Musik

European Doctors Orchestra: Vom OP-Tisch ans Notenpult

Das „European Doctors Orchestra“ kommt nach Essen.

Das „European Doctors Orchestra“ kommt nach Essen.

Foto: Handout

Essen.   Das „European Doctors Orchestra“ gastiert am 7. Juli in Essens Philharmonie zu einem Benefizkonzert. Ein Gespräch über musizierende Mediziner.

Die bange Frage „Ist ein Arzt im Saal?“ dürfte am 7. Juli in Essens Philharmonie ausnahmsweise ein dutzendfaches „Ja“ zur Antwort haben. Auf dem Podium: lauter Mediziner. Wir hätten da einen ungarischen Urologen am Horn, eine Kardiologin aus Niedersachsen spielt Klarinette, am Schlagzeug sitzt ein plastischer Chirurg aus London und eine Pathologin findet sich unter den ersten Geigen. Der Grund: Das „European Doctors Orchestra“ gibt ein Benefizkonzert zugunsten der Krebsstiftung NRW. Lars von der Gönna traf vor dem großen Auftritt die Krefelder Ärztin Dorothee Engers, Bratschistin und Orchestermitglied. Ein Gespräch über das Musizieren von Medizinern.

Ein Orchester europäischer Ärzte: Praxis zu und ab in die Probe. Das muss ja europaweit schon logistisch ein schwerer Fall sein.

Dorothee Engers: Sagen wir so: Man muss das schon wollen. Anders als ein „normales“ Orchester sehen wir uns wirklich nur kurz vor den Konzerten. Wir kommen direkt aus der Sprechstunde, der Klinik, dem OP – und kurz darauf sind wir für vier Tage einfach nur noch eines: Musiker.

Spielt das Arztsein in dieser Zeit eine Rolle?

Kaum. Wir reden in der Zeit wenig über die Arbeit. Ich glaube, viele von uns nehmen das Musizieren bewusst als ein ganz anderes Lebensfeld wahr – und genießen das sehr. Das lassen sich die Kollegen auch durchaus etwas kosten. Denn wir tragen unsere Unkosten ja selbst.

Es fällt auf, dass es viele Mediziner mit Hang zur Musik gibt. Ein europäisches Klempner-Orchester ist mir jedenfalls nicht bekannt. Gibt es Gemeinsamkeiten?

Wenn Musiker und Mediziner ihre Sache gut machen wollen, dann müssen sie sich physisch, mental und emotional voll einbringen und oft an ihre Grenzen gehen. Das haben wir gemeinsam. Ich denke, durch unsere Ausbildung haben wir Ärzte gelernt, sehr schnell und intensiv Dinge zu lernen und abzurufen. Das fällt auch unseren Dirigenten auf, und ich glaube, unser Niveau kann sich hören lassen.

Sie kommen zusammen, wohlgemerkt als begabte, gut ausgebildete Laien, aber wenig später ist schon das Konzert. Ein Crash-Kurs in Beethoven oder Brahms?

Tatsächlich ist das schon etwas extrem. Vier Tage vor unserem Konzert findet die erste Probe statt. Aber die Spielfreude und der Ehrgeiz, ein tolles Konzert zu spielen, sind bei allen sehr groß. Manchmal sagen wir den Dirigenten bei der ersten Probe: Was Sie gleich hören, hat noch wenig mit dem zu tun, was wir am Sonntag Abend im Konzert abliefern können. (lacht) Für so etwas braucht auch der Dirigent erstmal Nerven und das Vertrauen in unsere steile Lernkurve.

Ein Arzt ist eine Autorität, der Patient schaut zu ihm auf. Wie passt das zu einem Orchester, in dem man sich unterordnen muss, die eigene Stimme „verschwindet“ und man auf einander hören muss?

Ich habe den Eindruck, dass genau das für die meisten von uns besonderen Reiz hat und ein wunderbares Erlebnis ist. Ich habe früher mit der Vorstellung vom Nirwana nie etwas anfangen können, dieses Auflösen und Verschwinden des einzelnen Tropfen im Meer. Heute ist das genau das Glück, das ich erlebe: mit meinem Instrument und den anderen gemeinsam etwas zu schaffen, das größer ist, als es ein Einzelner je spielen könnte.

Zeigen sich Ihre Fachrichtungen in den Instrumentengruppen?

Eine Kollegin hat das mal untersucht. Im Blech und bei den Kontrabässen zum Beispiel fanden sich verstärkt Orthopäden und Unfallchirurgen, also Berufe, in denen man beherzt zupacken können muss. An den vorderen Pulten der Geigen finden sich auffällig viele Kardiologen und ein Neurochirurg, also Disziplinen, die Fingerfertigkeit und Selbstbewusstsein erfordern – insofern spiegelt das mitunter schon unsere Begabung oder Neigung.

Der Begriff Kunstfehler bekommt mit Medizinern auf dem Konzertpodium eine besondere Bedeutung. Wie gehen Ärzte damit um, wenn beim Auftritt was schiefgeht?

Gerade beim European Doctors Orchestra, das in England gegründet wurde, herrscht eine sehr faire, freundliche Kultur des Umgangs. Wir haben einen Begriff aus der Medizin übernommen, der sagt, wir freuen uns am Musizieren und sezieren anschließend nicht jeden einzelnen Fehler: „Keine post mortems!“

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