Bühne

Düsseldorf: Don Karlos’ rätselhafte RasereiDüsseldorf: Don Karlos’ rätselhafte Raserei

Blasse Raserei, feuchter Kitsch: Jonas Friedrich Leonhardi, André Kaczmarczyk.

Blasse Raserei, feuchter Kitsch: Jonas Friedrich Leonhardi, André Kaczmarczyk.

Foto: Thomas Rabsch

Düsseldorf.   Alexander Eisenachs Düsseldorfer Deutung von Schillers „Don Karlos“ mogelt sich an der Gegenwart vorbei.

Die Despotenrate weltweit steigend, die Kerker voll von Oppositionellen: Friedrich Schillers „Don Karlos“ liegt quasi auf dem Elfmeterpunkt eines Klassikers, der mit unserer Gegenwart korrespondiert. Ob es gerade das war, was Alexander Eisenach wie eine Katze um den heißen Aktualisierungsbrei herumschleichen ließ? Die Premiere im Düsseldorfer Schauspielhaus lässt einen ratlos zurück mit einem Abend, der ausufert – und nirgends fassbar Anker wirft.

Wie sich die Deutung regelrecht wehrt, Schillers Stück in dessen politischer Brisanz zu deuten, das grenzt ans Groteske. Der Dramaturg der Produktion stellt jenen Hintergrund, mit dem Schiller den Poeten zum Historiker werden ließ (und umgekehrt), gar in die Tradition der Hitchcock’schen „MacGuffin“-Finte – eine hohle Kulisse, um die es im Grunde gar nicht gehe. Immerhin: In dem Punkt hält der Abend Wort. Die wuchtigen Ausbrüche des jungen Thronfolgers Karlos schmettert Jonas Friedrich Leonhardi wie ein virtuoses Trompetenkonzert: Man staunt – hört aber eher verständnislos zu.

Völlig unentschiedene Klassiker-Inszenierung

Da mögen die Halskrausen und hohen Stiefel des spanischen Hofs (Kostüme: Lena Schmid) im ersten Augenblick allein Zitat sein, aber diese mehr als dreieinhalb Stunden legen die patinöse Avantgarde einer völlig unentschiedenen Klassiker-Inszenierung nur selten ab. Wie Feigenblättter muten sie an, die Momente, in denen ein bisschen Kurt Cobain (Come as you are) gesungen wird, dort Herzog Alba AfD-Parolen tönt. Dass dieser erzählte Kosmos politisch unendlich brutal ist, dass wir weltgeschichtlichem Machtspiel im „Karlos“ enorm nahe kommen, beleuchtet Eisenach schwach. Lieber manipuliert er das Drama: Elisabeths blutbringender Sturz in Gegenwart ihres Gatten Philipp ist bei Schiller nur ein hektischer Unfall, der höfische Wellen schlägt; Eisenach biegt ihn um zur weiblichen Selbstverletzung.

Viel private Psychosen? Den Spitzelstaat eines autoritären Regimes zeigt Daniel Wollenzins Bühne allerdings überdeutlich. Links ein stählerner Wachturm, rechts ein gläsernes Podium, auf dessen Schräge nichts und niemand unbeobachtet bleibt. Nach der Pause wird der Block aufgelöst in Einzelrampen: künftig Laufstege der Beziehungstragöden, als da bekanntlich wären: Philipp, der einsame König, den Wolfgang Michalek zur Shakespeare-Gestalt erklärt: hier die stumpfe Raserei Othellos, dort die Lächerlichkeit des Allmachtsfantasten Malvolio.

Schweißtreibende Deklamation

Da wäre Karlos, der uns in dieser Inszenierung trotz (oder wegen) schweißtreibender Deklamation kaum mehr als ein blasses Werkzeug von Rahmen und Handlung ist. Da wäre Philipps Frau und Karlos‘ angebetete Elisabeth, die in aller Unsinnlichkeit von Lea Ruckpauls Gripstheater-Trotzton zur Hosenrolle schrumpft. Lou Strenger, tapfer einen Bühnenunfall überwindend (Schuld war offenbar das Elektropferdchen von der inszenatorischen Hofreitschule), aber schenkt als dreifach scheiternde Buhlerin Eboli dem Abend ein Glanzstück. Die Studie aus Kälte und Verzweiflung, von der Eisenach vielleicht erzählen will, erhält in Strenger ein Gesicht, das noch in Ironie und Ekstase ganz einfach einen Menschen zeigt. Weniger glückt das André Kaczmarczyk. Seinen Marquis Posa lässt die Regie fahrlässig in einer derart tränenfeuchten Kitsch-Arie die berühmte Gedankenfreiheit fordern, dass wir an Gutmenschen denken müssen, deren Lebensmittelpunkt über fair gehandelten Kaffee nie hinausgekommen ist.

Der Abend zieht sich, er ist lang, aber nie groß. Selbst Wohlwollende ertappt man beim Blick auf die Uhr. Als es zu Ende geht, fluten blutrote Gummibällchen den Raum. Manche Mimen treten drauf, dann macht es „Plopp“. Was eben so vom Tage übrig bleibt.

Don Karlos von Friedrich Schiller, Regie Alexander Eisenach. Termine: 22.Dezember, 12./18./23.Januar, 8.Februar.

Große Bühne im Central, Worringer Straße 134. Tickets (14 - 44 Euro) im Internet unter www.dhaus.de

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