Literatur

Donna Leons 28. Brunetti-Fall weicht von der Erfolgsserie ab

DONNA LEON.

DONNA LEON.

Foto: imago stock

Sie kann’s nicht lassen: Schon wieder hat Donna Leon einen neuen Brunetti-Krimi geschrieben. Aber Fall 28 ist doch anders als die anderen.

Manchmal dauert es, bis man zu seiner wahren Berufung findet. Da hat Donna Leon 27 Venedig-Krimis geschrieben und dabei mal mehr, mal weniger moralinsauer italienische Verhältnisse seziert in Krimifällen, die dahinplätscherten wie das Wasser unter Venedigs Gondeln. Um nun, im 28. Buch über Commissario Brunetti, den Schleier fallen zu lassen: und sich als Schriftstellerin erkennen zu geben, die mit psychologischem Feingefühl von den tiefen Verletzungen, den höchsten Hoffnungen der Liebe zu schreiben vermag.

Schon die ersten Seiten weichen ab vom üblichen Krimi-Muster. Keine Leiche, ein vager Verdacht nur ruft Brunetti auf den Plan. Sein Schwiegervater, Conte Falier, macht sich Sorgen um einen Freund. Gonzalo Rodriguez de Tejeda, ehemals Kunsthändler und nun mit 85 Jahren seit langem im Ruhestand, will einen fast 40 Jahre jüngeren Mann adoptieren – vorgeblich, um seinen eigenen Geschwistern das Erbe vorzuenthalten, mutmaßlich aber aus amourösen Motiven.

Donna Leons neuer Brunetti ist Fall 28: „Ein Sohn ist uns gegeben“

Donna Leon nutzt ihre Brunetti-Figur, um ihm althergebrachte Vorurteile über Altersunterschiede und Vorurteile gegenüber Homosexuelle in den Mund zu legen – und sie dann mit Gonzalo zu entkräften. Wie sie den alten Herrn zeichnet, in seinen Sehnsüchten, seinem Zaudern, seiner Ahnung, betrogen zu werden, das berührt. „Aber was ich fühle, ist kein Schwindel“ – darauf beharrt er: „Mir fehlt das. Geliebt zu werden. Früher habe ich es gekannt, daher weiß ich, was mir fehlt.“ Bevor es aber zu duselig werden kann, gibt es doch noch zwei Tote. Und spätestens der zweite Tod offenbart, dass Gonzalo nicht nur ein Doppelleben führte, sondern gleich mehrere; erklärbar einmal mehr aufgrund seiner ungeheuren Sehnsucht.

Diese Offenbarung nun hätte es auch ohne einen Mord geben können – was die Frage aufwirft, ob der nächste Roman der 76-Jährigen unbedingt ein Krimi sein muss. Manchmal dauert es ja, bis man zur wahren Berufung findet.

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Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Diogenes. 320 Seiten, 24 Euro.

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