Film

Film „Eine moralische Entscheidung“: Unschuld und Sühne

Navid Mohammadzadeh (li.) als Gelegenheitsarbeiter Moosa, Amir Agha’ee als Pathologe Dr. Nariman.Farbfilm Verleih

Navid Mohammadzadeh (li.) als Gelegenheitsarbeiter Moosa, Amir Agha’ee als Pathologe Dr. Nariman.Farbfilm Verleih

Nachts auf Teherans Straßen: Der iranische Regisseur Vahid Jalilvand seziert in seinem neuen Spielfilm „Eine moralische Entscheidung“.

Ein nächtlicher Unfall auf einer Teheraner Schnellstraße stürzt zwei Männer in einen Abgrund aus Schuldgefühlen und Rachegelüsten, aus Selbstzweifeln und Selbsthass. Bei dem Versuch, einem rücksichtslosen Drängler auszuweichen, touchiert Dr. Kaveh Nariman (Amir Aghaee) mit seinem Wagen das Motorrad eines Gelegenheitsarbeiters. Moosa (Navid Mohammadzadeh) verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug. So landet er zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen auf dem Standstreifen.

Aber alles scheint noch einmal glimpflich abgegangen zu sein, zumindest äußerlich hat sich niemand schwerer verletzt. Deswegen drückt der Pathologe Moosa einfach Bargeld in die Hand und regelt die Geschichte ohne Polizei. Damit könnte alles erledigt sein. Doch dann wird am nächsten Morgen die Leiche von Moosas älterem Sohn in die Pathologie gebracht.

Schon in diesen ersten Minuten seines zweiten Spielfilms knüpft der iranische Regisseur und Schauspieler Vahid Jalilvand ein derart engmaschiges Netz aus spontanen Reaktionen und grundsätzlichen Entscheidungen, dass es für keine seiner Figuren mehr ein Entkommen gibt.

Der verzweifelte Familienvater sucht blindlings nach Rache

Immer wieder deuten sich in „Eine moralische Entscheidung“ Auswege an. So ergibt die Obduktion, dass der Junge an einer Lebensmittelvergiftung gestorben ist. Doch weder Dr. Nariman noch Moosa, der aus Geldnot vergammeltes Fleisch für seine Familie gekauft hatte, nutzen, die Gelegenheiten, die sich ihnen bieten. Der verzweifelte, in seiner Ehre als Familienvater verletzte Arbeiter sucht blindlings nach Rache. Und für den Arzt wird die Vorstellung, dass sich der Junge bei dem Unfall einen nicht erkannten Genickbruch zugezogen hat, zu einer Obsession. Er kommt von dem Gedanken, die Schuld zu tragen, nicht mehr los.

Anders als viele iranische Filmemacher blendet Vahid Jalilvand alles Politische aus seiner Filmerzählung aus. „Eine moralische Entscheidung“ trägt keine parabelhaften Züge. Es gibt nichts, was sich als Kommentar zum Regime entschlüsseln ließe. Trotzdem entwickelt das Drama um zwei Männer, die in einen Sog falscher Entscheidungen geraten, eine ungeheuere Sprengkraft. Sühne und Rache sind die Pole, zwischen denen sich der Arzt und der Arbeiter bewegen. Der eine sucht die Schuld krampfhaft bei sich. Der andere will sich von seiner Schuld freimachen, indem er sie auf einen Fremden, den Verkäufer des schlechten Fleisches, schiebt.

Schuld lässt sich in Jalilvands Augen weder sühnen noch tilgen

Beide Reaktionen sind tradierten (Moral)Vorstellungen verpflichtet, die längst nicht nur die iranische Gesellschaft prägen. Doch genau diese vorgefertigten, von Generation zu Generation weitergereichten Ideen stellt Vahid Jalilvand in Frage. Weder Moosa noch Dr. Nariman können ihren Handlungen entkommen. Mit jeder weiteren Entscheidung verursachen sie nur noch mehr Leid, für sich und für die Menschen in ihrem Umfeld. Schuld lässt sich in Jalilvands Augen weder sühnen noch tilgen. Seine Sicht der Dinge ist eine durch und durch existentialistische. Jeder, der handelt oder auch nicht handelt, macht sich auf die eine oder andere Weise schuldig und muss damit leben.

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