Sachbuch

Germanist Henning Lobin: Neue Rechte führt „Sprachkampf“

Lesedauer: 9 Minuten
„Unsere Sprache“: Teilnehmerin einer AfD-Veranstaltung 2015 im bayrischen Freilassing. Christof StacheAFP

„Unsere Sprache“: Teilnehmerin einer AfD-Veranstaltung 2015 im bayrischen Freilassing. Christof StacheAFP

Foto: Christof Stache / AFP

Essen.  Wie die Neue Rechte mit Sprachdebatten Politik macht: Ein Interview mit dem Germanisten Henning Lobin über Identität und Genderstern.

Sprachliche Debatten, von der Rechtschreibreform bis zum Genderstern, werden heute mit einer Heftigkeit geführt, die einem „Sprachkampf“ gleicht: So nennt es Henning Lobin, Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim – und warnt vor der Einflussnahme der Neuen Rechten. Im Interview mit Britta Heidemann erklärt er die Verflechtungen von Sprache und Politik.

Es gibt seit Jahrhunderten Sprachdebatten, Sie aber verwenden nun den Begriff „Sprachkampf“. Hat die Auseinandersetzung also eine neue Qualität bekommen?

Henning Lobin: Ich habe bemerkt, dass die Auseinandersetzung derzeit mit großer Heftigkeit geführt wird, deshalb habe ich mich ihr mit der Metapher des Kampfes genähert. Sicher gab es immer Debatten, in der deutschen Sprachen etwa zuletzt um die Rechtschreibreform in den 90er Jahren. Wenn heute aber zum Beispiel über den Genderstern diskutiert wird, dann mit besonders großer emotionaler Wucht. Im November 2018 habe ich erstmals an einer Sitzung des Rechtschreibrats teilgenommen, ich war damals neu im Amt des Direktors des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache. Es gab damals keine Entscheidung zum Genderstern, und diese Nicht-Entscheidung wurde in einer kleinen Pressekonferenz mitgeteilt. Trotzdem gingen bei mir danach wüste Beschimpfungen ein, auch bei anderen Mitgliedern des Rats: In einer sehr übergriffigen, oftmals beleidigenden Wortwahl wurde das Thema als solches in Bausch und Bogen herabgesetzt – und das so, als ob wir gerade beschlossen hätten, den Genderstern einzuführen. Das hat mich wirklich verstört. Da sind so heftige Emotionen im Spiel, dass die realen Ereignisse gar keine Rolle mehr zu spielen scheinen.

„Es geht mir um die politischen Aspekte der Sprachschlachten“

Was sind das für Emotionen, woher kommen sie?

Das Thema der gendergerechten Sprache ist aufgeladen mit allgemeinen Vorstellungen zu Gesellschaft, Familie, der Rolle der Geschlechter. Ich behaupte nicht, dass jene, die den Genderstern ablehnen, auch die Gleichstellung ablehnen. Sprache wird von jedem Einzelnen als etwas sehr Persönliches angesehen. Wir alle sind Experten der deutschen Sprache, als diejenigen, die sie erlernt haben und täglich benutzen. Und als Sprachwissenschaftler sage ich: Es sollten sich auch wirklich alle als Experten dazu verstehen! Man muss aber die Ebenen sehr genau unterscheiden. Zum einen geht es tatsächlich um sprachliche Fragen. Zusätzlich gibt es auf eine Ebene darüber aber eine politische Debatte, und um die dreht sich mein Buch. Es geht mir nicht um die sprachwissenschaftlichen Aspekte der „Sprachschlachten“, wie ich sie nenne, sondern um die politischen Interessen dahinter.

Was sind die wichtigsten Schlachtfelder?

Neben Genderstern und Rechtschreibeform sind dies etwa die Frage, ob das Deutsche ins Grundgesetz aufgenommen werden soll und in welcher Weise. Oder Fragen zu Deutsch in der Wissenschaft und in der Wirtschaft – in Konkurrenz mit dem Englischen. Ein weiteres Thema: der Kampf gegen Fremdwörter, der eine ganz lange Tradition hat. Schon ab dem 17. Jahrhundert haben sich Sprachgesellschaften zunächst gegen lateinische, dann gegen französische Fremdwörter eingesetzt. Schließlich die „politisch korrekte“ Sprache, in der es um die Bezeichnung von Personengruppen geht, wodurch Diskriminierungen unterschiedlicher Art vermieden werden sollen. Es geht zum Beispiel darum, dunkelhäutige Menschen nicht mehr mit dem N-Wort zu bezeichnen, sondern etwa „People of Color“ oder „schwarze Menschen“ zu sagen.

Der letztgenannte Fall ist eindeutig; aber was genau sind die politischen Dimensionen der anderen Sprachschlachten?

Wenn einzelne Fragen oder Initiativen zu diesen Themen in den Bundestag eingebracht werden oder in die Landesparlamente, sind sie politisch. Das betrifft vor allem die AfD, die in ihrem Grundsatzprogramm von 2016 sehr viele sprachpolitische Positionen formuliert hat, weit mehr als alle anderen Parteien. Die AfD fordert etwa, gegen Anglizismen vorzugehen, die Gender-Sprache abzuschaffen, deutsche Literatur nur von deutschen Wissenschaftlern digitalisieren zu lassen oder an deutschen Hochschulen nur auf Deutsch zu unterrichten. Selbst bei den Grünen, die sich Ende 2020 ein neues Grundsatzprogramm gegeben haben, finden Sie praktisch keine sprachpolitisch relevanten Positionen. Der berühmte Genderstern wird zwar im Text praktiziert, findet sich aber nicht als sprachpolitische Position im Programm.

