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„Hart aber fair“-Abschied: Plasberg geht mit einem Ratschlag

| Lesedauer: 7 Minuten
WM 2022 in Katar: Dunkles Kapitel der Fußballgeschichte?

WM 2022 in Katar: Dunkles Kapitel der Fußballgeschichte?

Die WM in Katar schreibt Geschichte. Doch an was werden wir uns am Ende erinnern? Der Direktor des Deutschen Fußballmuseums im neuen Podcast.

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Berlin.  In seiner letzten Sendung nach 22 Jahren diskutiert Frank Plasberg über ein Thema, von dem er „selbst nichts versteht“: die Fußball-WM.

Gucken oder nicht gucken? Das war bei Plasbergs allerletzter „Hart aber fair“-Sendung die Gretchenfrage: Kann man sich auf die Fußball-Weltmeisterschaft freuen, die am 20. November in Katar startet? Oder muss man „sich die Nase zuhalten“ (Plasberg), wenn man weiß, unter welchen Bedingungen die WM-Bauten – trotz „technischer und logistischer Meisterleistungen“ – entstanden sind?

Da kann die Frage nach einem Boykott die Fußballfangemeinde noch so spalten – die Antwort lieferte Moderator Frank Plasberg nach seiner eigenen Recherche: Während das Erste an diesem Montagabend eine anklagende Katar-Dokumentation nach der anderen zeige, bewerbe ARD-Media die geplanten 160 Stunden TV-Übertragung der WM als „Reichweiten-Boost“. Das sollte an diesem Abend nicht der einzige Plasberg-Angriff auf die deutsche Doppelmoral bleiben.

„Hart aber fair“: Diese Gäste waren am Montag dabei

  • Nancy Faeser (SPD), Bundesinnenministerin
  • Thomas Hitzlsperger, ehem. Fußball-Nationalspieler und Presenter der ARD-Dokumentation "Katar – warum nur?“
  • Tuğba Tekkal, ehem. Bundesligaspielerin, Autorin des "Spiegel/Spotify“-Podcast "Ausverkauft – Katar, der Fußball und das große Geld“
  • Steffen Simon, Mediendirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)
  • Willi Lemke, Ex-Manager vom SV Werder Bremen und ehem. UN-Sonderbotschafter Sport

Sowieso hatte die „Hart aber fair“-Redaktion nicht ohne Hintergedanken Thema und Titel der Sendung bestimmt: „Ab in die Wüste“. Das las sich erst wie ein diskreter Kommentar auf die „WM der Schande“, wie Kritiker sie nannten. Aber es war eben auch Frank Plasbergs letztes „Hart aber fair“ nach 22 Jahren.

Nach Plasberg: Louis Klamroth startet am 9. Januar bei „Hart aber fair“

Nach fast 750 Sendungen verabschiedet sich der 65-Jährige in Rente – und zeigte sich am Schluss sichtlich gerührt von den „oft drei bis vier Millionen Fernsehzuschauern“, die ihn regelmäßig gesehen hatten. Von den „1000 Ratschlägen“, die er zum Abschied erhalten habe, wollte Plasberg dagegen nur den einen befolgen, den ihm ein bekannter Professor mitgegeben hatte: „immer hell kleiden und gut riechen“.

  • Lesen Sie auch: Hart aber fair: Plasberg hört auf – Wer auf ihn folgt

Ab 9. Januar 2023 wird Louis Klamroth, bisher Polit-Talk-Moderator bei ntv, übernehmen. Er zeigte sich an diesem Abend auch – als Überraschungsgast, kurz und klanglos, mit einem Zusammenschnitt der bisher denkwürdigsten Highlights.

Viel hatte sich geändert im Laufe der 22 Jahre, nicht nur die Studio-Deko. Zur Premiere hatte „Hart aber fair“ noch in einer Kirche getalkt, passend zum Reizthema Sterbebegleitung. Im Vergleich zu seinen Anfangszeiten war Moderator Plasberg sichtlich ergraut. Vor allem aber schien er viel milder gestimmt.

Nur bei einer Frage blitzte am Abend noch die alte Provokationslust bei Plasbergs Abschieds-Talk auf – und er setzte zu seinem letzten Angriff an: „Wird im Fußball die Moral hochgehalten, die wir uns beim Gaseinkauf nicht leisten können?“, so der Moderator.

