Oper

Gürbacas „Freischütz“ am Aalto kennt keinen trauten Wald

„Der Freischütz“. Szene der Neuinszenierung am Aalto Theaer Essen

„Der Freischütz“. Szene der Neuinszenierung am Aalto Theaer Essen

Foto: Martin Kaufhold

Essen.  Buh- und Bravo-Salven wie einst zu Hilsdorfs Rebellenzeiten. Das Aalto Theater erlebte Samstag eine spannende „Freischütz“-Premiere.

Ein Dorf am Ende. Eine Gesellschaft beherrscht von Ängsten, Konvention, sinnentleerten Riten, Magie und dumpfen Trieben. Und mittendrin Kaspar, Max und Agathe, Außenseiter, zugleich Produkt und Teil dieser unbarmherzigen, offensichtlich auch (kriegs-)traumatisierten Gesellschaft. Eine „Vorgeschichte“ oder gar Video-Schnickschnack während der Ouvertüre bleibt dem Publikum im Essener Aalto-Theater erspart.

Dafür sezieren die Essener Philharmoniker unter Tomas Netopil zuweilen scharf, aber von Anfang an transparent und schlüssig ohne romantisches Pathos Carl Maria von Webers Partitur. Wenn sich dann der Vorhang zum „Victoria“-Chor der Dörfler hebt, wird schnell deutlich: In diesem „Freischütz“ – nach dem „Lohengrin“ ihre zweite Essener Regiearbeit – von Tatjana Gürbaca hat niemand etwas zu lachen; höchstens ein böse-hämisches „He he he“.

Tatjana Gürbaca legt nach dem gefeierten „Lohengrin“ jetzt am Aalto mit dem „Freischütz“ nach

In Klaus Grünbergs düsteres Halbrund, gesäumt von schwarzen Hütten vor einem lianenartigen dunklen Dickicht, fällt kaum Licht. Von Blätterwald, dem Bild deutscher Romantik als Rückzugs- und Projektionsort, keine Spur. Magische Zeichen, das Sator-Quadrat mit seinen vorwärts wie rückwärts zu lesenden vier Worten, ein angedeutetes Kreuz oder „Gott“ spiegelverkehrt zeigen: An diesem Ort läuft einiges verkehrt. Da braucht es zum Gießen der magischen Freikugeln, mit deren Hilfe Max sich seine Zukunft als Förster an Agathens Seite „erschießen“ will, keine teuflische Wolfsschlucht mehr.

Dieses Dorf mit seinem Pfuhl reicht Tatjana Gürbaca als Ort dunkler Mächte. Dort hinein versenkt Ännchen auch das Bild des alten Försters, das von der Wand fiel und die ahnungsvolle Agathe traf. Rasch erhielt er noch ein markantes Bärtchen, das später nur abgewaschen ist, als der Alte aus dem Morast wieder hochgespült wird.

Samiel, der Teufel? Das Böse lauert beinahe überall, sogar mit zarter Kinderstimme. Und Kaspar, Max’ einstiger Konkurrent um Agathes Hand, ist folglich nicht des Teufels Helfershelfer, der durch die letzte Freikugel aus Max’ Gewehr stirbt, sondern tanzt mit den Dörflern wie auf einem Vulkan.

Dieser „Freischütz“ kennt kein Happy End. Es gibt am Ende keine weiße Taube, die nach dem Schuss davon flattert. Agathe mit einem blutigen Bündel im Arm, watet todessehnsüchtig in den Dorfpfuhl – und erwartet schließlich im weißen Kleid vergeblich ihren Mann. Vermeintliche Autoritäten wie Fürst Ottokar erweisen sich als Fresser und Verführer – Martijn Cornet glänzt bei seiner Jagd auf Ännchen sogar mit eleganter Tanzeinlage. Der Eremit, der Gnade für den Freischützen fordert und den Ehebund absegnen soll, kommt als Handlungsreisender daher.

Die Kostüme reisen durch die Jahrhunderte, am Ende kommen wir fast in der Gegenwart an

Gürbaca zeigt mit ihrer Sicht auf das so oft als deutsche Nationaloper bezeichnete Werk ein Stück über Gewalt, Verführung, Versagen oder Verdrängen. Silke Willrets Kostüme deuten ein Panorama der vergangenen vier Jahrhunderte an. Wenn Agathes bräutliche weißen Rosen zum Grabkranz vor einem endlos leeren Eisenbahngleis werden, ist die Erzählung fast in der Gegenwart angekommen.

Das Aalto-Ensemble trägt diese Erzählung wunderbar mit. Jessica Muirhead verleiht mit ihrem runden, vollen Sopran der Partie Agathe Tiefe, aber auch ein zart-schwebendes Piano. Maximilian Schmitt als Gast legt mit hellem, zuweilen leicht unruhigen Tenor den Max folgerichtig eher empfindsam an, während Heiko Trinsingers Kaspar mit kerniger Wucht und nötiger Schwärze daherkommt. Tamara Banjesevic lotet die Partie des Ännchen mit Farben und Schattierungen aus, die eine dunklere Seite des möglichen Alter-Egos der Agathe vermuten lassen. Sehr sanglich und transparent der von Jens Bingert gut vorbereitete Opernchor abseits romantischer Klischees.

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Der Freischütz, Aalto, Theater Essen. Dauer ca. 2,5h Stunden. Karten (22-49€). Verkauf unter 0201-8122200 oder www.theater-essen.de


Die nächsten Aufführungen: 12., 22. und 27. Dezember. Im Januar am 12. und 17. Im Februar am 3. und 17.

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