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Heimat-Talk bei„Hart aber fair“: Verbale Ohrfeige im TV

Der Journalist Nikolaus Blome, Stellv. Chefredakteur „Bild“, musste im Heimat-Talk bei „Hart aber fair“ einiges einstecken.

Der Journalist Nikolaus Blome, Stellv. Chefredakteur „Bild“, musste im Heimat-Talk bei „Hart aber fair“ einiges einstecken.

Foto: Horst Galuschka / imago/Horst Galuschka

Berlin  Die Frage nach einer Heimat ist ein emotional aufgeladenes Thema. Bei Frank Plasberg kochten die Emotionen hoch – nicht nur einmal.

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Nikolaus Blome versteht die Welt nicht mehr. Da will der Politikchef der „Bild“-Zeitung doch bloß wissen, wie die türkische Community in Deutschland so tickt.

Warum ein Despot wie Präsident Recep Tayyip Erdogan vielen Exil-Türken ein Gefühl von Stolz, Anerkennung und ja, auch Heimat vermittelt. Doch auf seine Frage erhielt der Journalist am Montagabend bei „Hart aber fair“ keine Antwort – er bekam eine verbale Ohrfeige.

Die Kabarettistin Idil Baydar, die sich – obwohl im niedersächsischen Celle geboren – als Migrantin bezeichnet, konnte mit Blomes Interesse herzlich wenig anfangen. „Ich muss doch nicht Rede und Antwort stehen“, blaffte die Tochter türkischer Einwanderer.

„Warum setzen Sie voraus, dass ich eine Türkei-Expertin bin?“, hielt sie dem „Bild“-Mann entgegen. Sie frage doch schließlich auch nicht nach Blomes Großmutter und Konzentrationslagern.

„Hart aber fair“: Verstehen Deutsche Zuwanderer nicht?

Damit war der Ton gesetzt. Der eine fragt, die andere fühlt sich sofort angegriffen. Und keilt zurück. Was bleibt, ist Sprachlosigkeit.

Es scheint schwer zu sein, über das emotionale Thema Heimat und Zugehörigkeit in Talkshows zu reden. Vor allem, wenn persönliche Verletzungen eine Rolle spielen. Und die nahm man der Kabarettistin Baydar ab, als sie etwa davon sprach, dass auch sie gemeint sei, wenn AfD-Politiker Menschen „entsorgen“ wollten.

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Baydar reagierte auf viele Fragen emotional. Allein mit Nikolaus Blome rasselte sie in der 75-minütigen Sendezeit mehrmals aneinander. So konnte der Eindruck entstehen, dass Deutsche Zuwanderer nicht verstehen – und umgekehrt.

“Hart aber fair“-Redaktion schon vor der Sendung in der Kritik

Dass es hitziger zugehen könnte, hatte sich schon im Vorfeld der Sendung angedeutet. Die „Hart aber fair“-Redaktion stand in der Kritik. Der Titel „Heimat Deutschland – nur für Deutsche oder offen für alle?“ sorgte im Netz für teils heftige Reaktionen.

Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli etwa twitterte: „Diese Sprache ist der Grund, warum auch mir gesagt wird, ich soll in meine Heimat zurück“. Und die Linksaußen Publizistin Jutta Ditfurth empfand schon die Frage als „bösartig“. Sie unterstellte der ARD gar, die Nazi-Parole „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ zu thematisieren.

Fairerweise muss man sagen: Die Diskussion bei „Hart aber fair“ schloss an die ARD-Dokumentation um 20.15 Uhr an – und die trug den Titel „Heimatland – Oder die Frage, wer dazugehört“. Darin ging es um Heimatgefühl, Stadt und Land und die Frage, was Identität ausmacht.

Und eigentlich sollte es in einem Einwanderungsland möglich sein, darüber ohne Schaum vorm Mund zu diskutieren. Wie gesagt: eigentlich. Bei „Hart aber fair“ verhedderten sich die Gäste aber in Nebensächlichkeiten – so wie „Bild“-Journalist Blome und Idil Baydar. Oder sie redeten zu oft aneinander vorbei.

Der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) etwa lobte die Idylle auf dem Land, den Zusammenhalt und die gute Luft. Und: Es sei ganz normal, die Frage zu stellen, woher jemand komme. „Der eine kommt aus dem Allgäu, der andere aus Berlin“, so der Politiker.

Dass jemand aus Damaskus im tiefsten Bayern vielleicht anders aufgenommen werden könnte als ein Zuzügler aus Berlin, schien sich der Minister nicht vorstellen zu können.

Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt durchbrach das Loblied auf die Provinz als sie feststellte, dass es dort mit der Freiheit schnell vorbei sein könne. Dann nämlich, wenn im Dorf ein schwules Paar lebe. Oder eine junge Frau einen türkischen Mann mit nach Hause bringe.

„So ganz romantisch ist es nicht überall“, sagte Göring-Eckardt. Heimat müsse man suchen, finden – und auch bekommen.

Stellvertretend für das, was viele Zuwanderer erleben, zeigte Frank Plasberg einen Einspieler. Darin fragte der Musikproduzent Dieter Bohlen ein kleines Mädchen in einer Castingshow, woher sie komme. „Aus Herne“, antwortet das Kind. Doch Bohlen fragte weiter. Vermutlich wegen ihrer bunten Kleidung und dem asiatischen Aussehen. Der Verweis auf die deutsche Stadt reichte offenbar nicht aus.

Soziologe: Herkunft interessiert Menschen

Doch was ist das: Neugier oder Diskriminierung? Der Soziologe Armin Nassehi sah sich darin bestätigt, dass Herkunft eben eine Kategorie sei, die Menschen interessiere. Problematisch werde es dann, wenn Hautfarbe als wichtiger angesehen werde als der Charakter. Da nämlich beginnt Rassismus. Der sei zu bekämpfen, darin war sich die Runde einig.

„Bild“-Politikchef Blome machte noch darauf aufmerksam, dass dort, wo die Menschen das Gefühl hätten, im Stich gelassen zu werden, die AfD auch stark sei.

Dass es legitim ist, in einer sich schnell wandelnden Welt, zumindest Unbehagen über zu viele Veränderungen in zu kurzer Zeit zu empfinden, bestritt niemand in der Runde. Die Frage ist vielmehr, wie viel Gegensätze ein Land aushält.

Wie es für die, die schon immer oder sehr lange hier leben, Heimat bleiben und für all jene, die neu dazukommen, Heimat werden kann. Doch darauf hatten auch Frank Plasbergs Gäste keine Antwort parat.

Hier finden Sie die Sendung in der Mediathek.

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