Reifes Alterswerk

Die neue Freiheit des Iggy Pop heißt Jazz und Avantgarde

Iggy Pop in London.

Iggy Pop in London.

Foto: David M. Benett / Getty Images

Miami.  Iggy Pop (72) mischt auf dem neuen Album „Free“ seinen Punk’n’Roll mit Jazz und Avantgarde-Sounds. Überraschend, aber auch logisch - ein Gespräch.

Die Rente ist sicher, seit sein vorletztes Album „Post Pop Depression“, das so nach Abgesang und Goodbye klang, beim Verkauf durch die Decke ging. Also gönnt sich Iggy Pop einen Ausflug in Sachen Avantgarde und Jazz. Sein neues Album „Free“ beruht auf der Zusammenarbeit mit dem Jazz-Trompeter Leron Thomas: Eine Flucht vor dem Rock-Animal, das er seit Ende der 60er so überzeugend gibt wie kein zweiter.

Aber jetzt hat es ihn doch erwischt: Iggy Pop benötigt eine dicke Hornbrille, geht leicht gebeugt, hört schlecht. Dabei war der 72-Jährige immer das drahtige Stehaufmännchen vom Dienst. Der Rebell mit Jeans und freiem Oberkörper. Heute braucht er einen persönlichen Assistenten, der sich um seine Termine kümmert, ihm Kaffee kocht und ihn durch Miami kutschiert. Marcel Anders traf ihn dort.

Mr. Pop, haben Sie die Rockmusik an den Nagel gehängt?

Nein! Ich war neulich erst in Australien – und habe gerockt wie Sau. (lacht) Aber dieses Album war etwas, das ich tun wollte. Einfach, weil ich eine Schwäche für Blasinstrumente, insbesondere für Trompeter habe. Ich stehe auf Charlie Parker oder Dizzy Gillespie. Typen, die einen Wahnsinnssound hatten und sehr interessante Charaktere waren.

Das scheint auch für Leron Thomas zu gelten, von dem die meisten Stücke dieses Albums stammen. Wie haben sie sich kennengelernt?

Durch Ben Ratliff, den Jazzkritiker der New York Times. Er hat mir Leron empfohlen, der eine Koryphäe im Jazz-Bereich ist. Er hat mit vielen guten HipHop- und R&B-Künstlern gespielt, wollte aber irgendwann mehr Anerkennung und auch mehr Geld verdienen. Also hat er kurzweilige HipHop-Tracks über nette Motive gelegt und ein bisschen Trompete darüber gespielt. Und erst hatte ich vor, sie in meiner Radio-Show auf BBC6 zu bringen. Doch dann gefiel mir sein Material so gut, dass ich selbst darauf singen wollte. Ich wollte etwas außerhalb des Rockformats machen, wie ich es bereits auf „Post-Pop Depression“ versucht habe und was mir gutgetan hat. Denn dank des Albums habe ich ausgesorgt.

Wie denn, so gut?

Ja, ich kann jetzt machen, was ich will. Und wem das nicht gefällt, hat halt Pech gehabt. Der soll abhauen.

Daher der Albumtitel „Free“ – weil Sie Ihre Freiheit ausleben?

Ganz genau.

Wenn man sich die Stücke anhört, stellt sich die Frage, wie Leron etwas schreiben konnte, das so gut zu ihnen passt. Das wie maßgeschneidert ist…

Das ist wirklich interessant. Auf dem Album sind nur ein Text und zwei Gedichte von mir. Der Rest stammt entweder von Lou Reed, Dylan Thomas oder Leron. Und bei seinen haben mich die Bilder und Formulierungen sehr bewegt. Etwa in „Sonali“ – diese Passage darüber, wie festgefahren wir alle sind. Egal ob Republikaner, Demokraten oder Kommunisten – jeder bleibt in seiner Kiste, jeder ist zu sehr mit sich beschäftigt, um anderen zu helfen. Und jeder hat Angst davor, sich verletzlich zu zeigen. Das ist es, was ich spüre. Deshalb versuche seit Monaten, das politische Geschehen so weit wie möglich auszublenden. Aber meine Frau, die ein verantwortungsvoller Mensch ist, schaltet immer die Nachrichtenkanäle ein, um zu sehen, was passiert. Von daher lässt es sich nicht vermeiden – auch, wenn ich das gerne täte. Denn ich bin es leid, täglich diesen Scheiß zu hören. Ich ertrage das nicht mehr.

Wie konnte es so soweit kommen – was läuft hier falsch?

Es ist der Aufstand der dummen, weißen Proletarier – auf der ganzen Welt. Diese Leute bilden immer noch eine exzellente Keilgruppe. Und eine kleine Minderheit kann die große Mehrheit nach wie vor leicht manipulieren, denn die meisten Leute wollen am liebsten gar nicht nachdenken. Sie klammern sich lieber an drei oder vier Dinge, die man ihnen als wichtig vorgaukelt. Und sie sind sehr wütend auf andere. Aber: Ich habe Hoffnung, dass das irgendwann nachlässt. Dass die Jugend etwas anders denkt und das langsam abschwächt.

