Theater

Dürrenmatt und die Monstermacht des Geldes

Ines Krug, Sven Seeburg und das Ensemble im  Essener „Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt.

Foto: Birgit Hupfeld

Ines Krug, Sven Seeburg und das Ensemble im Essener „Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt. Foto: Birgit Hupfeld

Essen.   Shopping-Mall und „Butter-aufs-Brot“-Rap: Dürrenmatts Tragikomödie. „Der Besuch der alten Dame“ klug modernisiert im Essener Grillo-Theater.

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Wo kann man eine Geschichte von Käuflichkeit und moralischem Ablasshandel heute besser ansiedeln als in einer Shopping-Mall? Auf der Bühne des Essener Grillo-Theaters ist das abgetakelte Einkaufsparadies zur Heimat von langbärtigen, verwahrlosten Zivilisations-Zombies geworden. Oben rattern die Züge über die vermüllte Bahnhofshallen-Tristesse, unten klingelt der Flipperautomat als letztes Gewinn-Versprechen. „Der Besuch der alten Dame“ soll die e Rettung aus dem Elend bringen. In der Inszenierung von Thomas Krupa wird Dürrenmatts Stück zumindest um eine akustische Ebene bereichert. Bassist und Klangkünstler Hannes Strobl hat für die Parabel eine Sprach-Klang-Partitur entwickelt, die dem Abend atmosphärische Spannung verleiht, ihn stellenweise aber auch zerdehnt.

Im Essener Grillo-Theater, das in dieser Spielzeit sein 125-jähriges Bestehen feiert, ist die alte Dame das Publikums-Wunschstück der Jubiläumssaison. In einer Zeit, in der Kauflust, Konsum und Wachstum wieder die griffigsten Versprechen auf eine bessere Zukunft sind, hat das Stück seine Gültigkeit nicht verwirkt: Dürrenmatts 1956 uraufgeführtes Drama, das Jahrzehnte im Fundus der abgespielten Stücke dahindämmerte, erlebt derzeit eine bezeichnende Konjunktur auf den Stadttheater-Bühnen. Es ist ja auch ein Stück über Willkür und Macht des Geldes.

Kalter Schneeköniginnen-Appeal

Krupa überträgt es klug nicht einfach ins Hier und Jetzt einer überschuldeten Revierstadt. Er gibt dem zeitlosen Stoff einen surrealen Raum, in dem sich das Ensemble zunächst mit fast trancehafter Entschleunigung auf den Besuch der großen Gönnerin einstimmt. Krupa malt die Tristesse, aber auch den Humor dieser tragischen Komödie anfangs durchaus drastisch aus. Philipp Noacks Polizist ist ein sich grotesk-verrenkender Vorturner und später eine schmierige Cop-Karikatur, Axel Holsts Bürgermeister ein virtuos-bräsiger Gemeindevorstand mit Kassenwart-Pragmatismus. Das gesamte Güllener Empfangskomitee mit Lehrer (Stefan Diekmann), Arzt (Thomas Büchel) und Pfarrer (Rezo Tschchikwischwili) liefert eine feine Parodie kleinstädtischer Anbiederung. Witz, Ironie und dann ein kreischendes Zugbremsen. Ines Krug als steinreiche Heimkehrerin Claire Zachanassian kommt über die Rolltreppe. Eine Lady in White, deren klirrend-kalter Scheeköniginnen-Appeal nicht nur dem einstigen Geliebten Alfred Ill sofort Respekt abfordert.

Dass sich Dürrenmatts Parabel aus den Wirtschaftswunderjahren bis heute als vielseitig deutbarer Einblick in die Abgründe einer auf Pump gegründeten Wohlstandsgesellschaft lesen lässt, ist eine Stärke des Stücks. Thomas Krupa aber will keine vordergründige Aktualisierung, er vertraut in hohem Maße auf den Text. Zum stark rhythmisierten Sprachklang kommen live eingespielte Sounds und Songs. Hier ein zum Kunstlied veredelter Abba-Song, da ein etwas ausgewalzter „Butter aufs Brot“-Rap.

Der Absturz ins Tragische, die Monstrosität dieser unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit getarnten Tat wird eher schleichend spürbar. Während sich die Ausstattung allmählich vom Penner-Look ins Goldig- Glamouröse wandelt (Kostüme: Ines Burisch), und sich die trashig-ausstaffierte Drehbühne von Thilo Reuther ins Abstrakte wandelt, macht Sven Seeburgs leicht resignierter und früh gebeugter Alfred Ill die Pein dieses kafkaesken Angsttraums sichtbar. Wie ihn selbst Frau und Kind bald verstoßen, wird seine klägliche Sündenbock-Existenz zur Symbolfigur einer Botschaft, die bald jeder verstanden hat. Geldgier und Gerechtigkeitsstreben passen nur für den materialistischen Menschen zusammen. Erschüttern mag das auch an diesem zu langen, aber intensiven Abend kaum mehr. Sehen will man es noch immer. Die alte Dame in Essen ist schon bis in den November ausverkauft.

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