Tanz

„Abstand“: Jubel für Xin Peng Wangs neues Dortmunder Ballett

Ballett Dortmund - „Abstand“, Szene mit  Stephanine Ricciardi und  Francesco Nigro

Ballett Dortmund - „Abstand“, Szene mit Stephanine Ricciardi und Francesco Nigro

Foto: Foto:Leszek Januszewski

Dortmund.  Aus der Not zur tänzerischen Tugend: Dortmunds Ballettchef Xin Peng Wang erzählt in seiner neuen Choreographie vom „Abstand“. Laute Bravo-Rufe!

Ob draußen in einer surrealen Naturlandschaft, auf der Straße bei „Fridays for Future“-Demos mit bunten Pop-Art-Porträts von Greta Thunberg oder in Gruppenszenen vor emporschnellenden Infektions-Statistiken: „Abstand“ halten sie bis zum Finale des gleichnamigen Ballettabends von Xin Peng Wang. Die Tänzer auf der Bühne, wie auch das Publikum: nur noch 234 Zuschauer (also nur noch 20 Prozent der Platz-Kapazität) sind nach aktuellen Regeln im Dortmunder Opernhaus zugelassen.

Der Dortmunder Chefchoreograph hat, wie manche seiner Kollegen an NRW-Bühnen, persönliche Erfahrungen und die seiner Tänzer in einem pausenlosen 70-Minuten-Abend verarbeitet. Wang, der sich mit Literatur-Balletten einen Namen gemacht hat, bringt nicht etwa Eins-zu-Eins Lockdown-Erlebnisse auf die Bühne, sondern entfacht einen Reigen von melancholischen, am Ende auch optimistisch ausgelassenen Tableaus. Entfacht von einem atmosphärisch dichtem Musik-Mix - etwa aus Neo-Klassik mit sphärisch gleitenden Elektro-Sounds des Isländers Olafur Arnalds, der Tosca-Arie „Vissi d’arte“ von Puccini und dem narkotisierenden Streicher-„Adagio“ von Samuel Barber.

Jubel für Xin Peng Wangs neues Ballett in Dortmund: Es gilt dem Thema „Abstand“

Es beginnt bei verhangenen Waldimpressionen mit einem neoklassischen Paartanz, bei dem sich die Partner zunächst synchron nebeneinander bewegen, dann doch zusammen tanzen (dürfen!). Es folgen mehrere Soli – auch mit einer Ballerina, die sich beim Aufwärmen Füße und Gelenke knetet. Hier dominiert die Angst vor Infektion, die Einsamkeit zur Folge hat. Später verharren Mann und Frau, wie Romeo und Julia, auf Stühlen, mit dem Rücken zueinander. Dann wagen sie einen Pas-de-deux mit Tuchfühlung: Er bringt sie näher, aber trennt sie genauso schnell wieder.

Eingestreut in ästhetische Ballett-Impressionen (Soli und Duette) werden naturalistische Bilder. Da rollen plötzlich Patienten im Krankenbett, die am Tropf hängen, über die Bühne. Und schwarz gekleidete Todesboten begleiten die Corona-Opfer auf ihrem letzten Weg in quirligen Variationen. Mit leichtem, behutsamen Augenzwinkern bietet Wang auch andere munter leichtfüßige Gruppenszenen mit Mund-Nasen-Schutz. Am Schluss reißen sie sich die Masken ab, sie fliegen durch die Luft – zu sehen auf dem abwechslungsreichen Video-Bühnenbild von Hartmut Schörghofer und Raffaele Acquaviva. Die Erlösung gipfelt in der Hochzeit eines Paares, das so lange „das Lächeln des anderen nicht gesehen hat“. Der Bräutigam mit einem Blumenstrauß rollt die Braut in einer überlebensgroßen Glaskugel zum Altar – ein Bild, das man in ‚normalen‘ Zeiten fehldeuten könnte, dessen Anspielungen auf die Sehnsucht nach einem Ende der Pandemie aber vermutlich jeder, mit den Erfahrungen der letzten sieben Monate, versteht.

Dortmunds Tanzchef will mit seiner Choreographie „in der Krise das Leben feiern“

Zurecht nennt Wang sein Opus ein „Zeitballett“ mit dem Untertitel „In der Krise das Leben feiern“, das nach der Premiere mit Bravorufen gefeiert wurde. Neben Begeisterung für die Ballett-Ästhetik spürt man bei vieln die sehnliche Hoffnung auf ein Ende der „Abstand“-Regeln.

Nächste Termine: 25., 31. Oktober und und 7., 14. November. Karten (10-42€) unter Tel. 0231-5027222. wwwm theaterdo.de

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