Literatur

Bei der Buchhandlung „Proust“ in Essen lesen große Namen

Beate Scherzer (67) und Peter Kolling (65) in ihrer Buchhandlung „ Proust“.

Beate Scherzer (67) und Peter Kolling (65) in ihrer Buchhandlung „ Proust“.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Essen.  Zur Literaturlandschaft Ruhr gehören gute Buchhandlungen. „Proust“ in Essen etwa, ein Gespräch über prominente Gäste: alles Autorinnen und Autoren

Wer in der Buchhandlung Proust ein Gespräch führen möchte, der muss mit Unterbrechungen rechnen. Da möchten zwei nass geregnete Wanderinnen ein Glas Weißwein trinken, da fragt ein junger Mann nach einer Literatur-Empfehlung: „Ich habe das Buch nicht gelesen, aber die Sarah...“, sagt die Buchhändlerin; der junge Mann entgegnet: „Prima, wie fand die Sarah das?“ – und schon beginnt ein Gespräch. Seit 30 Jahren handeln Beate Scherzer (67) und Peter Kolling (65) in Essen mit Büchern, zuerst im Grillo-Theater und am Viehofer Platz, später am jetzigen Standort Akazienallee. Und seit 30 Jahren laden sie Autorinnen und Autoren ein, ihre Bücher vorzustellen. Mit Britta Heidemann sprachen sie über Wassergläser, Migräne-Anfälle und unbarmherzige Leser.

In diesem Jahr hatten Sie T.C. Boyle in der Lichtburg zu Gast – ein Highlight, oder?

Peter Kolling: Ja, er ist ein sehr sympathischer Mensch. Man hat das Gefühl, man kennt ihn schon lange.

Beate Scherzer: Und er hat nach der Lesung über zwei Stunden lang signiert! Es gab auch Leute, die haben sich immer wieder angestellt; ich hatte darum gebeten, dass man dem Autor höchstens zwei Bücher vorlegt. Einer hatte eine Riesentasche dabei, und ich habe zu ihm gesagt: Haben Sie doch mal ein bisschen Mitleid mit dem Autor, es ist jetzt halb zwölf und der steht sei acht Uhr auf der Bühne!

Und?

Scherzer: Er hat so getan als hätte er mich nicht gehört. Aber T.C.Boyle, der war freundlich bis zum Schluss, hat immer geplaudert, war immer zu einem Selfie bereit.

Bei „Proust“ in Essen gehen die großen Erzähler der Gegenwart ein und aus

Waren Sie auch schon mal negativ überrascht von ihren Gästen?

Scherzer: Ja, bei einem, der lebt schon nicht mehr, das war Anfang der 90er-Jahre im Grillo. Im Grunde habe ich das aber auch vorher gewusst. So etwas von egozentrisch! Der hat sich sein Leben lang nur geärgert, dass er nicht den Literaturnobelpreis bekommen hat – so jedenfalls kam er daher. Insofern hat die Enttäuschung nur das bestätigt, was ich vorher gehört hatte. Ich habe danach nie wieder etwas von ihm gelesen…

Sie sind auch Moderatorin vieler Lese-Abende – sind Schriftsteller nicht oft eher verschlossene Menschentypen?

Scherzer: Es gibt natürlich Autorinnen und Autoren, die nicht gut lesen und reden können, aber die trotzdem ganz wunderbare Schriftsteller sind. Ich informiere mich vorher, um Überraschungen auszuschließen. Manchmal empfinde ich als Moderatorin eine Veranstaltung auch als schwergängig, aber das Publikum ist ganz angetan. Wenn ich da vorne sitze, beobachte ich mich natürlich auch sehr kritisch… (lacht)

Können Sie sich an besonders schwergängige Abende erinnern?

Scherzer: Bei einer Autorin mit ukrainischen Wurzeln zum Beispiel war es schwierig, das war genau zur Zeit des Aufstand am Majdan. Sie war übernächtigt, hatte Kopfschmerzen…

Kolling: Ich weiß, wen du meinst! Ich bin durch ganz Rüttenscheid gerannt, weil sie eine Allergie hatte und ganz bestimmte Kopfschmerztabletten brauchte…

Scherzer: Und eine Autorin hat eine Lesung im Grillo abgebrochen, sie hatte furchtbare Migräne. Das war heftig! Später habe ich eine Schilderung dieser Migräne in einem ihrer Romane wiedergefunden…

Proust plaudert: Manche Autoren haben Migräne, andere verlangt es bloß nach Obst

Popstars sind bekannt für Extrawünsche – und Autoren?

Kolling: Bei Boyle gab es eine Backstage-Liste, aber was stand darauf?

Scherzer: Ein bisschen Obst, das haben wir ihm gerne hingestellt. Mancher will Wein, mancher Wasser ohne Sprudel oder lauwarmes Wasser… (lacht) Meistens kommen die Autoren ganz unkompliziert eine halbe Stunde vorher und man plaudert noch ein wenig. Als Feridun Zaimoglu hier war, da haben wir uns einfach hier drüben in die Ecke gesetzt…

Zaimoglus Bücher sind oft sehr harsch im Tonfall, wie ist er als Mensch?

Scherzer: Ich fand das jüngste Buch, „Die Geschichte der Frau“, nicht so schlecht, aber die ersten Kapitel sehr schwierig. Darüber haben wir uns auf der Bühne unterhalten, er hat sehr schön reagiert und das erklärt. Ich kannte ihn, weil er oft schon Kunde bei uns war, wenn er Lesungen im Ruhrgebiet hatte – er hat sich immer sehr über unsere Lyrik-Abteilung gefreut. Er ist ein sehr angenehmer, zugewandter Mensch, man glaubt das gar nicht, dass er solche wütenden Bücher schreibt (lacht). Er lebt eben das im Schreiben aus, was ihn ärgert an der Welt und an der Gesellschaft und überhaupt.

Sie veranstalten seit 30 Jahren Lesungen – was hat sich verändert?

Scherzer: Eigentlich gar nicht so viel… Früher gab es mehr reine Lesungen, am Schluss konnte das Publikum Fragen stellen. Heute gibt es eigentlich immer Lesung und Gespräch im Wechsel. Trotzdem machen wir keine Event-Lesungen. Es geht immer um das Buch, um die Literatur.

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