Was nutzt es der AfD, so auf Sprachthemen zu setzen?

Sprachliche Themen sind zunächst einmal positive Themen, für die sich viele Leute interessieren, weil sie so vielfältig mit uns verbunden sind. Wir wissen alle, dass sprachliche Bildung wichtig ist, dass Integration über die Sprache erfolgt, die Sprache der Literatur uns fasziniert. Indem man die politische Agenda mit sprachlichen Themen verbindet, kann man dieses positive Potenzial für seine Zwecke erschließen. Hinzu kommt, dass der Begriff der Identität bei der AfD eine sehr große Rolle spielt. Die deutsche Sprache wird als Zentrum einer kulturellen Identität bezeichnet. Man kann von einem nationalidentitären Konzept sprechen, in dessen Dienst die deutsche Sprache gestellt wird – und so als trojanisches Pferd benutzt wird. Auf diese Weise politische Themen in die Mitte der Gesellschaft zu transportieren, halte ich für problematisch.

Was genau ist das trojanische Pferd? Wie schafft es eine politische Partei, ihre Themen in die Gesellschaft zu bringen?

Das schafft die AfD nicht allein, vielmehr schließt sie damit an Entwicklungen an, die schon vor ihrer Gründung begonnen haben. Seit 1996 gibt es den Verein Deutsche Sprache, der sprachpuristisch ausgerichtet ist, etwa den „Sprachpanscher-Preis“ verleiht. Die Diktion des Vereins wird von rechten Kreisen aufgegriffen, wenn dort etwa von „Gender-Terroristen“ gesprochen wird, von „lächerlichen Sprachgebilden“, von „verblendeten Ideologen“. Mit diesem Ton hat er der Neuen Rechten gewissermaßen den Teppich ausgerollt.

„Begriffe wie „Gender-Terroristen“ rollen der Neuen Rechten den Teppich aus“

Auch von linksliberaler Seite aber gibt es Tendenzen einer Art identitärer Sprachpolitik, oder?

Ja, wir befinden uns in einem politischen Spannungsfeld. Es gibt linke Identitätspolitik, die auf Sprache ausgerichtet ist, und dazu gehört sicher der Bereich der „politisch korrekten“ Sprache. Unstrittig ist, dass es da überzogene Tendenzen gibt. Aber mein Eindruck ist, dass vor allem die linke Seite mit ihren Zielen und Ansprüchen in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Dabei ist auffällig, dass die Ablehnung der linken Positionen den Charakter einer Verschwörungstheorie hat. Der Vorwurf lautet: Eine kleine Minderheit zwingt der Mehrheit ihre Meinung auf, die Regierungen, öffentlich-rechtliche Sender und große Firmen ordnen sich bereitwillig deren Diktat unter. Das ist auch ein Aspekt des Erfolges der Neuen Rechten, dass mit einem solchen Bild gearbeitet wird. Ich glaube, das Gegenteil ist wahr: Es sind erstaunlich schwach organisierte Teile der Gesellschaft, die sich für sprachliche Änderungen einsetzen, das aber in der Breite.

Was halten Sie persönlich vom Genderstern? Der Rechtschreibrat hat ihn noch immer nicht empfohlen.

Wir müssen das Thema differenziert betrachtet. Typografische Lösungen wie der Genderstern sind konsequent schwer durchzuhalten. In einem Formular, dass sich an konkrete Personen richtet, hat der Genderstern aber eine andere Relevanz als in einem literarischen Werk oder auch einer Zeitung. Was den Status im orthografischen Sinne betrifft, ist es in meinen Augen ganz klar, dass der Stern nicht zum Kernbestand orthografischer Zeichen im Deutschen gehören sollte. Dazu gehören Zeichen wie Komma, Punkt, Ausrufezeichen. Der Genderstern hat keine innersprachliche Funktion, sondern will darüber hinaus in die Gesellschaft verweisen. Aber er ist auch kein Rechtschreibfehler! Er wird ja in einer regelhaften Weise eingesetzt. Der Rat für deutsche Rechtschreibung muss sich in Zukunft damit befassen, wie solche Erscheinungsweisen der Textgestaltung zu bewerten sind. Es gibt da einige andere Erscheinungen wie das Prozentzeichen oder das Paragraphenzeichen, die auch nicht im Amtlichen Regelwerk erfasst sind. Tatsache ist aber, dass der Genderstern von vielen benutzt wird. Wenn ich aus dem Mailverteiler meiner eher bürgerlichen Nachbarschaft Nachrichten bekomme, dann sind darunter einige, die vollständig durchgegendert sind. Sie vertreten sicher keine radikalen gesellschaftlichen Positionen, sondern leben zusammen mit ihren Kindern in ganz gewöhnlichen Partnerschaften – aber schreiben ihre Mails heute mit Genderstern.

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