Neuer „hart aber fair“-Moderator: Das ist Louis Klamroth
Neuer hart-aber-fair-Moderator: Das ist Louis Klamroth

„Hart aber fair“: FIFA warnt Sportler vor „Moralvorträgen“

Willi Lemke, Ex-Manager vom SV Werder Bremen und im Gegensatz zu Frank Plasberg Fußball-Kenner, nahm die Vorlage gerne an. Er beklagte vor allem die Doppelmoral, mit der deutsche Politiker den WM-Ausrichter vorführten. Was Katar bereits an Arbeitsrechtsreformen verwirklicht habe, sei schon „viel besser als in den Nachbarländern.“

Die einstige Bundesligaspielerin Tuğba Tekkal kritisierte vor allem die korrupte Vergabe der WM an „ein Land mit einem Unrechtsregime“. Jetzt verschicke die FIFA an Sportler Briefe mit der Mahnung, nicht an „Moralvorträgen“ teilzunehmen, berichtete sie. Allein die Wortwahl der Schreiben bringe sie auf, so Tekkal: „Ich kann nicht jeden Tag für Menschrechte auf die Straße gehen und bei Katar dann wegschauen.“

Als einzige in der Runde wünschte sie sich, dass möglichst viele ihrem „konstruktiven Boykott“ folgten. Doch mit ihrer Position stand Tekkal an diesem Abend ziemlich alleine da.

„Hart aber fair“: DFB-Mediendirektor rechtfertigt Austragungsort

Auch Steffen Simon, Mediendirektor des DFB, war nicht glücklich über den Austragungsort der „umstrittensten WM aller Zeiten“. Die laute Aufregung bewertete er aber lediglich damit, dass „der Sport politischer“ geworden war. Boykott? Nein, das hätte schon vor zwölf Jahren passieren müssen – bei der Vergabe.

Bei aller berechtigten Kritik an Menschenrechtsverletzungen solle man „den eigenen Maßstäben genügen“, forderte Simon. Worauf er damit anspielte: Die internationale Konvention zum Schutz der Wanderarbeiter hat Katar bisher nicht unterschrieben. „Deutschland aber auch noch nicht“, so habe der DFB-Mediendirektor kürzlich erfahren.

Dennoch: Einen Unterschied in den beiden Ländern sieht man alleine daran, wieviele Arbeiter bei den Bauarbeiten starben. Der britische "Guardian" hatte im Februar 2021 eine Recherche veröffentlicht, die die Toten bei den Stadionbauarbeiten in Katar zwischen 2010 bis 2020 bezifferte. Schon damals sprach die Zeitung von 6.500 Todesfällen.

Für Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), zugeschaltet aus Berlin, war es daher besonders wichtig, dass die Familien der beim Bau der Stadien getöteten Arbeiter endlich Entschädigungen aus dem Wiedergutmachungsfond (in Höhe von 440 Millionen US-Dollar, also so viel wie die WM-Preisgelder) erhielten. „Damit ist den Menschen am meisten geholfen“, urteilte sie.

„Hart aber fair“: Hitzlsperger warnt LGBTQ-Fans

Doch auch vor der bevorstehenden Austragung gibt es noch Sicherheitsbedenken: Die „Sicherheitsgarantie“ für anreisende LGBT-Fußballfans, die der katarische Ministerpräsident der Innenministerin bei ihrem Besuch abgegeben hatte, empfand Thomas Hitzlsperger als „grotesk“. Vor allem, weil der Außenminister nur wenige Tage später Homosexualität öffentlich als „geistigen Schaden“ bezeichnet hatte.

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler, der sich nach seinem Karriereende als homosexuell geoutet hatte, fand es allerdings auch wenig konstruktiv, „permanent auf Katar draufzuhauen“. Lieber wolle er weiter seine Position als TV-Experte nutzen, um Missstände öffentlich zu machen. Unmittelbar vor „Hart aber fair“ hatte die ARD bereits Hitzlspergers Doku "Katar – warum nur?" gezeigt.

Als Vizeeuropameister von 2008 verstehe er aber auch, dass die Spieler genervt waren, wenn sie immer wieder aufgefordert wurden, sich politisch zu äußern: „Jetzt wollen sie Weltmeister werden“, so Hitzlsperger knapp. „Alles andere ist Ablenkung.“

Zur Ausgabe von „Hart aber fair“ in der ARD-Mediathek.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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