Fernsehen

Netflix, Prime und Co.: Die große Streaming-Revolution

Den Online-Plattformen wie Netflix und Amazon Prime Video wird ein ähnlicher Siegeszug vorausgesagt wie den Anbietern von Musikstreaming.

Den Online-Plattformen wie Netflix und Amazon Prime Video wird ein ähnlicher Siegeszug vorausgesagt wie den Anbietern von Musikstreaming.

Foto: iStockphoto/simpson33 / iStockphoto

Hamburg  Fernseher sind weiter wichtig, was läuft, ändert sich massiv. Immer mehr Menschen nutzen Netflix, Prime und andere Streaming-Dienste.

Nehmen wir zum Beispiel Dazn. Der auf Sport spezialisierte Streamingdienst ist noch keine drei Jahre alt, doch er verfügt schon heute über hoch attraktive Übertragungsrechte. Die Plattform, die dem amerikanisch-russischen Milliardär Len Blavatnik gehört, überträgt Spiele der Uefa Champions League ebenso wie Partien der Uefa Europa League.

Sie zeigt Zusammenfassungen von Begegnungen der Fußballbundesliga und hat zudem Spiele der Uefa Nations League im Angebot. Das Berliner Beratungs- und Forschungsinstitut Goldmedia schätzt die Zahl der Dazn-Abonnenten auf 1,5 Millionen.

Offenbar plant das Unternehmen nun den nächsten Schritt. Nach Informationen des Mediendienstes DWDL hat es sich bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg die Lizenz für ein „Fernsehspartenprogramm“ namens Dazn 1 gesichert.

Dass Streamingdienste wie Amazon Prime Video und Netflix längst Schwergewichte im Markt sind, ist bekannt. Aber auch vermeintliche Nischenangebote wie Dazn wachsen rasant.

Netflix, prime, Dazn: Streaming spielt bald „erste Geige“

Florian Kerkau, der bei Goldmedia die Markt-, Medien- und Nutzerforschung verantwortet, spricht bereits davon, dass „Streaming in der kommenden Dekade die erste Geige“ spielen könnte. Und zwar zu Lasten des klassischen linearen Fernsehens.

Dem laufen junge Zuschauer schon seit Längerem in Scharen davon. Das ist dramatisch für die ohnehin überalterten Programme von ARD und ZDF. Aber auch der Privatsender ProSieben, der vor allem unter-30-Jährige anspricht, leidet enorm.

Anteil älterer Nutzer steigt rasant

Nach Angaben des Marktforschungsinstituts GfK nutzen bereits 22,7 Millionen Deutsche kostenpflichtige Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime Video oder Maxdome. Und selbst ältere Zielgruppen, die bisher dem herkömmlichen Fernsehen treu waren, sind neuerdings vom Streamingvirus infiziert.

Laut GfK stieg der Anteil der über-50-Jährigen unter den Nutzern von Videoplattformen innerhalb von nur neun Monaten von vier auf 19 Prozent.

Solche Zahlen kann auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) nicht ignorieren. Sie hat entschieden, dass die Exklusiv-Übertragungsrechte an der Fußballbundesliga ab der Saison 2021/22 erstmals auch ein Anbieter erwerben kann, der nur Live-Streaming auf stationären und mobilen Geräten anbietet. Natürlich wird es auch ein Angebot für das klassische Fernsehen geben – aber womöglich nur in Sublizenz. Nicht auszuschließen, dass Dazn seine Lizenz für ein Fernsehspartenprogramm vor diesem Hintergrund beantragt hat.

Der Markt ist umkämpft – und alte Platzhirsche wollen mitröhren

Ob Dazn aber überhaupt zum Zug kommen wird, ist völlig unklar. Goldmedia-Experte hält es für gut möglich, dass sich auch potente Bieter wie Amazon oder die Deutsche Telekom, die mit Magenta TV einen eigenen Streamingdienst unterhält, für die Bundesligarechte interessieren könnten. Auch Discovery, das über seinen Eurosport Player bereits die Freitagsspiele der Liga ­­­streamt, dürfte wieder mitbieten.

Und da ist selbstverständlich noch der bisherige Platzhirsch, die Pay-TV-Plattform Sky, deren Wachstum wegen der Streamingkonkurrenz zum Stillstand gekommen ist. Da Sky aber immerhin 5,1 Millionen Abonnenten hat, dürfte der Bezahlfernsehanbieter in irgendeiner Form, so Kerkau, auch bei der nächsten Ausschreibung der Bundesligarechte zum Zuge kommen.

