Theater

Ein durch und durch moderner Gerhart Hauptmann in Bochum

Paul Herwig als Johannes Vockerat und Jana Schulz als Käthe Vockerat.

Foto: Arno Declair

Paul Herwig als Johannes Vockerat und Jana Schulz als Käthe Vockerat. Foto: Arno Declair

Bochum.   Roger Vontobel aktualisiert im Bochumer Schauspielhaus das Drama „Einsame Menschen“ von Gerhart Hauptmann. Das Werk entstand noch vor dem berühmten "Die Weber" - und erlebte in Bochum jetzt eine überaus zeitgemäße Aufführung.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

1891, ein Jahr bevor „Die Weber“ seine literarische Position zementierten, wurde Gerhart Hauptmanns Drama „Einsame Menschen“ uraufgeführt. Am Schauspielhaus winkt Roger Vontobel das alte Stück nun wie einen guten Freund zur Gegenwart durch.

Denn das, worum es geht, ist für den 37-jährigen Regisseur zeitgemäß: der Widerspruch zwischen Wollen und Wirklichkeit, die Unentschiedenheit eines jungen Menschen zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem Zwang familiärer Verpflichtung. Und die Angst vor der Ahnung, dereinst gelebt zu haben, ohne je wirklich gelebt zu haben.

Er schimpft und zetert, ohne zu begreifen

Doch was heißt das, „wirklich“? Hauptmanns zerrissene Hauptperson Johannes Vockerath macht nicht den Eindruck, überhaupt zu ahnen, geschweige denn zu wissen. Paul Herwig gibt den Hannes als Nervenbündel mit Anspruch, dem er nie gerecht wird. Er kreist um sich selbst, schimpft und zetert, ohne sich und die Welt zu begreifen.

Wie Spiegelbilder geistern zwei Frauen um ihn herum: die Ehefrau Käthe (Jana Schulz) und die Studentin Anna (Therese Dörr). Ein graues, depressives Mäuschen die eine, ein gelber, lebensfroher Schmetterling die andere. Und doch: einsame Menschen, einer wie der andre. Das familiäre Spiel wird zu einer negativen Utopie, die nur wenig Raum für Hoffnung lässt.

Karge Bühne

Die Übertragung des alten Stoffes in die Jetztzeit gelingt, weil Roger Vontobel das Überzeitliche herausstellt und kein Sittengemälde des Fin de siècle beschwört. Die Modernisierung erfolgt mit klarem, fast schon analytischem Blick auf die psychologische Ummantelung der Figuren; Gefühle werden bloßgelegt, Ängste besichtigt, Schwächen gescannt. Das karge Bühnenbild betont die Laborsituation – eine kreisende Boden-Drehscheibe, fünf Stühle, ein bisschen Lichtregie, mehr nicht. Ein Teil des Publikums darf auf der Bühne Platz nehmen: So werden die Schauspieler gleich von zwei Seiten ausgespäht; der Abend lebt also vor allem von ihnen.

Herwig, Schulz und Dörr haben die tragenden Rollen; aber auch die Nebenfiguren sind mit Katharina Linder, Michael Schütz und Felix Rech prägnant besetzt. Den größten Überraschungseffekt erzielt die ansonsten so taffe Jana Schulz, die sich diesmal stark zurücknimmt, trotz Käthes innerem Beben. Doch gerade aus der angespannten Zurückhaltung erwächst die Wucht dieses gescheit mit Musikversatzstücken des bürgerlichen Zeitalters gespickten Theaterabends. Er kommt erst wie eine unspektakuläre Inszenierung daher. Aber nach 2:10 Stunden ist das Finish so intensiv wie bei einem gediegenen Single-Malt-Whisky.

Starker Stoff!

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik