Talk-Show

Ex-Präsident Wulff inszeniert sich bei Illner als Opfer und Tabubrecher

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff nahm an der Talk-Show von Maybrit Illner teil (hier bei einer Podiumsdiskussion in Stuttgart).

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff nahm an der Talk-Show von Maybrit Illner teil (hier bei einer Podiumsdiskussion in Stuttgart).

Foto: Daniel Maurer

Essen.  Christian Wulff, der gescheiterte Bundespräsident, sieht sich als Opfer der Medien. Zurzeit tingelt er durch die Republik, um seine Sicht der Dinge unters Volk zu bringen. Bei Maybrit Illners ZDF-Talkrunde bekam er nun Beistand aus berufenem Munde - und verstieg sich zu einem gewagten Vergleich.

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Christian Wulff, so sieht es jedenfalls Antje Vollmer, hatte vom Tag seiner Nominierung zum Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl an keine Chance bei wichtigen Medien. „Spiegel, Bild und FAZ“, so die Grünen-Politikerin und ehemalige Bundestags-Vizepräsidentin, hätten von Anfang an auf Wulffs Kontrahenten Joachim Gauck gesetzt. Allerdings nicht, weil sie Gauck für den besseren Präsidenten gehalten hätten – sondern weil sie die Machtprobe mit der Politik suchten. „Vorbei an den Strukturen“, so Vollmer, hätte die geballte Medienmacht „populistisch“ agiert, um „den Präsidenten der Herzen“ ins Amt zu hieven.

Christian Wulff genießt diesen Moment. Erstmals seit seinem Rücktritt 2012 stellt er sich im Fernsehen den Fragen von Journalisten. Vor kurzem erst hat er in seinem Buch „Ganz oben, Ganz unten“ die Imagekampagne in eigener Sache gestartet. Es folgte ein kontrovers geführtes Interview mit Spiegel-Journalisten; und nun also bei „Maybrit Illner“. Da strebt ein Gestrauchelter zurück in die Gesellschaft. Zumal der Ex-Präsident im Brustton der Überzeugung verkündet, „dass ich das Amt gut ausgefüllt habe“ und dass er auch heute noch ein guter Bundespräsident wäre.

Wulff gesteht den ein oder anderen Fehler ein

Dass er beim Umgang mit Nachfragen zu seinem Hauskredit, der am Anfang der „Affäre Wulff“ stand, lange Zeit mit windelweichen Antworten mehr verschleierte als für Transparenz zu sorgen; dass er dem Chefredakteur der Bildzeitung eine Drohung auf die Mailbox sprach; dass er in einer für Politiker unguter Weise Privates mit Politischem vermengte – nun gut, da sei der eine oder andere „Fehler“ dabeigewesen, so Wulff. Aber entscheidend sei eben das Jagdfieber der Journalisten gewesen.

Klar, dass Vollmers Beistand Wulff zurecht kommt. Auch er sieht seinen politischen Sturz aus dem Amt als Folge einer Medienkampagne, die „heftiger, feindseliger, hemmungsloser war als ich es je erwartet hätte“. Im ZDF inszeniert sich Wulff, wie schon in seinem Buch, als politischer Tabubrecher, der mit seinen Worten von einer „bunten Republik Deutschland“ und seinem Satz, dass „der Islam inzwischen ein Teil von Deutschland“ sei, die publizistische Kaste gegen sich aufgebracht hätte. Die „Patchwork-Familie“ Wulff im noblen Schloss Bellevue – das sei zu viel gewesen für Springer und Co. Dass gerade diese junge, bunte unkonventionelle Bundespräsidenten-Familie in vielen Medien durchaus wohlwollend dargestellt wurde – dazu kein Wort.

Der Präsident im Moslem-Look

Tatsächlich aber provozierte vor allem Wulffs „Islam-Satz“, neben viel Beifall für den mutigen Schritt, auch Widerspruch. Der Focus zeigte auf dem Titelbild den Präsidenten im Moslem-Look. Gerade dieses Titelbild wurmt Wulff ganz offensichtlich bis heute. Und zwar so sehr, dass er sich im ZDF sogar zu einem gewagten Vergleich verstieg: Das sei etwa so, als wenn man in früheren Zeiten „einen Freund der Juden mit Judenstern“ gezeigt hätte. Mit solch einem haarsträubenden Vergleich kann man sehr schnell aufs Neue ins Straucheln geraten.

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