Lit.Ruhr

25.000 Menschen strömen zur Lit.Ruhr 2018

Die Lit.Ruhr im Theater Oberhausen: Cordula Stratmann und Bjarne Mädel  am vergangenen Samstag.

Die Lit.Ruhr im Theater Oberhausen: Cordula Stratmann und Bjarne Mädel am vergangenen Samstag.

Foto: Christoph Wojtyczka

Essen.   Zuspruch steigt, auch wenn es Luft nach oben gibt. Die zweite „Lit.Ruhr“ ist am Wochenende zu Ende gegangen. Ein Rundgang.

Ein gutes Literaturfest funktioniert vermutlich wie eine gelungene Party. Es braucht ein paar glänzende Unterhalter, einige tiefsinnige Gesprächspartner. Und das ein oder andere kontroverse Thema zu platzieren, schadet auch nicht. Von all dem hatte die zweite Auflage des großen Lesefestes Lit.Ruhr einiges zu bieten, wenn auch die internationalen Zugpferde des Literaturbetriebs diesmal ausblieben. Dafür fiel das Programm vielseitiger und auch politischer aus.

Gäste mit besonderem Weitblick

Wenn jemand behauptet, über den Geisteszustand von Donald Trump und die Morgenmantel-Farbe der Kanzlerin Auskunft geben zu können, darf man fragen: Woher will der Mann das wissen? Und: Jonas Jonasson, der seinem Seniorenheim-Aussteiger Allan Karlsson gerade ein zweites Romanleben als Hunderteinjährigem geschenkt hat, pariert solche Fragen über Fakten und Fiktion mit der charmant-schelmischen Chuzpe seines Romanhelden. Nein, auch wenn in seinem neuen Buch Ministerinnen Nazis mit einer Stehlampe erschlagen und Kim Jong-un als Depp dasteht, dem das Uran abhanden kommt, beschäftige er keine Kohorten von Anwälten mit der rechtlichen Absicherung seines Werks. Man habe ihm versichert, dass Nordkoreas Diktator derzeit andere Sorgen habe und Donald Trump eh keine Bücher lese, so der Schwede beim Besuch auf der Zeche Zollverein.

Während die Diplomatie am Boden derzeit schwer in Schieflage geraten ist, scheint die Ost-West-Beziehung im Weltall im Lot. Beteuert zumindest Astronaut Gerhard Thiele, der im Jahr 2000 Teil der internationalen Besatzung der Raumfähre Endeavour war. Mit Tochter Insa, die als Deutschlands erste Astronautin 2020 an der Raumstation ISS andocken soll, hat er ein Buch über die Familiensache Astronaut geschrieben. Was einen da oben erwartet, zeigt Thiele bei seinem Zollverein-Besuch auch in bewegten Bildern: Zähneputzen ohne Ausspucken, Rock’n’Roll-Tanzen ohne Schwerkraft. Bis zum nächsten familiären „Aufbruch und Abschied“ wird es dauern. Insa Thiele-Eich steht gerade vor der Geburt ihres dritten Kindes und musste die Mission Lit.Ruhr kurzfristig absagen.

Gäste mit politischer Botschaft gab es bei der Lit.Ruhr auch: Steuern gehen ja jeden an

Auf Feiern über Politik zu reden, gilt als heikel. Es sei denn, es geht um Steuerpolitik. Bei diesem Thema, weiß der ehemalige NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans, sei schnell Einigkeit zu erzielen. Denn der alte Kollegen-Satz, dass der Steuerspartrieb bei den Deutschen ausgeprägter sei als der Fortpflanzungstrieb, er gelte wohl bis heute. Über Steuerfüchse, Steuersünder und die Herausforderungen eines gerechteren Steuersystems hat er in seinem Buch „Steuern – der große Bluff“ geschrieben. Dass die öffentlich-rechtliche Abgabe besser sei als ihr Ruf, mag aus dem Munde eines ehemaligen Finanzministers nicht sonderlich überraschen. Rückendeckung gab es am Samstag auch von SPD-Hoffnungsträger Kevin Kühnert. Wer immer nur in den lauten Gesang von Steuersenkung einstimme, vergesse, dass das auf Kosten von kaputten Straßen, desolaten Schulen, also auch auf Kosten künftiger Generationen gehe, so Kühnert, der am Mittag noch in Berlin für eine offenere und solidarische Gesellschaft auf die Straße gegangen war.

Dafür gab’s auch Applaus von Autorin Juli Zeh, die den Grund für einen wachsenden Rechtspopulismus nicht nur im Fremdenhass sieht, sondern in einer wachsenden Identitätskrise. Ein Paradebeispiel dieses orientierungslosen Gegenwartsmenschen beschreibt sie in ihrem neuen Roman „Neujahr“: Henning stürzt sich so verbissen in die gleichberechtigte Fifty-Fifty-Aufteilung von Job und Familienarbeit, dass er darüber ganz krank wird. Zeh räsoniert in ihrem neuen Buch nicht nur über Geschlechterfragen, sondern über die Ansprüche eines überoptimierten Lebens, „in dem nichts mehr schief gehen darf“. Ihr persönlich gelingt viel, wofür sie sich jetzt sogar entschuldigen müsse, murrt die Autorin an diesem Vorlese-Abend in Essen. Drei Bücher in drei Jahren vorzulegen, damit stehe sie bei manchen Kritikern nun unter Streber-Verdacht.

Raumfahrer und große Schauspieler, Gegenwartsautoren und Comedians

Organisation ist eben alles. Und wenn Annette Frier und Gustav Peter Wöhler ein Fest planen, dann trifft man auf zwei wandelnde Warnhinweise, die sich mit Pleiten, Pech und Pannen in der Partyszene der Weltliteratur ebenso auskennen wie mit den Pointen. Thematisch abgebundene Abende wie diese sind ein Erfolgsformat des Lesefestes Lit.Ruhr, das mit 25.000 Gästen ein klares Besucherplus verzeichnet.

Die Veranstalter zeigten sich gestern sehr zufrieden, obschon einige Lesungen kurzfristig in kleinere Säle verlegt wurden.Das Festival für Literatur im Ruhrgebiet hat immer noch Luft nach oben. Die nächste Lit.Ruhr läuft vom 8. bis 13. Oktober 2019.

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25 000 Besucher erlebten die Lit.Ruhr 2018 in Essen, Bochum, Mülheim und Oberhausen. Es gab 78 Veranstaltungen bei einer Auslastung von insgesamt 78 Prozent.

6000 Gäste zählte das Programm für Schulklassen. Das Fest wird von Krupp-, Brost-, RAG- und Innogy-Stiftung sowie der Stiftung Mercator und Evonik getragen.

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