Sauerlandkrimi

Autorin Kathrin Heinrichs lässt Sauerländer wieder morden

Kathrin Heinrichs

Kathrin Heinrichs

Foto: Foto: Adelheid Prünte

Menden.  Spannend. Die Mendener Autorin Kathrin Heinrichs schickt ihr Private Eye Vincent Jakobs zum 10. Mal auf Mörderjagd

Der bekannteste Schnüffler Südwestfalens ist kein knorriger Förster und auch kein Schützenoberst mit eiserner Leber, sondern Lehrer an einem katholischen Gymnasium in einer Kleinstadt. Kathrin Heinrichs hat mit Vincent Jakobs einen Ermittler erschaffen, der von Berufs wegen viel mitkriegt und seine Wahlheimat durch die Brille des Kölschtrinkers betrachtet. In seinem 10. Fall lässt die Autorin Vincent nun tief in zwei prägende Milieus der Region eintauchen. Denn in ihrem neuen Krimi „Aus dem Takt“ wird ein Chorleiter auf seinem Motorrad durch eine Drahtfalle enthauptet.

Die Chorszene und ihre Überalterungsprobleme, die Attraktivität des Sauerlandes für Biker und die Proteste gegen die damit verbundene Lärmbelästigung, Umweltschutz sowie der geographisch bedingte Zwang zur Mobilität prägen in „Aus dem Takt“ die Lebensart zwischen den 1000 Bergen. Die Mordkommission Hagen ist bei Kathrin Heinrichs fest in Sauerländer Hand, Kommissar Max, der beste Freund Vincents, lebt von Hagen aus eine Fernbeziehung nach Schmallenberg. Kommissarin Silke hat am Sorpesee ein Häuschen gebaut und traut sich vor lauter Auspuffdröhnen kaum in den Garten. Die Staatsanwältin mit dem schicken Doppelnamen residiert in Hüsten und war einmal in Arnsberg aktive Chorsängerin – unter der Leitung des Mordopfers sogar.

Eifersucht im Männerchor

Wer darf ein Solo singen? Wem widmet der Dirigent Extrazeit? Mit wem bespricht er sich? Obwohl das Chorwesen mit seinen Eifersüchteleien durchaus sehr dynamische Emotionen freisetzen kann, vor allem, weil das Mordopfer einen Männerchor in Attendorn wegen Überalterung abgegeben haben soll, konzentriert sich die Mordkommission auf die militanten Motorrad-Gegner, zu denen auch Kommissarin Silke zählt. „Ich wohne in der Pampa, weil ich meine Ruhe haben will, und dann jedes Wochenende dieser Radau. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn du nach zwei Nachtschichten am Samstagmorgen von einer getunten Harley geweckt wirst, nur weil irgend so ein verfickter Zahnarzt mal was anderes hören will als seinen Bohrer?“, macht die Beamtin ihrem Herzen Luft. Weitere Drahtfallen werden quer durch das Sauerland entdeckt; die Ermittler geraten unter Druck.

Verschrobene Dorfbewohner

Aber Kathrin Heinrichs hätte sich nicht einen derart exzellenten Ruf erschrieben, wenn sie ihre Geschichten nicht mit einigen doppelten Böden ausstatten könnte. Da gibt es die verschrobene promovierte Biologin und die Gruppe engagierter Dorfbewohner, die zu Schweinehaltern werden, um der industriellen Fleischproduktion auszuweichen. Und es gibt die Kinder der Protagonisten, die langsam groß werden, die auf eine Vespa sparen, die vermuten, dass der ermordete Vater ein Verhältnis hatte und nun wissen wollen, mit wem. Die heile Welt ist auf den Dörfern genauso zerbrechlich wie in den Metropolen.

Kathrin Heinrichs komponiert den Ermittlungsprozess als Parallelhandlung. Schicht um Schicht wird offengelegt, welche machtvollen Triebfedern Einsamkeit und Karrierismus sind, und Stück für Stück begreift auch Vincent, dass seine Ehe in die Jahre gekommen ist.

Raffiniertes Lokalkolorit

Die mörderische Energie in ganz normalen Kleinbürgerbiographien wird durch eine gehörige Portion Humor gewürzt. Denn, wie eine pfiffige Streifenpolizistin mit landwirtschaftlichem Hintergrund herausfindet: Bei der Mordwaffe handelt es sich um Zaundraht, genauer, 2,5 Millimeter Stahldraht. Max erhält von seinem unwissenden Vorgesetzten den Auftrag, alle Baumärkte der Region abzutelefonieren, wer davon vielleicht ein Gebinde verkauft hat.

Vor 20 Jahren, als mit den Eifel-Krimis von Jacques Berndorf erstmals das Genre Regionalkrimi populär wurde, hat Kathrin Heinrichs ihren ersten Sauerland-Krimi herausgebracht und landet seither auch im Herzen des Ruhrgebiets einen Treffer nach dem anderen. Der Erfolg ihrer Romane beruht darauf, dass sie genau kennt, worüber sie schreibt, Lokalkolorit aber nicht als Selbstzweck einsetzt, sondern erzähltechnisch raffiniert nutzt, um Charaktere zu zeichnen. Kathrin Heinrichs erfindet Protagonisten, die so vertraut sind wie die eigene Verwandtschaft, und die im Geheimen genau die Dinge tun, vor denen man selbst sich nachts fürchtet.

Kathrin Heinrichs: Aus dem Takt. Vincent Jakobs’ 10. Fall. Blatt-Verlag, 9,80 Euro. www.kathrin-heinrichs.de

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