberin ist Carmen Radeck, die künftig für unser Themen-Special regelmäßig berichten wird.

Die Gründerzene hatte das Ruhrgebiet lange nicht so recht auf dem Schirm. Nun holt die Region mächtig auf, und das hat gute Gründe. Eine Analyse:

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Wenn man an die Gründerhochburgen in Deutschland denkt, fallen einem vor allem Berlin, München und Hamburg ein. Dazu hier in NRW vielleicht noch Köln. Das Ruhrgebiet haben allerdings die wenigsten auf dem Schirm. Das könnte sich bald ändern, denn die Anzahl der Startups im Revier wächst und kann sich durchaus schon mit Hamburg und München messen.

Beste Voraussetzung für eine Gründermetropole

Darüber hinaus hat das Ruhrgebiet in vieler Hinsicht die besten Voraussetzungen, um zu den Gründerhochburgen in Deutschland zu zählen. Das sagen nicht nur Startup-begeisterte Lokalpatrioten, dafür sprechen auch viele harte Zahlen und Fakten: Das Ruhrgebiet ist mit mehr als fünf Millionen Einwohnern der größte Ballungsraum Deutschlands und der fünftgrößte in Europa. Es gibt hier unfassbare 22 (!) Hochschulen, und 155.000 Unternehmen, darunter drei DAX-Konzerne, erwirtschaften einen Jahresumsatz von insgesamt 330 Milliarden Euro. Darüber hinaus gilt das Ruhrgebiet als die am besten erschlossene Metropolregion in Europa.

Außerdem gibt es hier viele gut ausgebildete Fachkräfte und vergleichsweise günstige Mieten. Und auch, was das Startup-Leben „after work“ angeht, müssen wir uns nicht verstecken. Anders zwar als Berlin, das mit Friedrichshain, Kreuzberg und dem Prenzlauer Berg gleich drei der hippsten Stadtteile unter der Haube hat, gibt es im Ruhrgebiet eher Trendviertel „auf den zweiten Blick“, ob das Bochumer Bermuda-Dreieck, Essen-Rüttenscheid oder das Dortmunder Kreuzviertel. Man findet aber immer mehr angesagte Szenebars, interessante Restaurants jenseits von „gut bürgerlich“, urgemütliche Cafés und mehr Natur als die meisten vermuten.

Hemmschuhe: Kirchturmdenken, mieses Image und Strukturwandel

All dieses Potenzial hat das Ruhrgebiet nicht erst seit gestern. Wo liegt also das Problem? Warum hat es bisher noch nicht zur Startup-Metropole gereicht? Hier kann man vor allem drei Faktoren die Schuld in die Schuhe schieben: dem Kirchturmdenken, dem miesen Image und dem zähen Strukturwandel.

Fangen wir mit dem Kirchturmdenken an. Ja, das Ruhrgebiet ist eine Metropolregion, aber eben eine sehr spezielle und mit Berlin, Paris oder London nicht unbedingt zu vergleichen. Hier im Pott gibt es nicht eine zentrale Stadt, um die sich alles dreht, hier gibt es 53 einzelne Städte, die sich vor allem erst einmal um sich selbst drehen. Und jede dieser Städte hat ihren Bürgermeister und ihren Verwaltungsapparat. An einem Metropolen-Strang wird selten gezogen.

Auch das Engagement einzelner Städte wie Dortmund zum Beispiel, eine Gründerkultur zu fördern, reicht nicht, um einen Aufschwung in der gesamten Region zu bewirken, selbst, wenn es hier und da und immer mal wieder Anzeichen für eine Zusammenarbeit gibt. Beispielsweise bei der gemeinsamen Bewerbung der großen Ruhrgebietsstädte für einen der vom Land geförderten Digital Hubs, der heute als „ruhr:HUB“ seinen Sitz in Essen hat. Das ändert aber nichts daran, dass Kirchturmdenken einer der Hemmschuhe für die Entwicklung eines übergreifenden Startup-Ökosystems Ruhr ist und bleibt.

