Literatur

Elena Ferrantes Strand-Roman zeigt eine „Frau im Dunkeln“

Am Strand von Kalabrien: Hier lässt Elena Ferrante Klischees baden gehen.

Am Strand von Kalabrien: Hier lässt Elena Ferrante Klischees baden gehen.

Foto: Education Images

Essen.   Elena Ferrante erzählt mitten im Strandidyll von einer „Frau im Dunkeln“. Der Roman aus dem Jahr 2006 verdichtet die Themen ihrer Neapel-Saga.

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Der Siegeszug Elena Ferrantes in der westlichen Lesewelt mag einst beschleunigt worden sein mit dem lustvollen, bislang nur halb gelösten Rätsel um ihr Pseudonym, (hinter dem sich nach Recherchen von Wirtschaftsjournalisten nur die Übersetzerin Anita Raja verbergen kann). Der eigentliche Grund fürs Ferrante-Fieber aber dürfte im süditalienischen Machismo liegen, dessen übergroßem Druck die Autorin vielleicht nur schreibend standhalten konnte – indem sie die verheerenden Auswirkungen auf das weibliche Seelenleben minutiös darlegte. Der Suhrkamp-Verlag legt nun einen älteren Roman Ferrantes aus dem Jahr 2006 neu auf, in dem sich die Themen ihrer Neapel-Saga aufs Bitterste, Heftigste verdichten: „Frau im Dunkeln“ erzählt im grellen Licht einer sommerlichen Strand-Szenerie von dem, was (meist) im Verborgenen bleibt.

Elena Ferrantes Protagonistin ist (beinahe) emanzipiert

Ferrantes Protagonistin ist eine Frau, die man emanzipiert nennen würde: Leda ist fast 50, geschiedene Mutter zweier erwachsener Töchter, Englisch-Dozentin an der Universität in Florenz. Den Sommer verbringt sie in einem kleinen Ort an der ionischen Küste; auf den ersten Seiten allerdings sehen wir zunächst den Abspann – die Heimfahrt, den Unfall, eine rätselhafte Stichverletzung. Und so sind bereits die ersten Strandtage überschattet vom Rätsel ihres Endes, als dessen Lösung bald ein Mutter-Tochter-Paar in den Blick rückt. Zunächst vor allem in Ledas Blick, die die Beiden beim Baden, Sonnen, beim Spiel mit einer Puppe beobachtet: „Die junge Frau war schön, doch erst ihr Muttersein macht sie zu etwas Besonderem, sie schien nur ihre Tochter im Sinn zu haben.“

Ein Idyll. Und ein Klischee. Leda zeigt sich zunehmend irritiert von der Innigkeit der Beziehung, erträgt sie immer schwerer – und stiehlt schließlich die Puppe. Über Geschrei und Tränen der Tochter kommt sie der Mutter näher, offenbart schließlich ihr eigenes Geheimnis: Leda hat einst ihre kleinen Töchter verlassen, „für drei Jahre und sechsunddreißig Tage“ – um sich ganz ihrer Arbeit widmen zu können, aus unendlicher Überforderung, „aus Eigenliebe“. Und kehrte aus ebendieser Eigenliebe zurück, denn: „Ich war nicht in der Lage, etwas zu schaffen, das ihnen wirklich ebenbürtig gewesen wäre.“

Von der Umgebung ins Rollengefängnis gestopft

Mutterschaft: Noch vor der Debatte um „Regretting Motherhood“ hat Ferrante ausgelotet, wie es ist, wenn ein Teil des eigenen Leibes diesen Leib verlässt, eigenständig wird. Wie groß der Schmerz darüber ist, aber auch, wie sehr dieser neue, kleine Körper den eigenen Körper auslöscht, das eigene Sein auslöscht: „Ich war so betrübt in jenen Jahren. Arbeiten konnte ich nicht mehr, ich spielte ohne Freude, mein Körper fühlte sich leblos an, ohne jedes Begehren.“ Gefühle, die (vermutlich) viele Mütter kennen, Leda aber fehlte die Erkenntnis um ihre Vergänglichkeit: Auch, weil ihre Umgebung sie so energisch ins Rollengefängnis stopfte, dass der Verdacht auf Lebenslänglichkeit nahelag.

Die Vehemenz, mit der Ferrante gegen diese Rollenzuschreibungen literarisch angeht, dürfte ihr zum Welterfolg verholfen haben. Zugleich bestärkt dieser Erfolg den Verdacht, dass Deutschland und die USA süditalienischer sind, als wir wahrhaben wollen.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln. Suhrkamp, 188 Seiten, 22 Euro.

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