Kunstsommer Arnsberg

Arnsberger Kunstsommer macht Stadt zum offenen Atelier

(Susanne Lüftner (l., Künstlerin) und Kathrin Brand (Kuratorin) in der Ausstellung „Anpassungsstörung“ beim Arnsberger Kunstsommer.  Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

(Susanne Lüftner (l., Künstlerin) und Kathrin Brand (Kuratorin) in der Ausstellung „Anpassungsstörung“ beim Arnsberger Kunstsommer. Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Arnsberg.  Diese Kunst ist schräg, verträumt und eckt auch an. Wir haben schon mal erkundet, was beim Arnsberger Kunstsommer passiert.

Beim Arnsberger Kunstsommer verwandelt sich vom 17. bis 25. August die Innenstadt in ein offenes Atelier und in eine Bühne für Tanz, Theater und Musik. Die Kunst wird dabei in 60 Veranstaltungen zur großen Transformationsmaschine, denn sie ermöglicht es, alltägliche Orte neu zu entdecken.

Die goldene Kugel liegt auf dem Gitter fast in Greifweite von einer gelben Leiter entfernt. Die ragt aus der Untiefe des Notlüftungsschachtes der Parkgarage auf dem Neumarkt hervor. „Der Froschkönig“, rufen die Kinder begeistert, denn sie verstehen die Symbolik noch vor den Erwachsenen. Wer durch den Rost blickt, dessen Auge verfängt sich in rätselhaften, immer neue Perspektiven eröffnenden Spieglungen. „Untiefe“, so hat das Münsteraner Künstlerpaar Kirsten und Peter Kaiser seine Installation genannt.

Wo ein Frosch ist, da ist auch Wasser. Doch das Element fehlt auf dem Neumarkt völlig, obwohl dort einst ein Brunnen stand. Die Sehnsucht nach diesem Brunnen und seiner Funktion als Ort des Erzählens und Torschleuse zum Märchenreich greift das Münsteraner Künstlerehepaar ebenso verspielt wie tiefgründig auf.

Knallbunte Strickobjekte

Im Kloster Wedinghausen berichten knallbunte Strickobjekte von Ausgrenzung und dem Versuch, anzukommen. Dort zeigt die Soester Künstlerin und Kunsttherapeutin Susanne Lüftner eigene Werke und sogenannte „Outsider Art“ von drei früheren Psychiatriepatienten. „Ich möchte Arbeiten vorstellen, die zum Nachdenken anregen und die Vielschichtigkeit des Kunstbegriffs sowie das Hineinwirken in die Gesellschaft ansprechen“, so beschreibt Kuratorin Kathrin Brandt ihr Konzept. Die „Anpassungsstörung“ tritt in den Dialog mit der Multimediaarbeit „Die dort lebenden Menschen“ des jungen Künstlerinnenkollektivs Foam aus Münster, das die Abwesenheit der eigenen Generation in Arnsberg erforscht hat. „Wir kommen alle aus einer ähnlichen Stadt wie Arnsberg und haben sie verlassen. Warum eigentlich? Wie trifft man eine solche Lebensentscheidung?“ nennt Alina Inserra das Ziel. Musik spielt in den Videoarbeiten eine große Rolle; jeder Betrachter ist eingeladen, seine eigene Musikbox mitzubringen oder seine eigenen Klänge auf die Musikbox der Ausstellung zu laden, denn es geht den Künstlerinnen um Kommunikation. „Die Arbeit von Foam ist Sozialforschung als Kunst, die auch Emotionen wecken kann“, analysiert Kulturdezernent Peter Kleine.

Gleich gegenüber in der Stadtbibliothek experimentiert die Fotografin Barbara Anneser ebenfalls mit der Verknüpfung von Dokumentation und Kunst. Sie befragt 50 Arnsberger im Alter von 6 bis 100 Jahren nach ihren Träumen und porträtiert sie mit mit geschlossenen Augen. „Wenn der Betrachter Menschen mit geschlossenen Augen sieht, geht er mehr in sich selber hinein“, will Barbara Anneser Brücken zwischen Realität und Imagination schlagen.

Zwischentöne als Motto

Kulturamtsleiterin Kirsten Minkel hat das Kunstsommer-Motto „Zwischentöne“ bewusst als Einladung zur Debatte ausgewählt. Denn „Zwischentöne“ entstehen zum Beispiel auch in der Diskussion um Kunst im öffentlichen Raum. So sorgt ein knallrotes, sechs Meter hohes „A“ schon vor der Aufstellung auf einer Verkehrsinsel für Diskussionen. Der Künstler Aram Bartholl holt mit „Map“ die Standortfähnchen von Google Maps in den analogen Alltag hinein. Thematisiert werden damit die Fragen nach einer Verortung im globalisierten Zeitalter und die Beziehungen zwischen der digitalen und physischen Welt. „Als Kulturbüro wollen wir nicht nur auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, sondern sie auch gestalten“, schildert Kirsten Minkel den Anspruch des Kunstsommers. Netzwerke werden dabei immer wichtiger. Die Zusammenarbeit zum Beispiel mit dem Spirituellen Sommer, dem Projekt Stadtbesetzung, dem Verbund Tanzende Stadt prägt das Festival. „Wir befruchten uns durch den gegenseitigen Erfahrungsaustausch. So lebt der Spirituelle Sommer nicht von den großen Momenten, sondern von ganz vielen kleinen Gelegenheiten. Das ist etwas, wovon wir als Kunstsommer lernen können“, ist Kirsten Minkel überzeugt und fügt hinzu: „Jede Stadt hat inzwischen im Sommer ein Umsonst- und Draußen-Event, wo Coverbands auftreten. Aber so etwas kann nicht die Aufgabe eines Kunstfestivals sein. Ein Kunstfestival muss sein Profil schärfen. Kulturarbeit heißt, mutig zu sein und nicht nur den Mainstream zu bedienen.“

Ein goldenes Kalb in der Autowaschanlage

Zu den unerwarteten Fragestellungen gehört eine weitere Arbeit von Kirsten und Peter Kaiser, die für den Spirituellen Sommer entstanden ist - wie auch schon die „Untiefen“. In der verschlossenen St. Nepomuk-Kapelle hat das Künstlerpaar unter dem Titel „Sub Rosa“ in einer Fensterrosette der Tür eine Videosequenz installiert. Darin wird ein goldenes Kalb in einer Autowaschanlage reingewaschen. Vor dem Guckloch steht eine Beichtbank. Die Installation hat einen verblüffenden Effekt. Unversehens rückt das unscheinbare Kapellchen in den Mittelpunkt des Interesses. Peter Kaiser, gebürtiger Neheimer: „Wir haben ganz viele Menschen aus der Nachbarschaft kennengelernt. Nun wollen alle rein in die Kapelle.“ Die aber bleibt verschlossen. Ein bisschen Geheimnis muss schließlich sein, mitten in einer geschäftigen Stadt im digitalen Zeitalter.

www.kunstsommer-arnsberg.de

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