Kunst

Corona und Homeoffice: Die Kunst, mit der wir leben

Während der Videokonferenzen sind zahlreiche Kunstwerke zu sehen.

Während der Videokonferenzen sind zahlreiche Kunstwerke zu sehen.

Foto: Manuela Nossutta / Funkegrafik NRW

Hagen.  Die Videokonferenz ist ein soziales Experiment. Was dabei an der Wand hängt, lohnt einen zweiten Blick. Wir stellen eine Homeoffice-Galerie vor.

Der Büromensch an und für sich ist unsichtbar. Mit ein bisschen Glück darf er sich einen Schnappschuss seiner Familie auf den Schreibtisch stellen. Wenn im Dienst Kunst an die Wand kommt, sucht der Chef sie aus.

Im Homeoffice hingegen wandelt sich derzeit die Kultur der Arbeit grundlegend. Aus Büromäuserichen werden selbstbestimmte Videokonferenz-Teilnehmer. Tag für Tag geben sie den Kollegen nun Einblicke in ihre privaten Lebensräume. Damit wird der Video-Chat zum sozialen Experiment und zur virtuellen Galerie gleichermaßen, denn es hängt ja was an der Wand, vor der die Konferenzteilnehmer sitzen oder stehen. Diese Wandkunst im Homeoffice hat einen zweiten Blick verdient. Wir stellen sie hier vor.

Der doppelte Blick

Nehmen wir den Kollegen Li (4), das ist der Mann, der den Morgen täglich mit seiner Kolumne erst gut macht. In Lis Arbeitszimmer wacht eine farbenprächtige Dame über die Nachrichtenlage. Gemalt hat sie die Jugendliebe des Redakteurs, mit der er längst drei erwachsene Kinder hat. Der erste Eindruck trügt nicht, hier war ein Profi am Werk. Das sagt Li dazu: „Entstanden ist es 1989 am Ende des Kunststudiums. Es hängt dort wegen der expressionistisch anmutenden Farbigkeit, des Paradoxons, dass das Model einen vis-á-vis und aus dem Spiegel anschaut und weil es einen daran erinnert: When we were young!“

Wattlandschaft aus Liebe zum Meer

Chefredakteur Jost Lübben (9) verbindet im Arbeitszimmer zwei Leidenschaften miteinander: seine Küstenheimat und das Zeitungsmachen. Seine Homeoffice-Kunst zeigt eine Wattlandschaft vor Föhr des Hamburger Künstlers Jochen Hein. Bildträger ist eine Titelseite des Föhrer Inselboten, die Lübben als Teil eines Teams von Chefredakteuren produziert hat. „Das Meer bedeutet mir viel. Es ist auch Teil meiner Geschichte. Ich bin an der Küste geboren, mein Vater war Kapitän und Seelotse, mein Großvater Fischer.“

Der stellvertretende Chefredakteur Torsten Berninghaus (3) schätzt die spitze Feder auch privat. Er hat eine „Lümmelei“ seines Freundes, des Zeichners Andreas Nossmann täglich im Auge. „Diese Zeichnung hängt seit mehr als 20 Jahren bei mir und ich kann sagen, dass sie mir nie fad geworden ist. Im Gegenteil. Ich sehe darin mehr die Überwindung der Traurigkeit denn eine aufziehende Depression.“

Redakteurin Yvonne Held (1) aus Wetter mag den Hagener Maler Martin Bender, der großformatige Kunstwerke an Hauswänden kreiert, und dazu regelmäßig limitierte Druckauflagen anbietet. „Die Arbeit hängt da, weil mein Schatz und ich große Fans seiner Bilder sind. Uns gefällt die Art, wie er malt – eckig, kantig, mit Licht und Schatten.“

Der Künstler lebt im Haus

Onlineredakteurin Annika Rinsche (10) wiederum hat den Künstler im Haus. Erik (4 Jahre) bastelte zusammen mit seiner Mama den Regenbogen für das Fenster. „Eigentlich sollte er die Spaziergänger erfreuen – hoffentlich hat er auch bei den Kollegen in den Videokonferenzen für gute Laune gesorgt.“

Es ist überraschend und berührend, welche künstlerischen Vorlieben sich dank Homeoffice offenbaren und wie sehr Kunst tatsächlich ins Alltagsleben integriert ist. Redakteurin Lisa Rita Klaus (8) aus Bad Berleburg lebt mit „dem wohl schönsten Gemälde, das ich kenne“, dem Werk „Auf einer Rasenbank“ des sozialkritischen russischen Malers Ilja Repin von 1876. „Das Bild begleitet mich schon mein ganzes Leben, ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wo ich es zuerst gesehen habe. Deshalb habe ich mir vor ein paar Jahren den Traum erfüllt und mir einen Kunstdruck des Gemäldes gegönnt.“

Erinnerungen an eine große Reise

Redakteur Oliver Eickhoff (7) aus Meschede blickt auf ein selbst fotografierten Bild von der Kirschblüte in Japan, das auf einer Reise entstanden ist. „Die Kirschblüte ist in Japan ein großes Ereignis. Mit einem Eis aus grünem Tee in der Hand habe ich dort sehr schöne Momente erlebt. Für mich steht das Motiv für Lebensfreude und japanische Kultur, die ich sehr schätze.“

Der berühmte britische Streetart-Künstler Banksy ist wegen Corona ebenfalls ins Homeoffice verbannt. „Meine Frau hasst es“, bekennt Banksy auf Instagram, und jede Hausfrau wird das gut verstehen, denn Banksy hat in Heimarbeit das heimische Badezimmer mit Ratten ausgemalt. Soweit geht Redakteur Steffen Schwab (6) nicht, aber als echter Siegerländer zeigt er seine Bilder nicht, sondern guckt sie lieber selber an. „Dass keine richtige Kunst im Hintergrund hängt, hat alleine mit meinem Geiz zu tun. Ich gönne den Anblick nur mir selbst.“

Umgekehrt hat Klaus Theine (5), in der Chefredaktion für die Lokalredaktionen verantwortlich, seine Flamingos mit ihren kräftigen, inspirierenden und prächtigen Farben eigens wegen der Videokonferenzen installiert. „Bei der Liveübertragung vor einer kalkweißen Wand zu hocken, wäre armselig. Die Flamingos leben eigentlich an einer anderen Wand. Dass sie einmal Karriere vor der Kamera machen würden, konnten sie nicht ahnen, als sie hier Quartier bezogen.“

Nach vielen Gläsern Wein

Mit einer Jugendliebe hat die Corona-Galerie begonnen, und mit einer großen Liebe schließt sie. Redakteur Martin Haselhorst (2) aus Arnsberg erfreut sich in seinem Bürokeller an einem Gemälde aus dem Jahr 1992. Bildträger ist eine Holzplatte, die später in drei Teile zersägt wurde, um ein Triptychon zu schaffen. „Gemalt wurde es von vielen Freunden und Freundinnen nach vielen Gläsern Wein bei der Feier zum 29. Geburtstag meiner Frau. Jeder malte, wozu er Lust hatte. Das Gesicht könnte meine Frau darstellen. Wie alles, was für Freundschaft, Geselligkeit und Biografie steht, wurde es nicht weggeworfen. Und wenn so ein Werk einmal den Sprung an eine Wand geschafft hat, wird es bei mir für immer in Ehren gehalten.“

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