Clara Schumann 200

Clara Schumann: Die erste Priesterin der Kunst

Auch in D-Mark verewigt: Die Musikerin Clara Schumann

Auch in D-Mark verewigt: Die Musikerin Clara Schumann

Foto: Bundesbank / Handout

Hagen.  Clara Schumann hat das moderne Klavierkonzert erfunden. Als Pianistin, Komponistin, Herausgeberin und Pädagogin hat sie ihre Zeit geprägt

Ein Wunderkind an der Schwelle zur internationalen Karriere. Eine Liebe, die vor Gericht erstritten werden muss. Erfolg, Wahnsinn, Tod. Das ist der Stoff, aus dem Romane und Filme gestrickt werden. Und doch beschreiben solche Stichworte nur die Hälfte von Leben und Wirken der großen Musikerin Clara Schumann (1819 - 1896). Nicht gut ins Klischee passt die Tatsache, dass Clara nach dem Tod von Robert Schumann noch 40 Jahre lang das Musikleben Europas als Klaviervirtuosin, Pädagogin und Herausgeberin wesentlich beeinflusst hat, als „Priesterin der Kunst“, wie Franz Liszt sie feiert.

Clara Schumann ist die weltliche Schutzpatronin aller Musikerinnen. Der Frauenbewegung ist ihre Wiederentdeckung seit den 1960er Jahren zu verdanken. Damals registriert man an ihrem Beispiel verblüfft, dass Frauen sogar komponieren können. Mendelssohn leitet die Uraufführung des Klavierkonzertes op. 7 der jungen Clara 1835 im Leipziger Gewandhaus. Das ist die Fallhöhe.

Beethoven hat Clara Schumann viel zu verdanken

Die frühe Clara-Schumann-Forschung stellt entsprechend heraus, dass sich die kompositorischen Talente der jungen Frau in den anstrengenden Ehejahren mit einem komplizierten Mann verschleißen, einer Ehe, die durch psychische Krankheit, Geldsorgen und die Geburt von acht Kindern zwischen 1841 und 1854 geprägt ist. Heute weiß man mehr über Virtuosenkarrieren, unter anderem, dass alle Klavierstars jener Zeit komponierten, um mit den Stücken ihre Programme zu bestreiten.

Clara Schumann macht es anders. Sie gehört zu den ersten Interpreten, welche die Klaviersonaten von Beethoven ungekürzt vortragen. Dass Beethoven heute die Tempelsäule des Pianistenrepertoires bildet, ist ihr zu verdanken. Außerdem spielt sie neben eigenen Werken Kompositionen der Avantgarde und hebt Schätze der Vergangenheit, zum Beispiel Scarlattis Sonaten. Clara Schumann erfindet die Dramaturgie und die Programmgestaltung des modernen Klavierkonzerts. Sie ist die erste Frau, welche die Wunderkindzeit im schon damals gnadenlosen Virtuosenzirkus künstlerisch überlebt.

Das gelingt nicht durch Zufall, sondern ist einer klugen Strategie und harter Arbeit zu verdanken, zu denen ihr Vater Friedrich Wieck, der berühmte Klavierpädagoge, die Grundlagen legt. Clara wächst unter Künstlern auf, in einer Patchworkfamilie; ihre Mutter Marianne Tromlitz, eine Schülerin des Vaters, ist so eine Pianistin, deren Karriere früh verblüht. Die Eltern lassen sich scheiden, die Kinder bleiben bei Wieck, der Clara und ihre Geschwister nach modernen reformpädagogischen Grundsätzen erzieht. Man kann verstehen, dass der alte Wieck nicht glücklich ist, als ein labiler Habenichts namens Robert Schumann in das Leben seiner so sorgfältig ausgebildeten Clara tritt. Dass Clara die Eheschließung gegen den übermächtigen Vater vor Gericht durchsetzt, zeugt von einer Willenskraft, die sie später zahllose Auftritte im Jahr durchhalten lässt.

Heirat vor Gericht erstritten

Clara Schumanns Biographie ist voller Brüche. Mit Robert Schumann will sie das Ideal einer romantischen Liebesbeziehung leben, man kommuniziert, indem man sich gegenseitig Stücke komponiert. „Geplant war eine Künstlergemeinschaft nach frühromantischem Vorbild, die eine Verschmelzung beider Individuen im künstlerischen Prozess imaginiert“, so die Schumann-Expertin Janina Klassen im Lexikon „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“. Eine Schwangerschaft nach der anderen, Geldsorgen und die sich zunehmend verschlechternde geistige Gesundheit Roberts stellen diese Träume hart auf die Probe.

Die Witwe muss sofort auf Tournee, um Geld zu verdienen

Am 29. Juli 1856 bricht die romantische Welt zusammen. Clara Schumann wird mit 37 Jahren Witwe und muss sofort Geld verdienen, um die große Kinderschar zu ernähren. Noch im Trauerjahr unternimmt sie eine erste Englandtournee. Nun verfestigt sich der Eindruck der „Priesterin der Kunst“, denn auf der Bühne merkt man der Virtuosin nicht an, welche Sorgen sie bedrücken.

Clara Schumann begreift es als Lebensaufgabe, das Werk ihres Mannes durch Konzerte bekannt zu ­machen. Sie ist eine sorgfältige Nachlassverwalterin. Rheuma und Auftrittsangst­ erschweren die öffentlichen Konzerte in den späteren Jahren. Daher nimmt sie 1878 eine Professur am Hochschen Konservatorium in Frankfurt an und wird als Pädagogin schulebildend.

Als Mutter erlebt Clara Schumann einen Wandel des Frauenbildes. In ihrer Jugend ist die Erziehung der Söhne und Töchter Aufgabe der Väter. Auf ihre Tourneen kann die Witwe ihre Kinder nicht mitnehmen, also bringt Clara sie in Pensionaten und bei Verwandten unter. Doch nach der gescheiterten 1848er Revolution ändert sich das Frauenbild. Die Frau soll zur Hausfrau werden. Die selbstbewusste Künstlerin sieht sich zunehmendem sozialen Druck ausgesetzt, sie würde ihre Mutterpflichten vernachlässigen. Fortschrittlich erzogen, besteht Clara aber zeitlebens darauf, dass auch ihre Töchter sich durch Arbeit selbst ernähren können.

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