Zweiter Hemmschuh: Das Ruhrgebiet hat nach außen hin immer noch ein mieses Image. Da können wir uns hier selbst als Kulturhauptstadt oder grünste Industrieregion Deutschlands feiern – von München bis Berlin zählen noch immer Herbert Grönemeyers Worte: „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt“. Untermauert wird das anhaltend schlechte Image noch von der scheinbar unendlichen Geschichte des Strukturwandels, mit der sich das Ruhrgebiet seit Jahrzehnten herumplagt. Doch da hat sich inzwischen einiges getan. Vor allem darin, dass sich die hiesige Wirtschaft zunehmend wieder auf ihre Kernkompetenzen besinnt: Industrie, Hochtechnologie und harte Arbeit. Etwa in Dortmund, wo IT, Biomedizin und Robotik groß geschrieben werden. Mit intelligenter Produktionstechnik, Softwarelösungen für Maschinenbau und Automotive, und mit international aktiven IT-Startups, die sich rund um die Technische Universität etabliert haben.

Für Startups zeigen vor allem zwei Branchen besonderes Potenzial: Zum einen die Logistik, beispielsweise mit dem Duisburger Hafen als größtem Binnenhafen Europas, und dem wachsenden Hochschulangebot in diesem Bereich. Zum anderen gibt es das Potenzial der Energie- und Umweltwirtschaft. In Sachen energieeffizienter Industrie nimmt das Ruhrgebiet inzwischen deutschlandweit eine Vorreiterstellung ein. Bei der Gründung von Startups in diesen Bereichen spielen die hiesigen Hochschulen natürlich eine wichtige Rolle. Auch wenn das Thema „Gründen“ dort bisher oftmals eher vernachlässigt wurde, zeigt sich ein Wandel. An der Universität Duisburg-Essen beispielsweise gibt es den neuen und fachübergreifenden Studiengang Innopreneurship. Und auch die Technische Universität Dortmund hat ihr Engagement mit dem Centrum für Entrepreneurship & Transfer weiter gestärkt.

Aufbruchsstimmung an der Basis

Kirchturmdenken und mieses Image hin oder her – es tut sich was im Pott! Es brodelt. Aufbruchsstimmung ist zu spüren. Und zwar vor allem an der Basis, also bei den Gründern selbst. Das eigene Ding zu starten, ob direkt nach der Uni oder nach den ersten Jahren im Konzern, bleibt für immer mehr Gründungsbegeisterte nicht nur eine Idee, sondern wird immer öfter in die Tat umgesetzt. Dabei gibt es auch immer mehr Startup-Erfolgsgeschichten made in Ruhrpott, seien es die Startup-Pioniere von RapidMiner mit ihrer gleichnamigen und weltweit führenden Data-Mining-Plattform. Oder die beiden Daniels von Urlaubsguru, die innerhalb von fünf Jahren ein Unternehmen mit 180 Mitarbeitern hochgezogen haben. Oder das Bochumer Startup Employour, das mit Karriereportalen wie Ausbildung.de den großen Medienkonzernen zuerst den Rang ablief und 2015 schließlich für viele Millionen Euro an Bertelsmannn verkauft wurde.

Vernetzung über die Kirchtürme hinweg

Was die Vernetzung und den Austausch der Gründerszene untereinander und langsam auch mit der hiesigen Wirtschaft und Industrie angeht, sind vor allem in den großen Ruhrgebietsstädten Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen Keimzellen entstanden, die mit Kirchturmdenken nichts am Hut haben und sich munter und engagiert über Stadtgrenzen hinaus vernetzen und zusammenarbeiten. In Bochum reicht diese Keimzelle vom Bermudadreieck in der Bochumer City mit der Digitalagentur 9elements, deren Gründer Sebastian Deutsch als Netzwerker und Mentor selbst in der Szene aktiv ist, bis nach Ehrenfeld, wo die Die Bewerbungsschreiber ihr Büro haben. Die beiden Gründer Stefan Gerth und Holger Manzke gehören schon seit ein paar Jahren zu den engagiertesten Szene-Aktivisten. Sie haben nicht nur lange den legendären Bochumer Gründerstammtisch organisiert, sondern auch Events ins Leben gerufen wie den BizSlam oder koks.digital, die Konferenz für digitales Marketing.

Die Dortmunder Keimzelle in der Szene aktiver Gründer ist vor allem im Coworking Space Work Inn beheimatet. Bei einem Treffen einiger in der Szene aktiver Gründerteams dort Anfang des Jahres 2015 wurden die Fuckup Nights Ruhrgebiet ins Leben gerufen, einem Event-Format, bei dem Unternehmer von ihren Misserfolgen erzählen und was sie daraus gelernt haben. Dieses Event sollte einiges ins Rollen bringen, vor allem was die städteübergreifende Vernetzung der Szene betraf. Anders als andere Gründer-Veranstaltungen waren die Fuckup Nights von Anfang an als Ruhrgebiets-Events gedacht und wurden auch so umgesetzt – von Dortmund über Witten und Bochum bis nach Essen. Gestartet im Mai 2015 ging im September 2017 bereits die achte Fuckup Night über die Bühne und ist jedes Mal ausverkauft.

