Geschichte

Der große Bergarbeiter-Streik - Blutiges Ende einer Arbeiterbewegung

„National Union of Mineworkers“-Treffen im Darfield Social and Welfare Club Wombwell, 5. Januar 1985.

Foto: Michael Kerstgens

„National Union of Mineworkers“-Treffen im Darfield Social and Welfare Club Wombwell, 5. Januar 1985. Foto: Michael Kerstgens

Essen.  Vor 30 Jahren begann in England der große Bergarbeiter-Streik, mit dem Maggie Thatcher die Macht der Gewerkschaften brechen sollte. David Peace hat aus der Story einen Polit-Thriller gemacht – und der Oberhausener Fotograf Michael Kerstgens seine Bilder-Serie von damals veröffentlicht.

Der große, blutige Streik der britischen Bergarbeiter begann vor 30 Jahren, als das staatliche „Coal Board“ 20 Zechen schließen und 20.000 Kumpels entlassen wollte. Zeitweise legten 130.000 Männer die Arbeit nieder, es gab zehn Tote und Tausende Verletzte. Und am Ende, nach einem Jahr, war auch die britische Arbeiterbewegung tot.

Was wie ein Vorspiel zur historischen Niederlage des Sozialismus fünf Jahre später wirkt, war in Wahrheit ein Schurkenstück der Regierung Thatcher, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Macht jener Gewerkschaften zu brechen, die 1974 noch die Regierung von Margaret Thatchers Parteifreund Edward Heath stürzen konnten. Dieses tiefschwarze Szenario malt der gerade ins Deutsche übersetzte Polit-Thriller „GB 84“ von David Peace aus, der mit vier Romanen rund um den „Yorkshire-Ripper“ bekannt wurde.

Taktisch ungeschickt - und dogmatisch verbohrt: Gewerkschaftsboss Scargill

Zu Thatchers Sieg über die Gewerkschaften trug auch das taktische Unvermögen des dogmatisch kommunistischen Gewerkschaftspräsidenten Arthur Scargill bei. Doch diese beiden Todfeinde bleiben in „GB 84“ im Hintergrund, anonym als „Premierministerin“ und „Präsident“; dies ist die Bühne für die zweite Reihe, Gewerkschaftsgeschäftsführer wie Terry Winters und den Einpeitscher der Regierung Stephen Sweet, die beide im Hintergrund die Fäden ziehen und vor keiner Schweinerei Halt machen, menschlich dubios, strategisch eiskalt.

Gewerkschafter hatten Streikbrecher (die vom Staat 25 Prozent mehr Lohn bekamen) im Visier; der antikommunistische Strippenzieher hetzt dagegen die Presse auf und alle, die unter den Folgen des Streiks leiden. Dabei wird er unterstützt vom Spezialagenten David Johnson, Mann für die dreckigen Jobs: Diebstahl, Raub, Entführung – Mord. Verschwörungstheoretiker werden ihre Freude an „GB 84“ haben; drumherum aber spinnt sich authentische Geschichtsschreibung.

Bergarbeiter verschulden sich im Streik

Die stärksten Seiten des Peace-Romans sind jene, die in eindringlichen Farben die Not der Betroffenen ausmalen: Die Bergleute verschulden sich mit jeder Streikwoche mehr, auch wenn sie das Geld der Solidaritätssammlungen in ganz Europa – von Moskau bis Lissabon und auch beim Deutschen Gewerkschaftsbund – erreicht. Ihre Kinder werden von der Schulspeisung ausgeschlossen, und allmählich wächst in den Familien das Misstrauen gegen die Gewerkschaft, wachsen die Zweifel.

„Aber sie wussten alle, dass es ihre letzte Chance war“, beschreibt der Oberhausener Fotograf Michael Kerstgens (53) die Stimmung in den Bergmannsfamilien. Er war als Foto-Student der Folkwang-Hochschule Ende 1984 nach England gefahren – und sollte hier, in South Yorkshire, eine Serie fotografieren, die das Fundament seiner späteren Reporter-Karriere bei „Stern“ und „Spiegel“ werden sollte.

Trotzdem sind die Bilder erst jetzt zum ersten Mal als Buch erschienen: „Coal Not Dole“, was man frei mit „Kohle statt Stütze“ übersetzen könnte. Kerstgens gewann das Vertrauen der Bergarbeiter, er lebte wochenlang bei „Spud“ Marshall, einem Bodyguard und Fahrer von Arthur Scargill.

Mehr noch ist Kerstgens allerdings bis heute von den Frauen der Bergleute beeindruckt: „Die Männer mögen die Speerspitze gewesen sein, die Frauen waren das Herz der Streikbewegung.“ Radikal, tief verwurzelt im Gemeinwesen Bergbau, der eben mehr war als irgendein Industriezweig.

Spuds Frau Marsha etwa, „ein ganz einfacher Mensch, klar und geradeaus“, entwickelte sich zu einer flammenden Rednerin, die auf Solidaritätsversammlungen in ganz Europa sprach und einmal in der Woche mit Filmstar Vanessa Redgrave telefonierte, die sich mit den Bergleuten solidarisch erklärte. Doch auch Marsha wusste, als der Streik verloren war: „Das ist das Ende der Straße.“ Ihr Mann Spud, den Michael Kerstgens vor Kurzem noch besucht hat, fand in den ganzen letzten 30 Jahren keine Arbeit mehr.

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