„Entdeckung des Himmels“

Düsseldorf feiert die Wiederentdeckung eines großen Romans

Christian Erdmann als Max Delius und Moritz Führmann als Onno Quist feiern ihre Männerfreundschaft – hier noch etwas distanziert.  

Christian Erdmann als Max Delius und Moritz Führmann als Onno Quist feiern ihre Männerfreundschaft – hier noch etwas distanziert.  

Foto: Thomas Rabsch / Düsseldorfer Schauspielhaus

Düsseldorf.  Das Düsseldorfer Schauspiel zeigt den 800-Seiten-Roman „Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch. Ein langes Stück, erstaunlich kurzweilig.

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Ein Kraftakt darf vor allem dann als gelungen betrachtet werden, wenn seine Ausführung für den Betrachter nach einer gewissen Mühelosigkeit aussieht. Und einen 800-Seiten-Roman auf einen (mit langer Pause) immer noch vierstündigen Theaterabend herunterbrechen zu wollen – das muss durchaus als Kraftakt gelten.

Ein Kraftakt mit spielfreudigem Ensemble, wenigen Requisiten und exzellenter Musik

Und – soviel vorweg – er ist dem Düsseldorfer Schauspielhaus bei der deutschsprachigen Erstaufführung von „Die Entdeckung des Himmels“ gelungen. Dies ist zum einen einem spielstarken Ensemble zu verdanken aber auch der Regie von Matthias Hartmann, der der Textflut ein sehr reduziertes Bühnenbild mit nur wenigen Requisiten gegenüber stellt und in hohem Maße auf Videoprojektionen und eine wirkungsvolle, aber dezent eingesetzte Musik baut.

Karsten Riedel schafft es zeitweise als Solist synchron an Piano, Synthesizer und Gitarre einen Pink-Floyd-ähnlichen-Sound zu produzieren.

Es ist ja auch so: Wir bewegen uns in himmlischen Sphären, die Engel, ein Seraph (Serkan Kaya) und ein Cherub (Andreas Grothgar) moderieren die Rahmenhandlung: Gott der Herr beschließt, den Bund mit der Menschheit aufzukündigen, die Zehn Gebote will er zurücknehmen und braucht dazu einen himmlischen Abgesandten.

Den gilt es über drei Generationen zu zeugen und so ist Harry Mulisches Roman von 1992 auch zu einer Geschichte des 20. Jahrhunderts, Kriege, Auschwitz, Studentenrevolte , freie Liebe und kubanische Revolution inbegriffen. Die vermutlich geringste Textmenge bei größtmöglicher Wandlungsfähigkeit bringt dabei Cathleen Baumann als Helga, Marylin und in manch anderer Frauengestalt auf die Bühne.

Eine ungeheure Textmenge, sehr beschwingt gespielt

Vor allem aber ist das Stück auch die Geschichte einer Männerfreundschaft, der von Onno Quist (Christian Erdmann) und Max Delius (Moritz Führmann), die nicht wissen, wer von ihnen nun Ada (Anna Sophie Friedmann) geschwängert hat, um den Anti-Erlöser Ouinten Quist (Jonas Friedrich Leonardi) auf die Welt zu bringen.

Erdmann und Führmann vor allem bilden das kongeniale Duo, dessen beschwingtes, leichtes Spiel den Abend über weite Strecken trägt. Und die, wie auch die anderen Akteure, eine ungeheure Textmenge zu bewältigen haben. Sprechen sie doch nicht nur ihre Rollen, sondern erklären und erzählen zugleich auch immer, was sie gerade tun.

Hartmann gelingt es, erstaunlich große Textmengen aus dem Roman unterzubringen. Der Abend, er würde auch als Hörbuch funktionieren. Wer darin – und im Verzicht auf große Kulissen – darin einen Verzicht auf klassisches Theater wittert, liegt womöglich nicht so falsch.

Denn die zweite Spielebene, das Bühnenbild, ist in den allermeisten Fällen Projektion auf die Videoleinwand im Halbrund. Nichts Neues, aber selten so dezent in Schwarz-Weiß eingesetzt wie hier. Und eben nicht ablenkend, sondern verstärkend. Hinzu kommt: die Projektion wird direkt auf der Bühne produziert – als Live-Video, bei dem beispielsweise ein einfacher weißer Strich auf dem schwarzen Bühnenboden durch stetig wiederholtes Abschwenken zum Mittelstreifen einer Straße wird

Alles dreht sich: die Bühne, der Himmel, eine Trommel aus Stahlgeflecht

Die eifrig rotierende Drehbühne, wahlweise Erde, Mond und etruskischer Diskus am Bühnenhimmel und eine überdimensionale Trommel aus Stahlgeflecht – sie bringen symbolhaft die ewigen Kreisläufe des Lebens und des Himmels zur Geltung. Die Flucht aus der Zentralperspektive – sie müsste nach Mulisch und Hartmann gewissermaßen zu Gott zurückführen.

Bei aller Textmenge und aller philosophischen und historischen Schwere ist hier wundersamerweise ein erstaunlich leichter, ja geradezu unverschämt unterhaltsamer Theaterabend entstanden. Gewiss, dreieinhalb Stunden still sitzen und zuhören – das ist auch für die Besucher ein Kraftakt. Es sei versichert: Er lohnt sich. Denn es gilt nichts weniger zu erleben als die Wiederentdeckung eines großen Romans, die das Premierenpublikum mit langanhaltenden Standing Ovations feierte.

Weitere Aufführungen: 24.11.; 07.12; 17.12; 31.12; 05.01.20. Karten und Infos; www.dhaus.de

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