Auf dem Musikmarkt haben Streaming-Dienste schon alles verändert

Dennoch: Die TV-Sender haben lange Zeit keine Antwort auf den Streamingtrend gehabt. Das überrascht, da sich der Siegeszug dieser Digitaltechnik schon seit Längerem in einer anderen Medienbranche beobachten lässt. Weltweit generiert die Musikindustrie mit Streamingdiensten wie Spotify oder Deezer den Löwenanteil ihrer Umsätze.

Die Plattformen haben der CD – Vinylschallplatten sowieso – und MP3-Dateien längst das Wasser abgegraben. Selbst im sehr konservativen deutschen Markt wurden mit Diensten wie Spotify & Co. 2018 erstmals höhere Erlöse erzielt als durch den Verkauf von CDs.

Einen vergleichbaren Siegeszug sagt Goldmedia-Mann Kerkau den Streamingplattformen auch auf dem Bewegtbildmarkt voraus. Nach Ansicht des Medienforschers stehen schon jetzt zwei Gewinner dieser Entwicklung fest: „Netflix und Amazon werden künftig für die Grundversorgung zuständig sein“, sagt er.

Bereits heute haben sich die beiden Plattformen fest im deutschen Markt etabliert: Amazon Prime Video kommt auf geschätzt sieben Millionen Abonnenten in Deutschland, Netflix auf etwa fünf Millionen. Offizielle Zahlen veröffentlichen beide Unternehmen nicht. Weltweit hat übrigens Netflix die Nase vorn.

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Konkurrenz aus Deutschland wird größer

Dass Kerkau ansonsten nur noch Platz für „Spezialangebote“ sieht, kann den etablierten TV-Sendern nicht schmecken, die erst jetzt zu einer großen Streamingoffensive blasen:

Zuvor hatte bereits RTL Deutschland seinen Streamingdienst TV Now einer Generalüberholung unterzogen. Auf das Angebot, sich bei Joyn zu beteiligen, ging RTL nicht ein.

Beide Sendergruppen verfolgen unterschiedliche Ansätze: TV Now gliedert sich in verschiedene Channels, während Joyn sich als Plattform versteht. Die ProSiebenSat.1-Tochter bietet auch Livestreams anderer Sender an. Gemeinsam ist beiden Diensten jedoch, dass sie – im Gegensatz zu Netflix und Amazon – auch kostenlose, werbefinanzierte Angebote im Programm haben. Bei Joyn wird es erst zum Jahresende Bezahlangebote geben. Die defizitäre Streamingplattform Maxdome wird dann ebenso in dem Dienst aufgehen wie Discoverys Eurosport Player.

ARD und ZDF haben nur gering bedeutsame Mediatheken

Bei den Öffentlich-Rechtlichen ist eine gemeinsame Plattform von ARD und ZDF nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die ARD hat ihre Mediathek gerade erst neu aufgestellt. Laut Streamingexperte Kerkau haben die öffentlich-rechtlichen Mediatheken allerdings eine vergleichsweise geringe Bedeutung. In der ARD-Mediathek würden beispielsweise nur die „Tagesschau“ und der „Tatort“ regelmäßig hohe Abrufzahlen erzielen.

Weitaus wichtiger sei für die Öffentlich-Rechtlichen die Verbreitung ihrer Inhalte über Youtube. Tatsächlich wird das digitale Jugendangebot Funk von ARD und ZDF ausschließlich via Youtube verbreitet. Unter den Streaminganbietern ist die Bewegtbildtochter des Internet­riesen Google nach wie vor eine Macht.

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Disney steigt ein, Apple legt los – es wird spannend auf dem Markt

Weitere Wettbewerber stehen in den Startlöchern. Noch in diesem Jahr wollen Apple und

– vermutlich auch in Deutschland. Weitere Medienkonzerne – insbesondere große Filmstudios wie etwa Warner Bros. Entertainment – könnten folgen.

Aber selbst wenn die Studios Netflix und Amazon ihre Produktionen entziehen sollten, um sie ausschließlich auf ihren Angeboten zu zeigen, sind laut Kerkau die beiden Portale der Konkurrenz weit enteilt: Netflix gab zuletzt für die Produktion neuer Inhalte jährlich 18 Milliarden Dollar aus. Bei Apple lag dieser Etat „nur“ bei fünf Milliarden Dollar. Allerdings: Irgendwo muss das Geld auch herkommen –

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