Oper

Faszination Bayreuth – Fünf Gründe, die Oper zu lieben

Smokinghemd und Fliege sind längst nicht mehr Pflicht. Auch in Bayreuth erobern Jeans das Parkett. Die Faszination der Oper trübt das nicht.

Smokinghemd und Fliege sind längst nicht mehr Pflicht. Auch in Bayreuth erobern Jeans das Parkett. Die Faszination der Oper trübt das nicht.

Foto: Daniel Karmann

Hagen.   Nun pilgern sie wieder auf den grünen Hügel: Am 25. Juli wird in Bayreuth Deutschlands einziges Festival von internationalem Rang eröffnet.

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Nun pilgern sie wieder auf den grünen Hügel, die Wagnerianer. Am 25. Juli wird in Bayreuth Deutschlands einziges Festival von internationalem Rang eröffnet, und zwar mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners „Lohengrin“. Bis zum 20. August freuen sich Musikfreunde aus der ganzen Welt, wenn sie eine der begehrten Karten für eine Aufführung erhalten haben. Doch der ­Kunstgenuss ist mit Anstrengungen verbunden: Stundenlanges Ausharren auf harten Holzsitzen im der Akustik wegen unklimatisierten Saal bei meist brütender Hitze: Warum tun sich Zehntausende so etwas freiwillig an? Wir verraten fünf Gründe, in die Oper zu gehen.

1. Entschleunigung

Ein Popsong von drei Minuten Länge löst im Radio bereits das Gefühl von Überdruss aus. Im Fernsehen dauern die Bildschnitte nur noch Sekunden. Die Welt dreht sich immer schneller, und wir drehen uns mit. Die Oper, vor allem Richard Wagners Musikdramen, liefert das ideale Kontrastprogramm. Denn hier muss man sich das Glück ersitzen. Der „Lohengrin“ bringt es auf netto rund dreieinhalb Stunden, allein der erste Akt der „Götterdämmerung“ auf zweieinhalb Stunden. Dabei passiert über lange Strecken hinweg gar nichts.

Die Höhepunkte sind wohl dosiert und knapp bemessen: Auf Lohengrins Gralserzählung etwa muss man bis zum dritten Akt warten. In dieser Zeit kann der Wagnerianer nur in den Pausen seine Handynachrichten und das Neueste auf Facebook checken. Selbst die Bundeskanzlerin schaltet ihr Mobiltelefon aus. Und ginge die Welt auch unter, im Festspielhaus würde Parsifal den Gral suchen und Tristan seine verbotene Liebe pflegen. Das rückt die Proportionen zurecht.

2. Zum Raum wird hier die Zeit

Zu Wagners Zeit war Kunst eine Ersatzreligion. Kunstgenuss wurde zelebriert wie ein Gottesdienst. Keiner hat das so ausgereizt wie der Komponist. „Zum Raum wird hier die Zeit“, das Zitat aus Parsifal, beschreibt gut, wie das funktioniert. Wagners Publikum hat alle Zeit der Welt, denn wer sich in eine Wagner-Oper wagt, der schafft vorher höchstens noch einen Spaziergang und das Mittagessen, ansonsten gehört der Tag ausschließlich der Musik. Das mutet heute wie der größte denkbare Luxus an, und das ist es auch.

Wenn man nicht alle 30 Sekunden einen Höhepunkt um die Ohren geknallt kriegt, sondern sich die schönsten Stellen erarbeiten muss, macht auch der Opernbesucher eine Verwandlung durch: Er ist nicht mehr das Subjekt akustischer Schnellschuss-Manipulation, sondern emanzipiert sich zum mündigen Hörer, der nachvollzieht, was im Orchester und auf der Bühne warum passiert.

3. Gemeinschaftsgefühl

Warum kommen die Wagnerianer nach Bayreuth? Sehen und gesehen werden? Dafür ist, ehrlich gesagt, das Publikum zu normal. Der eine oder andere männliche oder weibliche Paradiesvogel macht den grünen Hügel zu seiner Bühne, aber viele Größen aus Fernsehen oder Politik bleiben beim Lustwandeln in den Pausen unerkannt, und das stört sie kein bisschen. Wegen des Après? Zu Caipirinha und Gin Tonic kommt man überall schneller als nach den „Meistersingern“. Aber mit 2000 anderen Musikliebhabern auf Tuchfühlung im Parkett zu sitzen, hat ja nicht nur unangenehme Seiten. Denn die Nachbarn spiegeln das Erlebnis auf der Bühne. Großer Schmerz, rasender Zorn, Liebe so unauslöschbar wie die Sterne: Vor dem Fernseher berührt einen so etwas wenig, aber im Festspielhaus wird jeder Besucher zum physischen Resonanzkörper für überwältigende Emotionen.

Und wenn hinterher 1999 Leute nach Herzenslust Buh rufen und man selber begeistert applaudiert – dann ist man in Bayreuth.

4. Emotionen

Gefühle sind selten geworden in unserer rationalisierten und psychologisch durchanalysierten Welt. Immer schön den Ball flach halten, und wenn der Göttergatte mit einer anderen davonzischt, soll man sich nach bewältigter Trauerarbeit flugs selbst neu auf die Pirsch begeben. So ticken Wagners Helden aber nicht. Wenn sie lieben, rütteln sie an den Grundpfeilern der gesellschaftlichen Ordnung.

In „Nun sink hernieder, Nacht der Liebe“, dem schönsten Liebesduett aller Zeiten, beschwören Tristan und Isolde mehr als Sex und Leidenschaft, sie brechen mit dem ganzen sozialen System um sie herum. Und wenn Wagners Helden hassen, stecken sie die Welt in Brand. Das ist erschreckend. Privat möchte man keinen Siegfried in seinem Leben haben. In der Oper rühren diese Emotionen jedoch an das Innerste. Und die Seele lernt das Fliegen.

5. Wahrhaftigkeit

Wagners Helden sind nicht glatt gebügelt. Er verleiht maßlosen Menschen und Göttern eine Stimme, unsympathischen Gesellen, die von Bosheit, öfter noch von Gier und mitunter auch von reiner Dummheit getrieben werden. In der typischen Vergrößerung der Oper erweisen diese Figuren sich als erstaunlich modern. Man erkennt sie wieder. Man versteht soziale und politische Dynamiken, deren Funktionieren man auf der Bühne des Lebens vielleicht nicht durchschaut. Das macht die Oper wahrhaftig. Und deshalb verträgt sie es als Gattung auch, dass ihre Geschichten immer wieder neu danach befragt werden, was sie uns über uns selber im Heute erzählen können.

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