Erziehung und Gesellschaft

Gebt den Kindern einfach Arbeit!

Curious boy with a clever face looks through the magnifying glass and lifts his index finger up. The concept of logical thinking.

Curious boy with a clever face looks through the magnifying glass and lifts his index finger up. The concept of logical thinking.

Foto: Radachynskyi

Essen.   Zwischen Unter- und Überforderung: Kritische Blicke auf Bildungswege. Allan Guggenbühl und Agnes Imhof über Optimierungswahn und Hochbegabung

Das Kabarett hat Chinesischunterricht im Kindergarten schon fast abgehakt, aber die Pädagogik arbeitet sich erst jetzt so richtig am Qualifizierungs- und Optimierungswahn von Mittel- und Oberschicht-Eltern ab. Der Schweizer Psychologe Professor Allan Guggenbühl stellt in seinem neuen Buch „Für mein Kind nur das Beste“ fest, dass Kinder in einer Gesellschaft, in der sie eine Rarität sind, für Eltern zum „Projekt“ der Optimierung werden – erst recht, weil heute viele Eltern Mitte oder Ende dreißig sind, bevor sie ihr erstes Kind bekommen. Die berufliche Etablierung ist geleistet, nun folgt das Baby alsnächster Schritt der Selbstverwirklichung: Kinder sollen es nicht nur besser haben, sondern auch besser machen.

Unanständige Witze in der Horde

Guggenbühl registriert das Verschwinden der Kinder aus dem öffentlichen Raum, was auch daran liegt, dass sie Opfer eines immer stärkeren Sicherheitsbedürfnisses werden: gepolsterte Kanten für Klettergerüste und „Abenteuerspielplatz“ genannte Gefangeneninseln, aber auch strikt durchgeplante Tage und Vereinzelung: „Wenn sie unter Kontrolle der Erwachsenen sind, ist es für Kinder und Jugendliche schwer, sich in Horden zusammenzuschließen, zu balgen, sich gegenseitig zu foppen, unanständige Witze zu erzählen und von­ein­ander zu lernen.“ Keine Experimente, keine Risiken – Stromlinien-Persönlichkeiten.

Der Psychologe empfiehlt dagegen Freiräume ohne Erwachsene und „wohlwollende Vernachlässigung“, etwa auf dem Schulweg: Es sei sinnvoll, den Kindern zu zeigen, wie sie gefahrlos zur Schule kommen und das mit ihnen zu üben – aber dann sollten sie den Freiraum für sich haben. Wer seine Kinder zur Schule bringt, nimmt ihnen den Erfahrungsraum, in dem sie sich selbstständig entwickeln können: Urteils-, Durchsetzungs- und Entscheidungsfähigkeit.

Dass Guggenbühl der Gesellschaft vorwirft, sie wolle die Jugend nach ihren Vorstellung formatieren, wirkt indes naiv: Wann hätte je eine Gesellschaft das nicht getan? Und dass das Ideal einer optimalen Bildung von den Älteren dazu genutzt wird, die Jüngeren von der Macht fernzuhalten, mag den Generationenkonflikt überschätzen. Immerhin fällt dem Psychologen noch auf, dass normierte Bildungswege (wie die Bologna-Reform an den Universitäten, die jegliche studentische Kritik an Lehrstoffen und -methoden im Keim erstickt) vor allem in den Anforderungen der Wirtschaft wurzeln. Dass die massiven Bildungsanstrengungen Ausdruck einer allseits akzeptieren Konkurrenz- und Ego-Gesellschaft sind, schimmert bei seiner Analyse nur gelegentlich durch.

Ein zweiter Vorschlag für eine veränderte Erziehung von Guggenbühl: Arbeit für Kinder ab dem neunten Lebensjahr. Der Pädagoge siehtdarin eine Möglichkeit, Kindern Verantwortung, Selbstwertgefühl und Autonomie zu geben sowie ein Gefühl dafür, dass Geldnicht aus dem Automaten kommt, sondern Resultat von Anstrengung und Disziplin ist. Anfangs könnten Kinder einen Tag in der Woche Zeitungen austragen, mit 12 einen bis zwei Tage in der Schulkantine helfen, im Supermarkt-Lager oder auf dem Feld, Post verteilen, Autos waschen, Events betreuen.

Die Unterforderung, die Agnes Imhof die Kindheit vermiest hat, wäre mit solchen Mitteln freilich auch nicht zu beseitigen gewesen: Agnes Imhof gehört zu den zwei Prozent Hochbegabten ihres Jahrgangs, aber sie selbst hat das erst erkannt, als sie ihre Tochter wegen notorischer Unterforderung im Kindergarten einen IQ-Test machen ließ. Ihre eigenen Eltern spielten die überragende Intelligenz der Tochter stets herunter, die dann kämpfen musste um jedes einzelne Feld, auf dem sie ihre vielen Begabungen austoben konnte. Heute ist sie Orientalistik-Professorin, hat unter Pseudonym ihre Historien-Schmöker zu Bestsellern werden lassen und war zehn Jahre mit den Bamberger Symphonikern als professionelle Sängerin unterwegs. Ihr eigentliches Interesse gilt aber der Astro- und Atomphysik...

Ehrfurcht, Neid und Verachtung

So fordert Agnes Imhof in ihrem Buch „Dummerweise hochbegabt“ eine bessere Förderung für Supergescheite, die Einrichtung spezieller Klassen für sie, in denen sie Hochbegabung als Normalfall erleben können, und das frühzeitige Überspringen von Schulklassen. Die Lektüre des Buchs wird Eltern wie Kindern erleichtern, zur Hochbegabung zu stehen. Sie wird ja von Außenstehenden nach wie vor mit einer seltsamen Mischung aus Ehrfurcht und Neid, Angst und Verachtung für angebliches Nerd- und Strebertum registriert wird. Agnes Imhof hat Jahrzehnte gebraucht, um trotzdem stolz darauf zu sein.

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