Der Trikots sind genug gewechselt

Krisenstimmung im schönsten aller Heimatländer! Was ist passiert? Eine Naturkatastrophe? Die Wirtschaft vor dem Kollaps? Das Internet gelöscht? Nein. Zwei deutsche Berufsfußballer haben sich in London mit dem türkischen Präsidenten Erdogan fotografieren lassen und ihm Trikots ihrer Clubs FC Arsenal und Manchester City überreicht. Seither kocht der Volkszorn derart hoch, dass sogar die Kanzlerin auf den Platz muss, und jetzt ist Deutschlands Auftreten bei der WM in Gefahr. Wie konnte es soweit kommen? Die Suche nach Antworten auf die Massenhysterie offenbart einiges über die Lage der Nation, was man lieber nicht wissen möchte. Eine Betrachtung aus der Kultur-Perspektive.

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Krisenstimmung im schönsten aller Heimatländer! Was ist passiert? Eine Naturkatastrophe? Die Wirtschaft vor dem Kollaps? Das Internet gelöscht? Nein. Zwei deutsche Berufsfußballer haben sich in London mit dem türkischen Präsidenten Erdogan fotografieren lassen und ihm Trikots ihrer Clubs FC Arsenal und Manchester City überreicht. Seither kocht der Volkszorn derart hoch, dass sogar die Kanzlerin auf den Platz muss, und jetzt ist Deutschlands Auftreten bei der WM in Gefahr. Wie konnte es soweit kommen? Die Suche nach Antworten auf die Massenhysterie offenbart einiges über die Lage der Nation, was man lieber nicht wissen möchte. Eine Betrachtung aus der Kultur-Perspektive.

Özil und Gündogan waren bei ihrem Fototermin mit Erdogan nicht besonders gut beraten. Mehr braucht man eigentlich nicht darüber zu sagen. Denn wir reden hier nicht über Straftaten oder gar Verbrechen. Sie haben sich auch nicht diskriminierend über Dritte geäußert. Ganz nebenbei verkauft Deutschland Herrn Erdogan die Waffen, mit denen er die Dinge tut, die wir so missbilligen, um nur ein Beispiel für Heuchelei anzuführen.

Mit wem singen die Gündogan-und-Özil-Erzieher denn im Chor? AfD-Frontfrau Alice Weidel will nun nicht für die nationale Elf applaudieren. Ist ihr nicht mehr biodeutsch genug. Sie muss es ja wissen, denn sie zahlt ihre Steuern in der Schweiz. Ein verrenteter Politikwissenschaftsprofessor deduziert aus dem Foto, dass Özil ein gespaltenes Verhältnis zu Deutschland habe. Hut ab vor dieser wissenschaftlichen Glanzleistung. Das hatte Bundespräsident Gustav Heinemann auch, der frei bekannte: „Ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau.“

Der Nationalspieler wird zum öffentlichen Eigentum

Im Trikotstreit rühren sich einige unangenehme Ingredienzien zu einem Giftbrei zusammen. Die Ausländerhetze des rechten Flügels sickert offenbar langsam ins Mittelfeld des bürgerlichen Bewusstseins, deshalb erwartet man unreflektiert von Fußballern mit Migrationshintergrund, dass sie, wenn sie schon nicht blond sind wie Siegfried, dann aber wenigstens so edel wie der Drachentöter, ja, dass sie ihre Existenz gleichsam vorauseilend rechtfertigen, frei nach dem Motto: Er ist zwar bunt, aber so ein guter Kerl.

Die Nationalmannschaft mit Stolz und Hoffnung als das Beste zu sehen, was dieses Land und sein Fußballsport aufzubieten haben, das reicht nicht mehr. Der Nationalspieler wird zum öffentlichen Eigentum, dem man ohne Distanz oder Respekt Feigheit vorwerfen kann.

Fußballer sind seit Breitner keine politischen Zeitgenossen mehr, sondern fallen eher durch dicke Autos und manchmal milieuhaften Lebensstil auf. Ein Mitglied der Nationalelf hingegen sollte sich politisch tunlichst nicht vor einen Karren spannen lassen. Stellen wir uns mal vor, Boateng ließe sich mit Gauland, der ihn bekanntlich nicht als Nachbarn haben will, fotografieren und würde sich dabei abfällig über Zuwanderer äußern. Özil und Gündogan haben sich vermutlich gar nicht im Nationalspieler-Bewusstsein mit Erdogan getroffen, sondern als international erfolgreiche Berufs-Legionäre. Trikots der deutschen Nationalelf hätte Erdogan als Geschenk auch kaum goutiert. Ob Gündogans Signatur „für meinen Präsidenten“ klug war, die Frage ist erlaubt.

Beide Stars bedienen das Aschenputtel-Märchen vom Aufstieg aus kleinsten Ruhrpott-Verhältnissen, aber im Hintergrund der „Wir“-Verbrüderung lauert immer der Generalverdacht, dass Legionärs-Millionäre sich nur für die Nationalelf hergeben, weil das Punkte auf der Vermarktungs- und damit Einkommensskala gibt.

Auf der anderen Seite hat sich allerdings der gewerblich organisierte Turnier-Fußball in eine Lage manövriert, die politisch so unangenehm ist, dass Gündogans und Özils Fototermin wie eine Randnotiz wirkt. WM-Gastgeber Russland ist nun wirklich nicht als Fluchtburg der Demokratie zu bezeichnen, und das gilt für den künftigen Austragungsort Katar in einem unvorstellbar höheren Maß. Doch diesbezüglich gibt es keine Massenproteste der Demokratiebewahrer, die Gündogan und Özil jetzt Steigbügelhalterei für ein menschenverachtendes Regime vorwerfen.

Entschuldigung als rituelles Instrument

Eine öffentliche Entschuldigung soll her, damit der Volksfrieden wieder hergestellt wird. Öffentliche Entschuldigungen sind ein rituelles Instrument zur Demütigung des Gegners, das in Diktaturen praktiziert wird. In der Ex-Sowjetunion waren sie sehr beliebt. In einer freien, demokratischen Gesellschaft hingegen haben erwachsene Menschen das Recht, Fehler zu machen, ohne dafür endlos an den Pranger gestellt zu werden. Und trotzdem werden die Fans jetzt also bei der WM ihre eigene Mannschaft verpfeifen, nur weil zwei Spieler ein Hemd verschenkt haben.

Der wie im Rausch der Selbstvernichtung aufgebauschte Fall Özil-Gündogan zeigt, wie recht der Deutsche Kulturrat mit seiner Forderung nach einer einjährigen Talkshow-Pause hat. Man wünscht sich noch mehr: Dass alle mal einen Schritt zurück treten. Eine Debatten-Kultur, in der es die nachdenklichen und differenzierten Standpunkte nach vorne schaffen und nicht die lauten.

Und wenn auf dem Weg dahin tatsächlich einer das Internet löscht, könnte ich persönlich inzwischen sogar damit leben.

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