Tanzabend

Dortmunder Tanz-„Visionen“, mal gefeiert, mal nah am Kitsch

Szene aus „She wore red“  von Douglas Lee im Dortmunder Opernhaus.

Szene aus „She wore red“ von Douglas Lee im Dortmunder Opernhaus.

Foto: Bettina Stoess

Dortmund.  Von Wolf bis Techno-Disco: Die Choreografen Douglas Lee, Wubkje Kuindersma und Jacopo Godani von der Forsythe-Truppe stellen sich in Dortmund vor

Rotkäppchen verirrt sich in eine Welt von Wölfen, tanzt mit ihnen – und verliebt sich in den Anführer des Rudels. Am Ende wird sie selbst zur Wölfin. Eine eigenwillige, wenn auch hochästhetische Ballett-Deutung des berühmten Märchens der Brüder Grimm legt jetzt der englische Choreograph Douglas Lee im Dortmunder Opernhaus vor. „She wore red“ (Sie trug rot) heißt das Auftragswerk und ist eine der „Visionen“, die das Ballett Dortmund jetzt unter diesem Titel in einem dreiteiligen Ballettabend präsentiert.

Der Choreograph und Kostümbildner Lee, der bisher zahlreiche Stücke für das Stuttgarter Ballett schuf, vertraut auf abstrahierte Bilder mit kleinen Mauern und geheimnisvoller Tür (Bühne: Eva Adler); zudem beschränkt er sich auf die Farben Weiß, Schwarz und Rot. Dass Lee seine intensive Rotkäppchen-Vision in virtuoser Neoklassik in Dortmund herausbringt, beweist den guten Ruf von Xin Peng Wangs Ensemble, nicht nur in Deutschland.

Wolfsmaske vorm Gesicht und Chill-Musik

Aus der klassisch wie modern perfekt tanzenden Kompanie ragen in diesem Stück exquisite Solisten heraus, etwa Jelena-Ana Stupar in der Titelrolle (als kantiges, dann wieder schwebendes Mädchen in Knallrot), Javier Cachiero Alemán (als geschmeidig eleganter Wolf mit magischer Bühnenpräsenz) oder Sae Tamura (als Großmutter, die wie ein ferngesteuertes Wesen umherirrt). Alle bewegen sich wie aufrecht gehende Menschen. Nur in wenigen Momenten mutieren sie zu Tieren – dann halten sie sich eine Wolfsmaske vors Gesicht. Die Vision vom Menschen, der sich in einen Wolf verwandeln kann, wird unterstützt durch schwerelos schwebende Chill-Musik von Bernhard Herrmann.

Ähnlich ätherisch der Sound zu „Kintsukuroi“ (Träumen mit offenen Augen) von Wubkje Kuindersma. Zur Musik von Michael Gordon und Peter Gregson fließen zunächst amorphe Figuren, die sich erst langsam aus eintönigen Schrittfolgen befreien und dann aus einem baumstammähnlichen Gebilde hervorkriechen. In goldglänzenden Panzern tanzen sie sich frei, in der Gruppe, als Paar. Ein poetisches Tableau – und eine harmlose, wenig energiegeladene Vision, durch nieselnden Goldregen nah am Kitsch.

Kraftvoller Ritt mit Jacopo Godanis „Moto Perpetuo“

Aus dieser allzu milden Stimmung reißen ein wilder kraftvoller Ritt und knallige Bewegungsbilder heraus: das elektrisierende Opus „Moto Perpetuo“ wurde mit frenetischen Ovationen gefeiert. Choreograph Jacopo Godani wandelt mit mechanischem Peitschen der Gliedmaßen auf den Spuren von William Forsythe, dessen Kompanie Godani heute leitet. Den schroffen metallischen Neorock der Formation 48nord Sound setzt der italienische Choreograph in Tanz pur um, verzichtet auf Requisiten und fordert von den Athleten in durchsichtigen Netz-Trikots extreme Dehnungen, blitzschnelle Hebungen und Drehungen. Die Vision: Körper, die sich wie Maschinen bewegen und ihren Sex-Appeal nicht verlieren, zumal wenn sie, ähnlich wie in Techno-Diskotheken, unterstützt werden von Licht-Schlägen in kurzen Takten.

Termine: 17., 24., 27. und 30. März, 6., 11. und 13. April. Tel.: 0231/ 5027 222, www.theaterdo.de

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