Sachbuch

Aladin El-Mafaalani entlarvt den „Mythos Bildung“

Unermüdlicher Weckrufer: Aladin El-Mafaalani.

Unermüdlicher Weckrufer: Aladin El-Mafaalani.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Schule for future: Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani fordert im neuen Buch „Mythos Bildung“ mehr als nur eine Gleichheit der Chancen.

Das Problem ist altbekannt, die möglichen Lösungen sind es auch. Nur fehlt es an der nötigen Konsequenz – und die, die darunter leiden werden, sind die Kinder. Und dann kommt da ein Weckrufer daher, superauthentisch und konzentriert: Aladin El-Mafaalani ist gewissermaßen die Greta Thunberg des deutschen Bildungswesens.

In seinem neuen Werk „Mythos Bildung“ zerlegt der medial gefragte Experte eben diesen: als einen „kaum bestimmbaren Begriff, den man über jedes gesellschaftliche Problem stülpen kann“. Dabei sei das System durchlässiger geworden in den vergangenen Jahrzehnten, räumt der Autor ein. Der selbst – 1978 als Sohn syrischer Einwanderer im Ruhrgebiet geboren – als Beispiel gelungenster Integration gelten kann: Student an der Ruhr-Uni, Lehrer am Berufskolleg und einer Fachhochschule, Mitarbeiter im NRW-Integrationsministerium, heute Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Osnabrück.

Die „Bildungsexpansion“ hat nur „ein Mehr vom Gleichen“ produziert, so El-Mafaalani

Doch obwohl immer mehr Kinder immer bessere Abschlüsse machten, habe die „Bildungsexpansion“ nur „ein Mehr vom Gleichen“ produziert: Mehr Schüler schaffen das Abitur, mehr Studenten einen Abschluss, nur werden die Hürden für den Berufseinstieg auch immer höher. El-Mafaalanis Forderung lautet, ungleiche Startchancen systematisch auszugleichen – denn tatsächlich seien Kindergärten und Schule die einzigen Orte, an denen die Weichen zur Gleichheit gestellt werden könnten.

Ausführlich legt El-Mafaalani dar, auf welche Weise das Elternhaus den Bildungsweg von Kindern prägt, wie sich Schichten durch ihren „Habitus“ unterscheiden, wie Scham und Vorurteil Aufstiege erschweren oder gar verhindern. 79 Prozent der Akademikerkinder werden selbst Akademiker, aber nur 27 Prozent der Nicht-Akademikerkinder – immer noch! Und El-Mafaalani ist einer, der sich – immer noch! – darüber aufregen kann. Das macht den Charme dieses so fundierten wie facettenreichen Buches aus, auch wenn manche Passagen dem akademischen Sprachgebrauch sehr nahestehen.

„Kitas und Schulen müssen zu Orten werden, in denen Kinder alles erleben können“

Zugleich ist El-Mafaalani zu sehr Praktiker, um nicht mit konkreten Lösungsvorschlägen aufzuwarten. Etwa: „Kitas und Schulen müssen zu Orten werden, in denen Kinder alles erleben und lernen können, was diese Welt zu bieten hat.“ Der Ganztag müsse ausgebaut werden, um ein „multiprofessionelles Team aus unterschiedlichen Bereichen (Gesundheit, Soziale Arbeit, Psychologie, Kunst und Kultur)“ erweitert werden, ergänzt durch Sport- und Musikangebote von Vereinen: Ganz normales (Mittelstands-)Familienleben also, halt nur in der Schule.

Zwar will El-Mafaalani den Lehrkräften ermöglichen, sich wieder „ganz auf den Unterricht zu konzentrieren“, zugleich sollen sie in ihren Bewertungen (etwa der alljährlich heiß diskutierten Gymnasial-Empfehlung) stärker einbeziehen, wie sehr die häusliche Situation den Lernerfolg bedingt. Überspitzt formuliert: Ein Kind, das in prekärsten Verhältnissen eines Brennpunkts noch immer zu durchschnittlichen Leistungen fähig ist – das gälte in besseren Stadtvierteln wohl längst als hochbegabt. Ein Gedanke, der so simpel wie bestechend ist.

Aladin El-Mafaalani: Mythos Bildung. Kiepenheuer & Witsch, 272 S., 20 €

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