Wobei einige Songs aber auch eine humorvolle Note haben. Etwa „James Bond“ mit der Textzeile über Nüsse, die nur im Mund, aber nicht in der Hand schmelzen. Eine Parodie auf den Werbespot für M&Ms?

(lacht) Leron hat da ein bekanntes Image verwendet und ihm einen neuen Dreh gegeben. Nur, um am Ende zu sagen: „Sie mag einfach M&Ms“. Was ich lustig finde. Denn ich wette mit Ihnen: Wenn ich heute Abend zu Hause bin, serviert mir meine Frau nach dem Abendessen M&Ms. Mädels stehen wieder darauf. M&Ms sind der heiße Scheiß, Mann. Keine Ahnung, warum. Für mich ist das eine billige Süßigkeit. Aber sie erlebt eine kulturelle Renaissance. Irre, oder?

Und Sie hatten auch kein Problem mit Lerons Text über Internet-Pornographie?

Nein, weil ich davon keine Ahnung habe. (lacht) Und in meinem Alter braucht man so etwas auch nicht mehr. Das ist einer der Vorteile, wenn man über 70 ist – was ich sehr genieße.

Tun Sie das?

Ich habe eine tolle Zeit - die beste, die ich je hatte, was ich sehr interessant finde. Ich bin an dem besten Ort, an dem ich je war. Und ich toure auch nicht mehr so viel, wie früher. Dieses Jahr sind es gerade Mal 13 Auftritte. Alles andere habe ich abgelehnt. Letztes Jahr waren es nur sechs – wobei ich in Montreux von der Bühne gefallen bin und anschließend einen schicken Zahnarzt in der Schweiz aufsuchen musste, um die Folgen zu kaschieren. Von daher scheint es so, als ob dieser Mist einfach passiert – selbst, wenn ich versuche, es lockerer angehen zu lassen.

Könnten Sie sich vorstellen, das Album live aufzuführen?

Unbedingt. Wir haben vor, den ganzen Motherfucker auf die Bühne zu bringen. Im Rahmen von mindestens einer Aufführung in Europa und einer in Amerika. Was dann passiert, wird sich zeigen. Ich habe ja noch ein starkes Rockensemble in der Hinterhand – und ein gutes Set mit alten Songs, die ich immer noch gerne spiele und die die Leute nach wie vor hören wollen. Aber ich bekomme auch immer mehr Einladungen von Jazz- und Klassik-Festival. Und daran bin ich sehr interessiert. Insofern warte ich erst einmal ab, wie die Live-Umsetzung funktioniert. Und wer weiß, vielleicht trete ich damit noch in diesem Jazz-Rahmen auf. Ich meine, ich würde es nicht auf der Reeperbahn spielen. (lacht) Aber es gibt bestimmt Leute, die damit etwas anfangen können. Genau wie mit diesen Schauspielern in Hannover, die „Lust For Life“ aufführen – diese Show darüber, wie sie sich mein Leben vorstellen. Was ich sehr lustig finde. Ich komme da wie ein autistisches Tier rüber. Und in München gibt es einen Choreographen, der eine Tanz-Interpretation von „The Passanger“ bringt. Außerdem habe ich ein paar Mal mit Philip Glass und einer Harfenistin namens Lavinia Meijer gearbeitet. Ich habe ihr ein Gedicht zur Verfügung gestellt, das sie einsetzt, wenn sie Harfe spielt. Ich mag solche Sachen.

Klingt nach später Anerkennung durch die Kunstwelt, wie sie auch Ihr Weggefährte David Bowie in seinen letzten Jahren erlebt hat.

Es ist eine wunderbare Sache, in diese Welt einzutauchen und da seine Sachen einfließen lassen zu können.

Aber beim Eurovision Song Contest gedenken Sie nicht aufzutreten, oder?

Nein! (lacht) Ich weiß nur zu gut, was das ist. Nämlich etwas Ähnliches wie das Sanremo-Festival. Daran kann ich mich gut erinnern. Und das Irre ist: Wir haben das demnächst auch in den USA. Jemand hat die Lizenz erworben und will es in Verbindung mit dem Eurovision Song Contest austragen. Es wird zwar anders heißen, aber genau so schrecklich sein. (kichert) Der Stargast 2019 war Madonna.

Ich habe davon gehört.

Ein teurer Promo-Stunt, der komplett danebengegangen ist. Ich weiß. Das ist das Problem mit diesen großen Auftritten: Sie sind immer Scheiße. All diese Selbstinszenierungen sind für den Arsch. Das ist einfach so.

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