Seit 2016 ist echtes Szeneleben in Essen zu spüren

In Essen gibt es zwar schon länger das Unperfekthaus als kreativen Ort der Vernetzung, wo Anfang 2014 auch das Netzwerk-Frühstück für Startups, UP!businessbrunch, ins Leben gerufen wurde. Echtes Szeneleben ist aber erst seit 2016 zu spüren. Dies ging vor allem von Oliver Weimann aus, Gründer der 360 Online Performance Group, der 2016 zunächst das Networking-Event Startup Nights ins Leben rief, das inzwischen in Essen und Dortmund stattfindet, und zeitgleich gemeinsam mit RuhrGründer.de den RuhrSummit als erste große Startup-Konferenz im Ruhrgebiet initiierte. Gaben die Fuckup Nights den Anstoß für die ruhrgebietsweite Vernetzung der Szene, manifestierte der RuhrSummit, dass die Gründerszene Ruhr nicht nur existiert, sondern lebt. Nach dem ersten Aufschlag im Sommer 2016 in Essen geht der RuhrSummit 2017 in Dortmund an den Start.

In Duisburg läuft aktives und engagiertes Vernetzen eigentlich schon viele Jahre, allerdings eher unter dem Radar, und geht vor allem vom Campus Duisburg der Uni Duisburg-Essen aus. Das Networking-Event Currywurst & Bier bringt schon seit vielen Jahren Studenten-Startups mit Ruhr-Industrie und Investoren zusammen. Zudem hat sich mit der Gründung des Social Impact Labs auf dem Gelände des Duisburger Konzerns Haniel ein Hotspot für Social Entrepreneurship gebildet, der mit dem ImpactSummit als Subevent des RuhrSummit auch gleich die größte Konferenz für Social Entrepreneurship auf die Beine gestellt hat.

Auch Ruhrindustrie wird digitaler

Aber auch von Seiten der Industrie und Wirtschaft im Ruhrgebiet geht immer mehr Bewegung aus. Allen voran macht sich hier der Initiativkreis Ruhr, das Wirtschaftsbündnis aus mehr als 70 Konzernen und Unternehmen der Region, stark für die Förderung der Gründerkultur in der Region. Neben der Unterstützung von Events wie dem RuhrSummit oder den Szene-Portalen RuhrGründer und Startups Ruhr.de, hat er in Kooperation mit der NRW.Bank und dem Gründerfonds Ruhr einen Venture Capital Fonds für Startups der Region aufgesetzt, und sorgt damit vielleicht für ein ansteigendes Interesse der VC-Landschaft, die im Ruhrgebiet bisher kaum existent ist – abgesehen vom Business Angels Netzwerk Deutschland, das in Essen seinen Sitz hat und dessen Vorsitzende Dr. Ute Günther sich zusammen mit Dr. Roland Kirchhof ebenfalls für ein ruhrgebietsweites Startup-Ökosystem stark macht.

Viele Unternehmen setzen mittlerweile auch auf ein Miteinander von Corporates und Startups zur Entwicklung kreativer Lösungen im Zuge der Digitalisierung. Dazu werden oft unternehmenseigene Acceleratoren, Labs und Programme aufgesetzt oder Räume geschaffen, in denen sich Startups, etablierte Unternehmen, Studierende und Wirtschaftsförderer auf Augenhöhe begegnen. Etwa beim E-Commerce Accelerator STARBUZZ oder im ruhr:HUB.

Diese Entwicklungen hin zu einem wachsenden Startup-Ökosystem im Ruhrgebiet sind noch sehr neu. Zu neu, um beurteilen zu können, ob es nun endlich klappt mit dem Wandel. Aber die Aufbruchsstimmung, die Lust, etwas in der Region zu bewegen und sein eigenes Ding zu machen, ist ansteckend. Bleibt zu hoffen, dass sich noch mehr Menschen hier im Pott davon infizieren lassen.

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Carmen Radeck ist Betreiberin der Seite RuhrGründer.de, eine der wichtigsten Online-Seiten, die sich mit der Gründerszene in der Region befasst. Sie wird als Kolumnistin ab jetzt regelmäßig hier auf unserem Themen-Special über die brummende Branche, die neuesten Trends, die spannendsten Projekte berichten.

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